Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 757
 

Unsere Schulen und LehrerInnen – Teil 6 „Nachsitzen“

Nachsitzen.

Nach Abschluss der Serie erreichte mich noch einiges an Material, das ich nicht vorenthalten möchte. Da es um Schule geht, nenne ich das nicht Zugabe oder Nachschlag, sondern „Nachsitzen“ 😊.

Da haben wir zuerst einmal eine Ergänzung von Reinhold Bahmann. „Auch ich hatte natürlich eine Zeit am (Pro-) Gymnasium mit allerhand Streichen über die ich ergänzend berichten möchte:

Johannes Hils war am Progymnasium ein kleiner, untersetzter Lehrer aus Ellwangen, den wir getriezt haben, wo wir nur konnten. Er hatte sich einen neuen VW gekauft und schwärmte davon, obwohl das Auto für ihn ein unbekanntes Wesen war. Einmal haben wir den Wagen an der Antriebsachse minimal mit Ziegelsteinen hochgebockt, so dass diese keine Bodenhaftung mehr hatten und er somit nicht wegfahren konnte. Er gab Gas, dass es nur so eine Freude war, ohne sich auch nur einen cm fortzubewegen. Außer sich vor Angst und Wut, stand er vor dem Wagen und hat den Service angerufen. Der hat die Sachlage natürlich schnell erfasst. Ihr könnt Euch vorstellen was danach in der Schule los war. Die Übeltäter konnten nicht ermittelt werden und die Leserschaft wartet gespannt auf das Outen der Übeltäter 😊.

Dr. Sigurd Enders war, wie Billie schon geschrieben hat, ein ganz besonderer Lehrer. Die erste Arbeit in Deutsch war eine super 1 die zweite eine glatte 5. Wir haben dem Mann an seinem neu gebauten Haus an der Lenzhalde eines Nachts die provisorische Holztreppe weggetragen, dadurch konnte er das Haus nicht mehr verlassen, ohne den Hang hinunterzurutschen. Irgendjemand hat ihn dann aus seiner misslichen Lage befreit.

Frank Dietzsch bekam einen Eintrag, weil er dem Doc Enders widersprochen hatte. Enders nannte Tokio mit 1,5 Mio. Einwohnern, obwohl es damals geschätzt ein Vielfaches davon war. Er unterrichtete aus Manuskripten seines Vaters, die schon vergilbt waren.

In unserer Klasse waren u.a. neben Frank Dietzsch (übrigens ein Supersportler), heute Kinderarzt in Calw, Albert Möhrle, Detlef Schönmetzer, Norbert Westphal und Wolfram Schröder (Berlin).“

Auch Rudi Fischer „Schreiberle“ aus Mosbach woiß no ebbes: „Wenn ich den Bericht so lese, fällt mir auf, dass der Lehrer Wolfgang Göggerle nicht erwähnt wurde. Er war Lehrer an der Dreissentalschule. Der Jahrgang 1938 wurde von ihm in der 6. Klasse unterrichtet. Nach dem Krieg waren auch Elly Brachmann und Julius Metzger eingesetzt, da ein eklatanter Lehrermangel herrschte.

1944 ging ich bei Frau Schweikardt in die 1. Klasse. Wurde die womöglich nicht genannt, weil man da morgens zum Gruß noch „Heil Hitler“ sagte? Außerdem war Frau Stelzer auch Lehrerin in Oberkochen im ev. Schulhaus, so um 1948. Da gab es noch Fleißzettel. Wenn ich bis Samstag sechs davon gesammelt hatte, durfte ich im damaligen Martha-Leitzhaus die Wochenschau sehen, danach mussten wir Kinder das Kino verlassen. So war das damals.“

Wolfgang Ritter aus Dinkelsbühl ergänzt: „Zum Bericht 721 ergibt sich ein persönlicher Bezug. Auch ich war 2 Jahre später, im Jahr 1961, ABC-Schütze bei Frau Erben in der Dreissentalschule. Und mit meiner ersten Lehrerin Frau Erben erlebte ich eine nette Episode in den ersten Schulwochen:

Meine Eltern zogen 1957 wegen der neuen Arbeitsstelle des Vaters bei der aufstrebenden Firma Zeiss von Dinkelsbühl nach Oberkochen. Wie ich mich erinnere, hatten wir zugezogene Franken anfangs – heute würde man sagen – „Integrationsprobleme“ innerhalb der vielen neuen Mitbewohner in der Neubausiedlung. Einerseits beäugten uns die Einheimischen, also die „Schwaoba“, ob unseres fränkischen Dialekts misstrauisch, andererseits waren wir für die anderen Neu-Zugezogenen (mein Vater sprach oft von „Flüchtlingen“ oder „Preißn“, obwohl sie vermutlich mehrheitlich aus Thüringen stammten) irgendwie etwas Besonderes, da wir weder Schwaben noch Heimatvertriebene waren.

Ich wuchs in einem wohlbehüteten Elternhaus auf, von den Eltern wohl immer darauf bedacht, dass mir von den Fremden nichts Böses angetan wurde. Und am ersten Schultag stand ich dann – sprachlich vollkommen unvorbereitet für meine künftige Bildungslaufbahn – im Klassenzimmer und verstand buchstäblich kein Wort und die Welt ohnehin nicht mehr. Das ging wohl etliche Tage so, bis mein Vater von Frau Erben in die Schule bestellt wurde, um zu klären, was mit dem Sohn „nicht stimme“ – die gemachten Hausaufgaben waren tags darauf meist völlig „daneben“ und in der Schule muss ich wohl ziemlich abwesend und unaufmerksam gewesen sein. Und dann stellte sich heraus, dass ich aufgrund „innerdeutscher“ Sprachprobleme dringend Nachhilfe brauchte. Und die bekam ich dann von Frau Erben höchstpersönlich. Sie bzw. ihr Mann stammten wohl aus Oberfranken (?), d. h. sie beherrschte den fränkischen Dialekt. Und so praktizierte sie diskret und unauffällig in dankenswerter Weise in den nächsten Wochen eine Art Simultanunterricht und legte dabei immer ein besonderes Augenmerk auf mich und pushte mich bildungsmäßig auf das Klassendurchschnittsniveau, während sie den Rest meiner Klasse hochdeutsch unterrichtete. Und nach wenigen Monaten, also in Null Komm Nix, beherrschte ich vier deutsche Dialekte in Wort und Schrift – fränkisch, hochdeutsch, thüringisch und schwäbisch – solide Kommunikationsbasis für mein weiteres Schul- und Berufsleben. Kann man sich heute noch so ein engagiertes, uneigennütziges und vorbildliches Entgegenkommen einer pädagogischen Lehrfachkraft vorstellen?“

Das ist die Gelegenheit ein paar fränkische Wörter loszuwerden (die könnten glatt vom Bademeister Büttner stammen 😊):

 

Einschulung von Martina Weißbach (Archiv Spitzner)

 

Und dann hätten wir da noch Martina Spitzner geb. Weißbach. Sie ist eine Tochter des Ingenieurs Gerhard Weißbach und seiner Ehefrau Ilse, seinerzeit wohnhaft in der Jenaer Straße 7. (Einwohnermeldebuch 1959) Sie wurde später selbst Lehrerin, heute im Ruhestand und hat noch einiges Interessantes zusammengetragen.

Aus der 2. Klasse fand ich den kleinen Aufsatz (wie auch von Sabine Hartwig beschrieben) Aufsatz zum Kinderfest, in meiner Version mit einem Bild auf der Rückseite. Auf dem Volkmarsbergfestplatz standen immer drei verschieden hohe Kletterbäume mit Spielsachen für die verschiedenen Jahrgänge, von denen ich es leider nie schaffte, etwas herunterzuholen.

 

Unverkennbar – es geht ums Kinderfest (Archiv Spitzner)

 

Das Kinderfest. Am Samstag feierten wir unser Kinderfest. Morgens gingen wir zur Kirche. Nach dem Gottesdienst war die Verlosung. Am Nahmittag gingen wir auf den Volkmarsberg. Wir spielten verschiedene Spiele. Um 4 Uhr bekamen wir Wurst und Wecken. Dann durften wir unsere Luftballone fliegen lassen. Um 6 Ihr gingen wir wieder nach Hause. Es war ein sehr schönes Kinderfest.“

Aus der 2. Klasse habe ich weitere Aufsätze entdeckt, wie z.B. „Beim Schuster Walter“, den es in Oberkochen im Dreißental gegenüber vom „Sogas“ tatsächlich gab und der die auf der Rückseite aufgelisteten Werkzeuge und Materialien noch verwendete.

 

Die Arbeitsutensilien eines Schuhmachers (Internet)

 

Beim Schuhmacher Walter. Paul hat einen Schuh. Der Schuh hat ein großes Loch. Da schaut die kleine Zehe heraus. Paul geht zum Schuhmacher. Der Schuhmacher flickt es. Nun kann die kleine Zehe nicht mehr durch das große Loch schauen. Da freut sich der Paul. Der Schuster macht unsere Schuhe wieder ganz. Dazu braucht er allerlei Werkzeug: einen Hammer, eine Zange, Nägel, ein Messer (Kneip), eine Nähmaschine, Faden, eine Borste (Nadel), eine Ahle, eine Feile, Leder, Leisten und Schusterpech.

Der Aufsatz: „Sigrun hat einen Maikäfer mit in die Schule gebracht“ ist jedenfalls ein echtes Zeitzeugnis, genauso wie „Die Ferien waren schön“, die wir in der 2. Klasse ebenfalls von der Tafel abgeschrieben haben.

Sigrun hat einen Maikäfer in die Schule gebracht. Damit wir den Maikäfer gut sehen können, darf er auf der Bank krabbeln. Der Maikäfer hat einen dicken Kopf. An dem Kopf sitzen zwei Augen und zwei Fühler. Der Maikäfer hat zwei paar Flügel. Das obere Paar ist braun und hart. Das untere Paar ist durchsichtig. Der Maikäfer hat sechs Beine. Mit ihnen hält er sich an den Blättern fest. Der Maikäfer ist braun.

 

Aufsatz mit Bild – Sigrun hat einen Maikäfer in die Schule gebracht (Archiv Spitzner)

 

„Die Ferien waren schön. Die Ferien sind vorbei und wir gehen wieder zur Schule. Am ersten Tag erzählten wir von unseren Ferienerlebnissen. Hansi war an der Nordsee. Er brachte uns viele schöne Muscheln mit. Carola war bei ihrer Oma in Jena. Ursel hat in den Ferien ein Schwesterchen bekommen. Einige Kinder waren in der Wilhelma, andere fuhren ins Gebirge. Bei schönem Wetter gingen wir zum Baden. Es waren schöne und lange Ferien.

 

Aufsatz mit Bild – Die Ferien waren schön (Archiv Spitzner)

 

Aus der 2. Klasse habe ich noch einen Aufsatz über einen Schulausflug, bei dem wir nach Ochsenberg gewandert sind und eine Beschreibung meines Schulweges. Ich wohnte wie Sabine in der Jenaer Straße, die ich bei Interesse noch einscannen könnte.

Dann habe ich noch ein Aufsatzheft aus der 4. Klasse. Da sind ein Zahnarztbesuch (mit „Lachgas“) und ein Schulausflug mit Herrn Heitele beschrieben, der sicher mit dazu beigetragen hat, dass ich selbst Lehrerin geworden bin (seit diesem Schuljahr im Ruhestand).

PS: Leider ist der Kontakt mit Frau Spitzner zwischenzeitlich abgebrochen und so müssen wir auf die angekündigten Aufsätze verzichten.

 

Danach hat sich noch Prof. Dr.-Ing. Wilfried Koch gemeldet und eine schöne Anekdote geliefert:

Ihre Beiträge im Amtsblatt lese ich regelmäßig mit großem Interesse und großer Freude. Auch dem, was Sie am 7. Januar über Gedichte geschrieben, kann ich voll zustimmen. Eine Anekdote hierzu, die Ihre Aussagen nur unterstreicht, möchte ich noch zuliefern:

Ort: EAG, Klasse 5 oder 6 / Zeit: zwischen 2000 und 2002.

Mein Sohn fragt die Lehrerin: „Wann lernen wir mal ein Gedicht?“ Antwort der Lehrerin (Frau Rohlfes): „Hauptschüler lernen Gedichte, Gymnasiasten reden über Gedichte“. Das sagt wohl alles……

 

Und dann haben wir noch die Erinnerungen des Joachim Fischer aus Backnang:

Gelegentlich halt, so wie eben ein Rentner noch die Zeit entbehren kann, stöbere ich in den „Kochamr Seiten“ auf der Website des HVO herum. Billie – Weitermachen! Es kostet viel Zeit sie zu erstellen, die ich, wie ich es mir einbilde, nicht habe – aber zum Lesen reicht es dann doch immer noch.

Bei der Aufzählung der typisierten schwäbischen Ausdrücke habe ich dann einen vermisst, der mich immer wieder an das Problem mit dem Verstehen des schwäbischen Dialekts in Oberkochen erinnert. Ich wills erzählen:

Es muss in der siebten Klasse der Volksschule in Oberkochen gewesen sein. Lehrer Menzl fragte mich also, warum ich wieder meine Hausaufgabe nicht erledigt hatte; was ja wirklich des Öfteren der Fall war. Und so entspann sich der folgende Dialog eines nicht schwäbisch verstehenden Lehrer mit einem Schüler, der erwartete, dass er verstanden wird:

"Warum hast wieder deine Aufgaben nicht gemacht?"
"I hann Brigala bägga miasa!"
"Was hast du?"
"Brigala bäggt!"
"Bri ga la - was?"
"Ha - bäggt"
"Was hast du?"

Kleine Pause. Ich konnte nicht verstehen, warum er es nicht verstand. Ich wusste nicht wie ich ihm das „Brigala bägga“ erklären könnte. Da stand mein Nebensitzer, der Herbert Rech, auf und sagte:

„Kleinholz gehackt, Herr Menzl“

Lehrer Menzl hat's nun verstanden. Ob er jetzt dann begriff, was Brigala sind, weiß ich nicht (hätte mich auch nicht interessiert) – denn ich war baff! Meine damalige Verwunderung über dieses plötzliche, von einem Schwaben(!) ins Hochdeutsche transformierte „Brigala“, hält heute noch an. Und ich glaube diese Erinnerung bleibt bei mir, auch wenn es schon längst koine Brigala mehr gibt. Selbst Kleinholz ist heute schon zum fremden Wort geworden.

PS: Neugierig, wie der Billie mitunter nun mal ist, begab er sich auf die Suche nach dem Wort und wurde fündig. Brigala , Sanskrit बृगल bṛgala, Brocken, Stück. Brigala ist ein Sanskrit Substantiv sächlichen Geschlechts und wird übersetzt mit Brocken, Stück.

Da staunt der Schwabe, wo er so seine Wörter unterwegs aufgeglaubt hat 😊.

Und so schließen wir das heutige Nachsitzen und freuen uns auf drei weitere Lehrer-Berichte über besondere Lehrerinnen und Lehrer.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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