Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 755
 

Rückblick auf meine Oberkochner Jahre – von Andreas Klopfleisch

Andreas als aufmerksamer Zuhörer vor einem Kofferradio Ende der 50er Jahre (Archiv Klopffleisch)

 

Hinweis.

Der Bericht stammt aus der Feder meines Schulfreundes „Andy“ Andreas Klopfleisch. Ich habe ein wenig „drübergeschaut“, das eine oder andere korrigiert, angepasst und ergänzt. Er hat das Tipp Topp gemacht und mit einem guten Schuss Humor versehen, wie ich das auch gerne mache.

 

Der Beginn.

Mit einem Startgewicht von 3.800 gr., als Enkel eines nationalsozialistischen Großvaters und Sohn eines kommunistischen Vaters, auf diese schöne Welt gekommen, liegen meine ersten Lebensjahre weitgehend im Dunkel der Geschichte. Sicher überliefert ist allerdings, dass ich am 04.07.1954 vor einem Röhrenradio Zeuge eines historischen Fußballspiels wurde, bei dem Rahn aus dem Hintergrund schoss…

Das Interesse lag aber bereits damals anderswo. Ein Bild aus jener Zeit erinnert mich irgendwie an den Garten Eden. Nur die Schlange fehlt. Man beachte, mit welch entschlossenem Griff ich mich dieser Femme Fatale bemächtigt hatte!

 

Erste beherzte Annäherung an das weibliche Geschlecht (Archiv Klopfleisch)

 

Die Übersiedlung der Familie

erfolgte im Jahr 1956 nach Oberkochen. Dort wohnten wir zunächst bei der Witwe Gold im Jägergäßle, wo sich bereits mein Onkel einquartiert hatte, und später bei Familie Winter in der Aalener Straße gegenüber dem damaligen A&O Markt (heute Heimatmuseum II). So viel Glück hatten nicht alle Neuankömmlinge aus Thüringen, die teilweise erst einmal in einer Barackensiedlung neben dem neuerbauten Zeiss-Werk wohnen durften oder mussten.

 

Die ehemaligen Zeiss-Baracken an der heutigen Carl-Zeiss-Straße (Archiv Müller)

 

Schwarze Begegnung.

In der Aalener Straße habe ich anläßlich eines Manövers der „Amis“ meinen ersten „Neger“ (oder muss man „coloured people“ sagen) gesehen, der mich mit seinen blendweißen Zähnen aus einer Panzerluke heraus fröhlich anlächelte und uns Kindern Orangen und die ersten Wrigley-Kaugummis unseres noch jungen Lebens zuwarf. Es würde mich nicht wundern, wenn er seinen Lieben in den Staaten entgeistert berichtet hätte, dass die „Krauts“ auch die Buben in Strumpfhosen rumlaufen lassen. Das war in unserem besetzten (darf man vermutlich auch nicht sagen) Land damals noch durchaus üblich.

 

Das Leben als Kind und Schüler in Oberkochen.

Milch holten wir damals noch offen mit einer Milchkanne im „Milch-Häusle“ neben der Bahnhofstraße (heute Durchgang Kaufmann) – eine unbeschwerte Kindheit ohne Tetrapak. Ein Einkaufserlebnis der besonderen Art bot auch der „Sogas“ (hier startete der Josè mit seiner Lydia) in der Heidenheimer Straße, wo es praktisch alles gab, was das Herz begehrte.

 

Der 5jährige Rollerfahrer Andreas im Jahr 1958 in der neuen Siedlung auf der noch ungeteerten Walter-Bauersfeld-Straße (Archiv Klopfleisch)

 

Ende der 50er Jahre erfolgte mit Hochdruck der Bau einer neuen Siedlung mit modernen Wohnungen. Wir zogen schließlich in der Walter-Bauersfeld-Straße 11 ein. Viele Wohnungen waren noch nicht fertig oder standen zunächst leer. Der Erste, den ich dort traf, war Uwe Meinert, der vor der Hausnummer 7 mit einem Bagger im Sand spielte.

Die Bauarbeiten wurden damals fast ausschließlich von italienischen Gastarbeitern ausgeführt, die uns Kinder häufig zum Getränkeholen in eine der umliegenden Flaschenbierhandlungen (das war die angesagteste Branche in Oberkochen) schickten. Dabei gingen auch wir nie leer aus. Vor allem die Waldmeisterlimonade war göttlich – Farbstoffe waren noch erlaubt. Die Kinderliebe dieser fremdartigen Männer war umgekehrt proportional zur Gastfreundschaft, die den „Spaghettifressern“ und „Itackern“ damals von unseren Eltern entgegengebracht wurde.

Wir brauchten Gastarbeiter, aber es kamen Menschen und die blieben. Es waren teilweise spannende Zeiten, um sich aneinander zu gewöhnen.

Es war die Zeit, als deutsche Männer ihren Frauen noch untersagen konnten, einer Arbeit nachzugehen, wenn sie das Gefühl hatten, der Haushalt, die Kinder oder vor allem sie selbst würden sonst vernachlässigt werden. Das Gleichheitsgesetz trat erst am 01.07.1958 in Kraft. Als Rechtsanwalt hat es mir natürlich folgender Text des Bundesgerichtshofes angetan, der sehr gut die Stellung der Frau in der damaligen Zeit veranschaulicht:

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr aufgrund ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen."

Das Zitat entstammt einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 02.11.1966 in einer Scheidungssache, in der die Ehefrau schuldig geschieden wurde. Sie ließ die Beiwohnung offenbar teilnahmslos geschehen oder trug womöglich gar Widerwillen „zur Schau“. Leider kann ich meine Mutter nicht mehr fragen, ob ich 1952 womöglich während eines Anflugs von ehelicher Opferbereitschaft gezeugt wurde und ob sie dabei womöglich Gleichgültigkeit zur Schau gestellt hat (z.B. durch Lösen eines Kreuzworträtsels).

Nach der Eröffnung des Supermarkts „Grieser“ in der Bauersfeldstraße gab es als Werbegabe kostenlose kleine Margarinewürfel von „Sanella“, die wir uns massenweise pur reingezogen haben. Man konnte den ungedeckten Fettbedarf seinerzeit noch nicht mit den fragwürdigen Bratlingen von Mc Donald´s befriedigen.

Die Geschäftsleute in Oberkochen versorgten die Schule damals großzügig mit Waren aller Art, mit denen dann anlässlich des alljährlichen Kinderfestes auf dem Volkmarsberg eine Tombola bestückt wurde. Meine Begeisterung kannte keine Grenzen, als ich auf diesem Wege zu einem dunkelgrünen Badeanzug kam. Mit dem Kinderfest sind bei mir ohnehin einige nicht so gute Erinnerungen verbunden – aber dazu später mehr.

 

Im Kindergarten Wiesenweg – weil er so gerne hinging, fehlt er auch auf dem Bild 😊 (Archiv Klopfleisch)

Hinterste Reihe:
Anton Schaupp, Edeltraud Wingert, Karl Posmick, NN, Roswitha Schleicher, Rita Friebe, Arthur Trittler, Lothar Grupp, Marion Wöhner, NN, NN, Marianne Hug, Gertrud Hauber, Ursula Knutti, Reinhold Schüler
3te Reihe v.l.n.r:
NN Kieweg, Monika Löffler, NN, Brigitta Schmied, NN Engelfried (?), Evelyn Petereit, Lucie Berger, Gertrud Mahler, Siglinde Glöckler, Maria Fritsch, Monika Scharmann, Ursula König (Krischak), NN,
2te Reihe v.l.n.r:
NN, Rudolf Trittler, Bärbel Matussek, Monika Lay, Gisela Brucker, Renate Stussig, NN, Edith Dietterle, Ursula Elmer, Annemarie Ebert, Ida Winter, Franz Müller, Dieter Pickelmann, Michael Gebert
1te Reihe v.l.n.r:
Wolfgang Kny, Karl Wingert, Karl Uhl, Harry Kaluza oder Lothar Schönwälder, Stefan Bauer, Lothar Plattner, Hans Weiser, Willi Krenzke, Erika Franz, Gretel Weiser, Rose Kopp, Silvia Kaluza, Günther Fritz, Willy Ehinger, Werner Engelfried

 

Kindergarten und Grundschulzeit.

Zumeist gelang es mir, mich um den Besuch des katholischen Kindergartens zu drücken, wie das nachstehende Foto beweist.

Beim Schulschwänzen war ich dann nicht mehr so erfolgreich. Diesbezügliche Verfehlungen wurden den Eltern von der Schule schriftlich mitgeteilt und der Empfang musste durch Unterschrift bestätigt werden. Mein erster Versuch, die Unterschrift meines Vaters zu fälschen, scheiterte kläglich. Damals sah mein Vater darin bereits den Beginn einer kriminellen Karriere. Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht gekommen – ich habe die „andere“ Seite gewählt. Später habe ich noch einmal „vergessen“, einige Spielzeugindianer beim „Unfried“ zu bezahlen. Die Sache ist inzwischen aber eindeutig verjährt – erst recht für einen Rechtsanwalt 😊.

 

Der Volksschüler Andreas in der damals angesagten Riese-Bauern-Tracht (Archiv Klopfleisch)

 

Durch unsere junge, hübsche Klassenlehrerin in der 1a (Frau Wieland) war der Schulbeginn dann doch ganz nett. Gleich zu Beginn des Schuljahres war uns bereits ein kulturelles Highlight geboten worden, indem die 2. Klasse ein Theaterstück für uns Frischlinge aufführte. An den Namen und den Inhalt des Stückes kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür aber an Beate Wöhner, die den „dicken, fetten Pfannkuchen“ überzeugend interpretierte.

Der Billie weiß das natürlich noch ganz genau, denn er war in dunkler Hose und weißem Hemd ein Teil einer Mauer (Billie‘s erster Ausflug auf die Bretter der Welt). Es war das Pfannenkuchen-Märchen 😊:

 

Das Pfannenkuchen Märchen

Es waren einmal drei alte Frauen, die wollten gerne Pfannkuchen essen. Sie gaben Eier, Mehl und Milch in eine Schüssel und rührten alles zu einem Teig zusammen. Als sie mit dem Rühren fertig waren, holten sie eine Pfanne, stellten sie auf den Herd, taten Fett hinein und gossen den Teig dazu.

Es duftete herrlich! Den drei Frauen lief das Wasser schon im Mund zusammen. Doch der Pfannkuchen dachte nicht daran, sich von ihnen verspeisen zu lassen. Als er fertig gebacken war, erhob er sich aus der Pfanne, sprang auf den Boden, und rollte kantapper kantapper aus dem Haus hinaus.

Die drei Frauen standen vor der leeren Pfanne und schauten dem Pfannkuchen hinterher. „Halt!“, kreischte die erste. „Bleibst du wohl stehen!“, rief die zweite und streckte ihre Hand nach dem Pfannkuchen aus. Die dritte Frau lief hinter ihm her und versuchte ihn einzufangen. Doch sie war einfach nicht schnell genug.

Der Pfannkuchen rollte aber immer weiter und erfreute sich an dem sonnigen Tag. Da begegnete er einem Häschen. „Guten Tag Pfannkuchen“, sagte das Häschen. „Guten Tag Häschen Langohr“, sagte der Pfannkuchen. „Dicker fetter Pfannkuchen, bleib doch bitte stehen, damit ich dich fressen kann“, sagte das Häschen. Da antwortete der Pfannkuchen: „Das kannst du schön vergessen! Ich bin schon drei alten Frauen weggelaufen. Da sollst du mich auch nicht kriegen.“ Und er rollte kantapper kantapper in den Wald hinein.

Da kam ein Wolf angelaufen. „Guten Tag Pfannkuchen“, sagte der Wolf. „Guten Tag Wolf Graupelz“, sagte der Pfannkuchen. „Dicker fetter Pfannkuchen, bleib doch bitte stehen, damit ich dich fressen kann“, sagte der Wolf. Da antwortete der Pfannkuchen: „Das kannst du schön vergessen! Ich bin schon drei alten Frauen weggelaufen und Häschen Langohr. Da sollst du mich auch nicht kriegen.“ Und er rollte kantapper kantapper aus dem Wald hinaus.

Da kam eine Ziege angehüpft. „Guten Tag Pfannkuchen“, sagte die Ziege. „Guten Tag Ziege Meckerliese“, sagte der Pfannkuchen. „Dicker fetter Pfannkuchen, bleib doch bitte stehen, damit ich dich fressen kann“, sagte die Ziege. Da antwortete der Pfannkuchen: „Das kannst du schön vergessen! Ich bin schon drei alten Frauen weggelaufen, Häschen Langohr und Wolf Graupelz. Da sollst du mich auch nicht kriegen.“ Und er rollte kantapper kantapper davon.

Da traf er ein Schwein. „Guten Tag Pfannkuchen“, sagte das Schwein. „Guten Tag Schwein Ringelschwanz“, sagte der Pfannkuchen. „Dicker fetter Pfannkuchen, bleib doch bitte stehen, damit ich dich fressen kann“, sagte das Schwein. Da antwortete der Pfannkuchen: „Das kannst du schön vergessen! Ich bin schon drei alten Frauen weggelaufen, Häschen Langohr, Wolf Graupelz und Ziege Meckerliese. Da sollst du mich auch nicht kriegen.“ Und er rollte kantapper kantapper den Weg entlang.

Da kam ein Pferd angaloppiert. „Guten Tag Pfannkuchen“, sagte das Pferd. „Guten Tag Pferd Plattfuß“, sagte der Pfannkuchen. „Dicker fetter Pfannkuchen, bleib doch bitte stehen, damit ich dich fressen kann“, sagte das Pferd. Da antwortete der Pfannkuchen: „Das kannst du schön vergessen! Ich bin schon drei alten Frauen weggelaufen, Häschen Langohr, Wolf Graupelz, Ziege Meckerliese und Schwein Ringelschwanz. Da sollst du mich auch nicht kriegen.“ Und er rollte kantapper kantapper über die Wiese davon.

Langsam wurde es Abend. Der Pfannkuchen rollte so vor sich hin, als auf einmal drei Kinder auf ihn zukamen. Sie waren ganz allein, denn sie hatten keinen Vater und keine Mutter mehr. „Ach, lieber guter Pfannkuchen. Bleib doch bitte stehen. Wir haben den ganzen Tag noch nichts gegessen und sind so hungrig“, sagten sie traurig. Da freute sich der Pfannkuchen, dass er helfen konnte, sprang den Kindern in den Korb hinein und ließ sich von ihnen restlos aufessen.

Angenehme Erinnerungen habe ich an den täglichen Schulweg, meistens mit Werner Hilgart oder Michael Leidler (Suizid während des Wehrdienstes) mit regelmäßigem Zwischenstopp beim „Storchenbäck“ (Bäckerei Widmann), wo es herrlich roch und es Süßigkeiten und Gimmicks aller Art zu erschwinglichen Preisen zu kaufen gab. „Rote Lippen soll man küssen“ von Cliff Richard oder später „Komm gib mir Deine Hand“ von den Beatles waren häufig gesungene Schlager auf unserem Weg von der Walters-Bauersfeld-Straße zur Dreißentalschule.

 

Andreas und Werner auf dem Schulweg am ersten Schultag mit gefüllter Schultüte (Archiv Klopfleisch)

 

Später hatten wir dann Frau Jungk als Klassenlehrerin – eine gebürtige Österreicherin – die mir dadurch positiv in Erinnerung geblieben ist, dass sie hin und wieder einen Aufsatz von mir als leuchtendes Beispiel vorgelesen hat. In dieser Zeit beschlich mich zeitweilig der Verdacht, dass ich einmal als bedeutender Schriftsteller in die (Literatur-) Geschichte eingehen würde. Dieser Verdacht erwies sich später als völlig unbegründet. Stattdessen habe ich mich dem Lesen und Sammeln von Büchern zugewandt. In jener Zeit war ich häufig in der Stadtbücherei, die sich zunächst noch in der Aalener Straße (im heutigen Heimatmuseum I) befand. Die Leiterin Frau Helma Braun verstand es glänzend, uns Kinder an das Lesen heranzuführen.

Eine Abwechslung war der Unterricht im Bergheim, oberhalb des Turmwegs, wohin wir für einige Wochen umziehen mussten. Die winterlichen Abfahrten den steilen Turmweg hinunter auf unseren Schulranzen mit auslaufenden Tintenfässern sind unvergessen. Tintenpatronen und Vierfarbkulis waren gerade erst im Kommen.

Mehrmals im Jahr wurden wir mit einem Kleinbus von der Zeiss-Betriebskrankenkasse nach Aalen zum Kieferorthopäden gefahren. Das war sicher sehr fürsorglich, aber das stundenlange Warten in der Praxis werde ich nie vergessen.

Aus jener Zeit in Erinnerung geblieben sind mir auch die Bandenkriege zwischen der „Lebzelter-Bande“ (Reinigung und Wäscherei) und der „Sturm-Bande“ (Kreuzmühle), zu der ich gehörte. Walter Sturm ist später am 4. September 1976 (im Alter von 23 Jahren) in der Türkei ums Leben gekommen.

Schon damals kamen meine pazifistischen Neigungen zum Vorschein und es zeigte sich, dass ich kein großer Krieger war. Nach meiner Erinnerung gab es insoweit nur zwei Ausrutscher. Ein Opfer war Werner Hilgart, den ich mit einem Spaten verletzte. Später rächte er sich, indem er begann, in seinem Zimmer, welches genau unter meinem Zimmer lag, das Hornspiel zu üben. Da ich zu Beginn dieser Exerzitien krank darnieder lag und nichts von der Hinwendung Werners zur Blasmusik ahnte, bestand anfangs der Verdacht, dass die Hilgarts beschlossen hatten, ihre Wohnungseinrichtung umzustellen und deshalb ihr Mobiliar hin und her rückten.

Das zweite Opfer war Manfred Lenk, der damals in der Bauersfeldstraße 17 wohnte. Manfred stand unserem soeben gegründeten Indianerstamm verbal feindlich gegenüber, sodass er einem alten indianischen Brauch entsprechend bekämpft werden mußte. Mein Pfeil traf ihn genau zwischen den Augen. Die Schläge meines Vaters trafen mich hinterrücks.

Normalerweise pflegten wir aber ein harmonisches nachbarschaftliches Zusammenleben. Werner Hilgart besaß eine respektable Sammlung der grünen Reihe von Karl Mays Werken, aus der ich mich bei Bedarf bedienen durfte. Eigenartig, dass ich 2 Jahrzehnte später in zahlreichen Prozessen mit dem Karl-May-Verlag zu tun haben sollte, der in Bamberg ansässig ist. Bamberg und die Werke Karl Mays haben übrigens eine Gemeinsamkeit: Die Roten haben es ziemlich schwer 😊.

Uli Bach aus der Bauersfeldstraße 9 nannte ein kleines tragbares Transistorradio sein Eigen, mit dem wir Radio Luxemburg hören konnten. Später sendete er damit sein eigenes Programm für die interessierte jugendliche Nachbarschaft. Die Leute in Nr. 9 waren überhaupt ganz interessant. Christel Weintauer (leider auch schon früh am 18. Mai 1976 im Alter von 21 Jahren verstorben) nahm mich in seltenen Fällen mit in die Disco nach Heidenheim. Die hübsche Marion Keßler heiratete später Erhard Wirkner, der leider auch nicht mehr unter uns weilt.

Sportlich versuchte ich mich auf Drängen meines Vaters ausgerechnet in der Kampfsportart Judo, wo ich über den weißen Gürtel aber nicht hinauskam. Es zeigte sich, dass ich für diesen angeblich körperlosen Sport zu schwach war. Die nährende Kraft von Hopfen und Malz hatte ich damals noch nicht entdeckt. Obwohl ich kein Fall für die Talentspäher höherklassiger Vereine war, fühlte ich mich als linker Verteidiger in der Jugend des TVO deutlich wohler – auch wenn wir nach dem Training häufig deutsche Volkslieder singen mußten, deren Text unser Trainer Herr Philipp vorsichtshalber hektographiert mitbrachte. Danach gab er immer eine Runde aus. Erst „Ein Heller und ein Batzen“ und dann „ein Helles und ‘nen Schnaps“. Früh übt sich…..

Damals wurde ich Fan des ruhmreichen Geißbockclubs, dem 1. F.C. Köln. Wenn ich heute im Müngersdorfer Stadion nach Waffen oder Pyrotechnik durchsucht werde, freue ich mich immer, dass man mir in meinem Alter (Jg. 1953) noch zutraut, den Hooligan zu geben. Zu einem Auswärtsspiel in Aue im Jahr 2007 in der 2. Liga hatte ich – von Fanausschreitungen im Osten alarmiert – eine Dose Pfefferspray mitgenommen, die bei uns in der Kanzlei nach einem unerfreulichen Erlebnis vor einigen Jahren sicherheitshalber am Empfang deponiert war. Schon bei der Einlaßkontrolle in Aue wurde mir das Kampfmittel dann mit der erstaunten Frage abgenommen, was ich denn eigentlich vorhätte.

Nahezu jeden Nachmittag habe ich mit Erhard Wirkner Tipp-Kick gespielt. Die Spieler haben wir mit den Vereinsfarben unseres Lieblingsclubs bemalt. Später haben wir im „Cafe Muh“ gekickert und Hähnchenleber mit Pommes gegessen. Einen Teil des nötigen Kleingelds haben wir uns verdient, indem wir im Sommer Hagebutten gesammelt und an den Apotheker Irion verkauft haben. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Lederfußball bekommen, mit dem Rolf Zilch und ich häufig auf dem alten FCO-Sportplatz im „Langert“ spielten.

Etwa in dieser Zeit bekamen wir ein Fernsehgerät. Die ARD sendete Sonntagnachmittags immer die Serie „Am Fuß der blauen Berge“ (Laramie) – ein Erlebnis, welches die ganzen kommerziellen Sender bis heute nicht bieten können oder wollen. Unvergessen waren Jesse und Slim, wie sie sich den Widrigkeiten des Wilden Westens entgegengestemmt haben. Zur Bekämpfung meiner jahrelangen Entzugserscheinungen habe ich mir inzwischen über eBay aus den USA diverse Episoden in der Originalfassung besorgt. Gleiches gilt für „Casey Jones“, den wackeren Führer der Lokomotive „Canonball“. Toll waren auch die im Vorabendprogramm gesendeten Episoden von „Mike Nelson“, einer Unterwasser-Abenteuerreihe und der 13-teilige Krimi „Gestatten mein Name ist Cox“ mit Günter Pfitzmann, der zuvor bereits als Hörspiel im Radio gesendet wurde. Wen kann man heute noch mit Hörspielen hinter dem Ofen vorlocken? Koi gotziga Sau.

Der wahre Luxus hielt dann in Gestalt einer „Knutschkugel“ Einzug. Das war ein BMW 600, bei dem Fahrer und Beifahrer wie bei der legendären Isetta nicht seitlich, sondern durch eine Fronttür, in der sich auch das Lenkrad befand, einsteigen mußten. Seinen Namen bekam dieses Fahrzeug wegen der rundlichen Form und der beengten Platzverhältnisse verliehen. Schade, dass dieses automobile Juwel nicht konserviert wurde. Überhaupt gab es damals ausgefallene Modelle wie den Messerschmitt-Kabinenroller mit Einstieg von oben oder Janus mit Vorder- und Hecktür ohne Seitentüren.

 

Messerschmidt Kabinenroller aus dem Werk Regensburg (Internet)

 

BMW 600 – zwei Jahre nach der Isetta kam dieses Modell 1957 auf den Markt (Internet)

 

Die neue Zeit – der Wechsel aufs Gymmi.

Am 06.02.1964 begann dann eine neue Ära. Die bestandene Aufnahmeprüfung bedeutete die Aufnahme als Probeschüler in das Progymnasium Oberkochen. Klassenlehrer war zunächst der mir immer in bester Erinnerung gebliebene alte Herr mit Namen Otto Krug (kurz genannt Botjag): „Mr. Ken has a dog. Is it a fox? No, it is a dog” – großartig!

Es folgte Dr. Enders („Andreas, sack einmal“), der mir u.a. durch ständiges Petzen in unangenehmer Erinnerung ist. Seine Mitteilungen an meine Eltern über dubiose Tagebuchvermerke haben den familiären Frieden in der 1. Etage der Bauersfeldstr. 11 wiederholt nicht unerheblich beeinträchtigt.

1965 wurde der ruhmreiche Geißbockclub zum zweiten Mal deutscher Fußballmeister und in der Schillerstraße grillte die Familie Keiner/Wosch einmal in der Woche abends Thüringer Bratwurst und Rostbrätchen – eine tolle Einrichtung.

Doch weiter mit unserer Schulzeit. Das damals in der „SchwäPo“ erschienene Bild habe ich zusammen mit einem der damaligen Mittäter signiert. Ein nationalsozialistischer Hintergrund war natürlich bei keinem von uns gegeben. Ich war Juso und klebte für Willy Brandt Plakate.

Bei der Aktion waren außer Wolfgang Jacob „James“ und mir nach meiner Erinnerung auch Christiane Gärtner, Edeltraud Schüler, Alfred Henschke und Friedemann Blum dabei. Es gab aber sicherlich noch weitere Mittäter. Siehe dazu den detaillierten Bericht Nr. 691 von Billie auf der Website des Heimatvereins.

Recht angenehme Erinnerung habe ich an Rolf Rapp, unseren Deutschlehrer, was sicher auch an dem Fach lag, welches ich besonders mochte. Teilweise gab er auch Turnunterricht, den ich nicht so besonders mochte.

Auch Dietrich Bantel war ganz in Ordnung. Es gab nicht viele Mitglieder des Lehrerkollegiums, mit denen wir im Dreck gewühlt hätten, um einige fragwürdige römische Scherben zu Tage zu fördern. Er kreierte „Muckenhäuptling“ für Dieter Muckenhaupt und „Knüpsilon“ für Wolfgang Kny. Merkwürdig, dass ihm bei meinem Namen nichts Lustiges eingefallen ist.

Jörg Fäser war ein total netter, aber ziemlich überforderter Lehrer. Die lateinischen Texte, mit denen er uns laut Lehrplan malträtieren musste, taten ein Übriges. „De bello gallico” – ein Bericht des römischen Feldherrn Gallus Julius Cäsar über den gallischen Krieg – mir wird gleich Übel im Kübel 😊.

Hans-Jürgen Hermann und Peter Hohmuth sind zwar in unserer Abiturzeitung erwähnt. Ich kann mich an die beiden aber überhaupt nicht erinnern, vielleicht hatte ich auch gar keinen Unterricht bei ihnen. Was haben die eigentlich für Fächer unterrichtet? Da klärt der Billie gerne auf: Hermann gab Französisch und Hohmuth Geschichte.

 

Im Unterricht im heutigen EAG
v.l.n.r. hinten: Andreas Klopfleisch, Wolfgang Jacob;
v.l.n.r. vorne: Erwin Jung, Joachim Schreiber (Archiv Klopfleisch)

 

Das war gesund – Um weitgehend sinnlosem Lernstoff zu entgehen hatten Rainer Hirsch, Wolfgang „James“ Jacob und ich uns die Zeit einmal mit einer Radtour nach Ochsenberg vertrieben. Kaum am Ziel angekommen kam uns allerdings unser Englischlehrer Rudolf Thiem, der in Ochsenberg wohnhaft war, mit seinem „Dafodil“ entgegen. Geendet hat es wie so oft mit freiheitsentziehenden Maßnahmen, die von Rektor Volkmar Schrenk zu unserem Besten angeordnet wurden. Anders als viele meiner Mitschüler fand ich den Thiem nicht so schlimm, da er mich weitgehend in Ruhe ließ.

Das war ungesund – Bei einer anderen Gelegenheit waren James und ich abermals mit dem Fahrrad in Ochsenberg, wo wir uns in der „Linde“ erfrischt haben – ich anscheinend etwas gründlicher als er. Jedenfalls war ich es, der unseren ehernen Entschluss, die steile Straße nach Itzelberg hinunterzufahren, ohne abzubremsen, vollständig in die Tat umsetzte. Zu Hause stilisierte ich mich angesichts der multiplen Prellungen und Abschürfungen zum Opfer eines rücksichtslosen Autofahrers. Von meiner Mutter wurde ich nahezu wie ein Märtyrer behandelt, ein immerhin versöhnlicher Ausklang jenes Tages. James hatte absprachewidrig gebremst, was unser Vertrauensverhältnis damals auf eine große Probe stellte. 😊

In der Folgezeit nahm unsere persönliche Motorisierung allmählich Formen an. Mein Vater besorgte mir ein uraltes Moped (NSU Quickly), mit dem ich viel Spaß hatte. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich damals so oft in den Zeppelinweg gefahren bin. Jedenfalls bin ich in der Linkskurve von der Volkmarsbergstraße kommend in den Zeppelinweg häufig geradeaus auf die dort befindliche Gartenmauer gebrettert. Das Problem verschärfte sich noch, als Ruth Zagermann in unsere Klasse kam und wir dann unsere Touren mit ihrem durchzugsstärkeren Zweisitzer fuhren. Einmal schob sich der Auspuff durch den Aufprall so weit nach vorn, dass man mit dem Vorderrad nicht mehr lenken konnte und ich das Gerät nach Hause schieben mußte. So ähnlich muß es Heinrich IV auf seinem Gang nach Canossa zumute gewesen sein.

Das Führen von Klassenbüchern war eine lästige Angelegenheit. Es förderte die Blockwartmentalität der Kriegsgeneration. Jedenfalls wurde unser „Rex“ Volkmar Schrenk durch wahrscheinlich völlig ungerechtfertigte Klassenbucheinträge erneut auf den Plan gerufen. Am 17.05.1971 vermeldete er meinen Eltern Folgendes:

„Sehr geehrte Eltern!
Ihr Sohn Andreas, Schüler der Klasse 12 fällt in letzter Zeit durch unentschuldigtes Fehlen auf, bzw. durch Unterrichtsversäumnisse, die erst hinterher mit undurchsichtigen, zum Teil auch unglaubwürdigen Motiven erklärt werden.
Hier die Liste für die Zeit nach Ostern:
20.04. Turnen (nachtr. entschuldigt)
23.04. entschuldigt
05.05. erst ab 4. Stunde anwesend
11.05. fehlt ab 4. Stunde
14.05. fehlt ab 3. Stunde
Die Schulleitung ist nicht gewillt, derartige Unregelmäßigkeiten weiterhin zu dulden. Dem Schüler wird ein strenger Verweis samt 2 Stunden Rektoratsarrest erteilt. Sollten sich die Vorfälle wiederholen, müssten die im Gesetz vorgesehenen Konsequenzen gezogen werden.

In vorzüglicher Hochachtung
Oberstudiendirektor

Bitte geben Sie die Mehrfertigung unterschrieben an die Schule zurück.“

 

Es war die Zeit, als einige von uns während einer Hohlstunde oder sonst bei Bedarf in der „Krone“ einem der attraktivsten Gesellschaftsspiele des westgermanischen Kulturkreises frönten: „König raus“! Eigentlich hätte man dieses Kartenspiel auch ohne Karten spielen können, denn das Spiel lief so ab: Jeder, der einen König zog, durfte bzw. musste eine den Regeln entsprechend fest definierte Menge Bier aus einem Maßkrug trinken. Das Ganze wiederholte sich dann meist mehrmals, woraus zwangsläufig schulische Fehlzeiten resultierten. Schließlich war uns beigebracht worden, dass man ein kaltes Getränk nicht zu hastig in sich reinschütten soll.

Einmal sind James und ich nach einer solchen Spielrunde in einem derart desolaten Zustand im Biologie-Unterricht erschienen, dass uns Horst Riegel („Blümi“) besorgt nach Hause geschickt hat. Üblicherweise mußten wir aber, wenn wir noch irgendwie belastbar waren, bei derartigen Vergehen nachsitzen, um irgendwelche ekligen Käfer aufzuspießen und in Schaukästen unterzubringen.

Eine Zeit lang bestand ein engerer Kontakt zu Peter Maiwald, mit dem ich kurzzeitig in der Redaktion der Schülerzeitung „Scolasso“ zusammenarbeitete. Daneben zeichneten wir stundenlang auf Tonband die nötige Hintergrundmusik für Parties auf, die dann niemals stattfanden. Spaß hat es trotzdem gemacht. „Paint it black“ von den Rolling Stones war ein Hit, der mich damals besonders begeistert hat, wahrscheinlich in düsterer Vorahnung auf die amourösen Fehlschläge, die bald folgen sollten. Am 17.03.1969 spielte der Süddeutsche Rundfunk in seinem Wunschkonzert meinen Wunschtitel „Summertime Blues“ in der Version von den „Blue Cheer“ – auch heute noch saustark. Ich war damals total stolz, auch einmal im Radio erwähnt worden zu sein.

Allmählich begann bei einigen von uns eine gewisse hormonell bedingte Unruhe aufzukommen. Eigentlich unverständlich, nachdem es den plötzlich in unseren Focus gerückten Geschöpfen trotz größter Anstrengung nicht gelang, den Schlagball weiter als 10 m zu werfen! Ungeachtet dessen entwickelte sich das Verliebtsein allmählich zum Normalzustand. Völlig ahnungslose Objekte der Begierde waren damals Rosi, Marion, Brigitte und Christa.

Einer dieser Fälle war besonders dramatisch. Sie einfach anzusprechen, fehlte es mir an Mut. Also mußte ein Vorwand her. Der ergab sich schließlich dadurch, dass die Angebetete beim Kinderfest auf dem Volkmarsberg zum Bratwurstbraten eingeteilt war. Ich habe Zeit meines Lebens nie wieder so viele Bratwürste an einem Tag gegessen. Nach dem obligatorischen Absingen von „Kein schöner Land in dieser Zeit“, bei dem ich immer einen Grammatikfehler vermutete, habe ich bei der Rückfahrt ins Tal nach einer der zahlreichen Kurven in den Bus „Bröckelen gelacht“ 😊. Die Mutter von Werner Hilgart saß vor mir und konnte sich gerade noch retten. Die Angebetete hat von alldem wahrscheinlich nichts geahnt. Jedenfalls ist sie dem Vernehmen nach zwischenzeitlich mit einem Blaublütigen verheiratet. Dagegen hat man als Bürgerlicher freilich keine Chance.

Ein besonderes Exemplar der Gattung Lehrkraft war unser Musiklehrer Otto Fischer. Mit einer Herzschwäche hätte ich seinen Unterricht wahrscheinlich nicht überlebt. Wenn er den Klavierdeckel plötzlich zuknallte und in unsere Richtung hechtete, wußte man nie so genau, wen er als Opfer ausersehen hatte. Ich muss gestehen, dass ich damals eine gewisse Erleichterung verspürte, wenn es statt meiner den neben mir sitzenden kleinen „Knüpsilon“ (Wolfgang Kny) erwischte.

Als nämlicher Fischer für eine öffentliche Aufführung eines Händel-Oratoriums in der katholischen Kirche aus optischen Gründen für die hintere Reihe des Schulchors noch einen großen, nein doch eher einen langen Sänger benötigte, ließ er mich nach einer Musikstunde solo vorsingen. Es war bestimmt grauenhaft und die Entscheidung fiel ihm sicher nicht leicht – aber ich war dabei: „Samson der Held, er issssttt nicht mehr!“ (Sein oder nicht sein oder essen - was war da die Frage?)

Die fehlende Musikalität ließ mich auch in der Folgezeit trotz Teilnahme am obligatorischen Tanzkurs nicht zu einem gefeierten Tänzer werden. Trotz unablässigen Übens gelang es mir nicht, meiner Tanzpartnerin Bianca Pia Maria Röhlich das Gefühl zu vermitteln, gleich einer Feder über das Parkett zu schweben.

 

Tanzkurs im Bürgersaal (Archiv Klopfleisch)

Vordere Reihe v.l.n.r.: NN, NN, NN, NN, NN, NN
Mittlerer Bereich v.l.n.r.: Matthias Winzer, Bianca Röhlich, Andreas Klopfleisch, Wolfgang Weiss (?), Regina Straube (?), NN, NN, NN, Erhard Wirkner NN, NN, Brigitte Tischer (von Adelmansfelden ?), Christian Borgward, NN
Hinterer Bereich v.l.n.r.: Karl Posmick, Helga Grünler (Baumeister), NN, Erwin Jung, NN, NN, NN, Ernst Lebzelter (?), Ernst Ebrecht (?), NN, Wolfgang Jacob, Dieter Fritz (Fritz-Assmuss), Arthur Trittler, NN, NN

 

Sehr hinderlich war es, mangels Führerschein und Auto, stets auf mehr oder minder wohlmeinende Dritte angewiesen zu sein. So waren wir unter 18-jährigen im „Disco-Pub“ in Aalen oder im „Black Raven“ in Ellwangen eigentlich immer nur Mitläufer. Die Klamotten, die wir damals trugen, waren der absolute Hammer, insbesondere die bodenlangen „SS-Mäntel“ aus Leder und die hautengen Feincordhosen, Vorläufer der Pille für den Mann.

Die Nachmittage verbrachte ich häufig bei Winfried Kurz, einem gefürchteten Gegner an der Tischtennisplatte. Er nannte eine riesige Plattensammlung sein Eigen. Dort kam ich das erste Mal mit Karl Dall und der Insterburg & Co. – intelligente Blödelbarden – in Berührung, die ich heute noch gut finde. Winfried hat uns damals auch hin und wieder eine Ferienarbeit im elterlichen Betrieb vermittelt.

1968 fuhren wir nach Heppenheim ins Schullandheim. Selbst unser begleitender Lehrer Schwab konnte es nicht verhindern, dass viele von uns sich noch heute gern an jene Zeit erinnern. Dies gilt in meinem Fall vor allem für einen sternklaren Abend auf einer Bank hoch über der Stadt zusammen mit Gaby aus Eltville.

Im Sommer 1970 machte ich mit Dieter Pickelmann und Erhard Wirkner für 2 Wochen Sprachferien in London, wo wir bei irischen Einwanderern wohnten. Aus dieser Zeit stammt vermutlich meine besondere Affinität zu den Iren und ihrer grünen Insel. Der Hausherr nahm uns mit zum Dart-Spiel in seinen Stamm-Pub und zu Fußballspielen von Crystal Palace und West Ham United. Wir waren von London schwer beeindruckt. Hier erlebten wir bei „Wimpys“ und „Kentucky Fried Chicken“ die Segnungen des herannahenden Fast-Food Zeitalters, das in der schwäbischen Provinz gerade mit dem „Kochlöffel-Grill“ in Aalen begann. Die Verzehr-Gutscheine des Reiseveranstalters, die eigentlich für 2 Wochen reichen sollten, waren nach 5 Tagen aufgebraucht. Danach gab es nur noch Fish-and-Chips, die ich seither nicht mehr so mag.

Der Weg zum eigenen Führerschein erwies sich als dornenreich. So wurde zunächst der VW von Rainers Bruder auf dem Weg vom „Vesperstüble“ in Brastelburg nach Unterkochen zerlegt. Die Unfallstelle ist leicht zu finden: Auf der anderen Straßenseite befindet sich im Fels eine Madonna. Die Reparaturkosten waren für einen Schüler nicht unerheblich und erforderten verschärfte Ferienarbeit in der Papierfabrik in Unterkochen, obwohl sich die Mitfahrer (Dieter Fritz, Rainer Hirsch, Willy Ehinger) hieran beteiligten. Mitgegangen, mitgehangen. Der Erstgenannte weigerte sich bei unserem letzten Klassentreffen vor über 10 Jahren, sich von mir noch einmal mitnehmen zu lassen, und sei es auch nur vom Fuß des Volkmarsbergs zum Ernst-Abbe-Gymnasium.

 

Der Ernst des Lebens begann so langsam, aber sicher.

Am 19.01.1972 entschied sich bei der Musterung in Schwäbisch-Gmünd die künftige Verteidigungsfähigkeit der BRD. Wegen „Morbus Scheuermann“ wurde ich, mit einem aussagekräftigen Attest bewaffnet, von unseren Streitkräften als „eingeschränkt tauglich“ aussortiert und der Ersatzreserve II zugewiesen. Unter diesem Makel habe ich allerdings nicht wirklich gelitten. Einer sinnvollen Tradition entsprechend wurden die frisch Gemusterten bzw. Ausgemusterten von Bürgermeister Bosch zu einem abendlichen Umtrunk in die „Grube“ eingeladen. Wer sich noch daran erinnern kann, war nicht dabei! Genau 5 Monate später endete dieser Lebensabschnitt mit dem Reifezeugnis (Reif für was? Für die Insel?) und wir alle gingen getrennter Wege.

An das Abitur schloss sich zunächst die Ferienarbeit beim Postamt in Oberkochen an. Im Zeppelinweg bekam ich bei Soutschecks immer (m)einen Schnaps. Eine sympathische Familie. Bis Mittag waren die Briefe ausgetragen. Danach traf ich mich immer mit James, der bei Peterhans & Betzler als Fahrer jobbte, im Gasthaus „Zur Sonne“ in der Sperberstraße zur Lagebesprechung.

Mit Hildegard Soutschek und Hartmut Kratzsch (der Bruder von Gernot und später umbenannt in Wätzel), die auch nach Würzburg gingen, bestand anfänglich noch ein lockerer Kontakt. Bei Hartmut fällt mir immer seine Neigung zur Karikatur ein. Vielleicht hätte er davon sogar leben können. Wobei Billie der Meinung ist, dass Gernot der noch bessere Zeichner war. Er hat auch im Amtsblatt seine Spuren hinterlassen, wurde aber Mediziner.

 

Gernot Kratzsch hatte eine herausragende zeichnerische Begabung (Archiv Müller)

 

Einige Freundschaften überdauerten die Jahre, andere nicht. Häufiger ist der Kontakt mit James und seiner Familie. Unserer Freundschaft hatte sich auch in schwierigen Zeiten bewährt, auch wenn seine, bis heute andauernde, Begeisterung für den VfB Stuttgart, nicht gerade förderlich war. Aber der VfB verlor seine Heimspiele gegen den ruhmreichen Geißbockclub stets pflichtgemäß 😊. Zudem stieg mal der eine und dann der andere ab – ab 2021/2022 wieder mal in der gleichen Liga.

In Oberkochen war ich dann wegen des Wirbels um die Verhaftung meines Vaters (beim Zeiss vom Arbeitsplatz weg) wegen seiner geheimdienstlichen Agententätigkeit und wegen meiner mehrjährigen intensiven Brautschau in Würzburg lange Zeit nicht mehr. Im „Take Five“ habe ich dann auch meine spätere Frau kennengelernt, die mich jetzt schon seit mehr als 30 Jahrzehnte ertragen hat – eine erstaunliche Leistung.

 

Das seinerzeit unvermeidliche Treppenbild vor dem heutigen EAG (Archiv Klopfleisch)

Vordere Reihe v.l.n.r.: Michael Laidler †, Wolfgang Weiß, NN, NN, NN
Mittlere Reihe v.l.n.r.: Hans Peter Arnold, Dieter Wieland (Pickelmann), Wolfgang Jacob, Uwe Meinert, Helga Grünler (Baumeister), NN, NN
Hintere Reihe v.l.n.r.: Reinhard Bogena, Werner Hilgart, Ernst Ebrecht, Andreas Klopfleisch, Hans Hofmann †, Rainer Hirsch, Marion Wöhner (Seidl), Dieter Muckenhaupt, Lehrer Schwab

 

Um uns alle jährlich einmal einzufangen, organisiert der Billie immer die beliebten Schulzeit-Treffs – in den geraden Jahren in Oberkochen und in den ungeraden in Gegenden, wo einige von uns sesshaft geworden sind.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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