Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 754
 

Der Lindenbrunnen hat 100jähriges Jubiläum

 

Der mythische Lindenbaum der Deutschen (Internet)

 

Das Lied.

„Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“ Wer kennt dieses Lied nicht, das, sowohl in Form eines Kunstlieds, als auch in Form eines Volkslieds bekannt geworden ist. Der ursprüngliche Titel lautet „Der Lindenbaum“. Der Text stammt von Wilhelm Müller (*1794 †1827) aus dem Jahr 1822 und gehört zu einem Gedichtzyklus, den Müller mit „Die Winterreise“ überschrieb. Franz Schubert (*1797 †1828) vertonte den gesamten Gedichtzyklus unter dem Titel „Winterreise“ im Jahr 1827 und in diesem Rahmen auch den Lindenbaum als Kunstlied. In der bekanntesten und populärsten Bearbeitung der Schubertschen Vertonung von Friedrich Silcher (*1789 †1860) ist das Werk zum Volkslied geworden.

 

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebes Wort
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort 

Ich musst auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht

Und seine Zweige rauschten
Als riefen sie mir zu:
„Komm her zu mir, Geselle
Hier findst du deine Ruh

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wendete mich nicht

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von diesem Ort
Und immer hör ich´s rauschen:
„Du fändest Ruhe dort!“

 

Intro.

Die Dorflinde war in alten Zeiten der Mittelpunkt eines jeden Ortes und diente zum Nachrichtenaustausch und zur Brautschau. Es wurden Tanzveranstaltungen und das Dorfgericht abgehalten, die auf das „Thing“ der Germanen zurückgeht. Kulturell hinterließ dieser Baum auch Spuren. Bei den Germanen und den Slawen galt die Linde als heiliger Baum. Ob die Germanen die Linde tatsächlich der Göttin Freya zugeschrieben haben, wie oft behauptet wird, ist nicht eindeutig belegt. Anders als die Stieleiche galt sie als weibliches Wesen. Viele Orte in Mitteleuropa hatten früher ihre Dorflinde, die das Zentrum des Ortes bildete und Treffpunkt für den Nachrichtenaustausch und die Brautschau war. Anfang Mai wurden meist Tanzfeste unter diesem Baum – zum Teil auch auf sogenannten Tanzlinden – gefeiert. Außerdem wurde hier auch meist das Dorfgericht abgehalten, eine Tradition, die auf die germanische Gerichtsversammlung, das Thing, zurückgeht. Die Linde ist deshalb auch als „Gerichtsbaum“ oder „Gerichtslinde“ bekannt. Nach Kriegen oder Pestepidemien gab es den Brauch, sogenannte Friedenslinden zu pflanzen. Die meisten erhaltenen Exemplare erinnern an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, einige aber auch noch an den Westfälischen Frieden, wie etwa die „Friedenslinde am Dreierhäuschen“ im thüringischen Ponitz, oder an lokale kriegerische Ereignisse wie die Zerstörung Ratzeburgs.

 

Der Lindenbrunnen vor dem „Elektro-Fritscher“ und der „Nagel’schen Scheuer“ (Archiv Müller)

 

Wir schreiben den 30. Juni 1922.

Zur Ehre der 55 Oberkochener Gefallenen des I. Weltkrieges wurde der Lindenbrunnen in unserer Gemeinde als Denkmal errichtet. Der Brunnen wurde mitten in die Abzweigung zur Katzenbachstraße gesetzt und da es als Denkmal gebaut wurde, ist man einfach links oder rechts (je nach Fahrtrichtung) daran vorbeigefahren. In ganz alten Zeiten stand wohl hier die Dorflinde und der Ort diente als Versammlungsort, wie das früher in vielen Gemeinden üblich war. Bis in die Zeit vor Ende des II. Weltkrieges war es üblich, dass Mann und Frau sowie Gruppen und Abordnungen sich vor dem Brunnen zur Erinnerung fotografieren ließen.

 

Die Toten und Vermissten des I. Weltkrieges – Erinnerungstafel am städt. Friedhof (Archiv Müller)

 

Anmerkungen: Überall wird von 55 Kriegstoten geschrieben. Wenn man aber die Namen auf der Erinnerungstafel auf dem Städtischen Friedhof zusammenzählt sind es 56!

 

Liste der Kriegstoten und Vermissten aus dem I. Weltkrieg (Angegeben ist die Anzahl pro Jahr und das Alter sowie das Geburts- und Todesjahr):

1914 (7)

Deininger Karl (23) 1891-1914
Elmer Franz (21) 1893-1914
Gold Josef (29 1885-1914
Hägele Josef (21) 1893-1914
Kolb Johann (26) 1888-1914
Veil Paul (32) 1882-1914
Wingert Paul (25) 1889-1914

1915 (10)

Betzler Alfred (23) 1892-1915
Bezler Josef (21) 1894-1915
Dietrich Georg (22) 1893-1915
Elmer Josef (26) 1889-1915
Gold Eugen (24) 1891-1915
Gold Karl (22) 1893-1915
Hug Josef (32) 1883-1915
Lense Alb. (30) 1885-1915
Trick Eugen (19) 1896-1915
Winter Anton (31) 1884-1915

 

1916 (14)

Fischer Clemens (31) 1895-1916
Elser Konrad (31) 1895-1916
Gold Franz (21) 1895-1916
Gold Karl Wilhelm (27) 1889-1916
Hecker Georg (21) 1895-1916
Holz Franz (21) 1894-1916
Hug Josef (21) 1895-1916
Mayländer David (38) 1978-1916
Minder Josef (21) 1895-1916
Sapper Konrad (22) 1894-1916
Schaupp Paul (24) 1892-1916
Schieber Georg (38) 1878-1916
Schmid Georg (38) 1878-1916
Schoch Franz (19) 1897-1916

 

1917 (5)

Bezler Michael (30) 1887-1917
Brandstetter Eugen (28) 1889-1917
Öchsle Friedrich (41) 1876-1917
Schumacher Karl (27) 1890-1917
Wick Josef (31) 1886-1917

 

1918 (11)

Bäuerle Adolf (19) 1899-1918
Beisswanger Jakob (29) 1889-1918
Brandstetter Karl (26) 1892-1918
Elmer Anton (19) 1899-1918
Gold August (24) 1896-1918
Gold Paul (20) 1898-1918
Grupp Michael (21) 1897-1918
Kochendorfer Gregor (27) 1891-1918
Sapper Jakob (23) 1895-1918
Sapper Karl (19) 1899-1918
Seitz Heinrich (36) 1882-1918
Bäuerle Adolf (19) 1899-1918

 

1919 (3)

Elmer Franz (22) 1897-1919
Elser Ludwig (23) (1896-1919
Fischer Paul (24) 1895-1919

 

1920 (1)

Schlipf Johannes (37) 1883-1920

 

Vermisste (5)

Gold Willibald (30) 1885-1915
Holz Jakob (26) 1888-1914
Kolb Wilhelm (21) 1894-1915
Sapper Wilhelm (21) 1897-1918
Schaupp Gustav (42) 1876-1918

 

Straßensanierung und die Nagel-Scheuer steht immer noch (Archiv Mercaldi)

 

Dann kam das Jahr 1989.

Aufruhr in Oberkochen. Aufstand am Stammtisch in „dr Grub“. Fast schon ein Sakrileg. Ein terroristischer Anschlag auf den „heiligsten“ Platz in Oberkochen. Reine Willkür des Bürgermeisters – kein Begriff zu weit hergeholt, um das Unbeschreibliche beschreibbar zu machen. Diskussionen begannen und der Stammtisch „Graf Eberhard“ verließ diesen, um auf der Straße Flagge zu zeigen. Des kao und derf et sei……. Dr Lindabrunna wird versetzt. Ohgottohgott. Auch die „Narren“ Holdenried und Weller nahmen sich des Themas bei einer Prunksitzung auf der Bühne an.

 

 

Holdenried und Weller versetzen den Lindenbrunnen – bei einer Prunksitzung (Archiv Müller)

 

Am 12.05.1989

wurde Oberkochen mit dem Lindenbrunnen-Thema in die bundesdeutsche Presse katapultiert. Der Journalist Peter Meroth, gebürtig aus Oberkochen (a echter Bua vom Dreißatal) und Schüler des früheren Progymnasiums sowie Mitglied des von Diedrich Bantel gegründeten Sechser-Clubs, schrieb für die Zeit den nachstehenden Bericht, der heute noch auf Zeit-Online aufgerufen werden kann http://www.zeit.de/1989/20/wohin-mit-dem-brunnen

Der Bericht sorgte für Aufsehen, gefiel er doch den Oberkochnern überwiegend nicht. Nicht verwunderlich, da Peter einen Blick von außen auf Oberkochen richtete – sprich von weit überm Tellerrand weg, auf den Teller zurück. Wir lesen den Bericht einfach nochmals mit den Augen von heute und einem weiteren Blick zurück auf die damalige Zeit:

 

ORTSKERNSANIERUNG Wohin mit dem Brunnen? Ausgebaut und immer wieder umgebaut – wie eine kleine Stadt ihr Gesicht verliert - Von Peter Meroth Oberkochen

„Oberkochen liegt zwischen Unterkochen und Königsbronn. Eine neue Autobahn führt ganz in der Nähe vorbei. Die Fahrt nach Würzburg dauert jetzt nur noch rund anderthalb Stunden, nach Ulm braucht man gut dreißig Minuten. Oberkochen ist ein Ort. Seit den fünfziger Jahren hat es mehr und mehr aufgehört ein Dorf zu sein; 1968 wurde es offiziell zur Stadt erhoben. Aber was heißt das schon? Oberkochen ist ein Dorf im Umbruch, eine Stadt höchstens auf Bewährung. 8164 Einwohner (und ebenso viele Arbeitsplätze). Dreieinhalb Kirchen (wenn man die neuapostolische Turnhalle mitrechnet und die Stadtbibliothek im alten evangelischen Gemäuer noch als halbes Gotteshaus gelten lässt), vier Schulen, zwei Eiscafes, zehn Wirtshäuser. Wie es sich gehört, sind die 44 Oberkochener Vereine aktive Träger der dörflichen Stadtkultur. Turnen, Tennis, Fußball und Schwimmen erfreuen sich verbandsmäßiger Organisiertheit, des weiteren Gesang, Musik, Wandern, Modellbau, Heimatkunde, deutschfranzösische Freundschaft und, nicht zu vergessen, Narrentum sowie Heldengedenken. Letzteres steht momentan hoch im Kurs. Die Soldaten- und Kriegerkameradschaft nämlich, die früher vorzugsweise mit fahnen- und schärpenbewehrten Abordnungen verstorbene Mitglieder auf deren letztem irdischen Gang begleitete und so den Begräbnissen vergessenen Glanz verlieh, hat sich verbissen in einen neuen Kampf geworfen. Es geht um die Ehre und vor allem natürlich ums Prinzip. Die alten Kameraden sind angetreten, den Lindenbrunnen zu retten. Das Bauwerk ist nicht sonderlich alt, gerade mal 67 Jahre gibt es den Rundtrog mit seinen unbehauenen Kalksteinen. Auch architektonisch ist der Brunnen nicht weiter von Belang. Eine achteckige Umfassungsmauer, in der Mitte ein drei Meter hohes Türmchen, ausgeführt in naturbelassenem Dolomit, gekrönt von einer kegelförmigen Blechhaube. Im Sommer schmückt eine Halskrause aus blühenden Geranien das düstere Gebilde. Tafeln aus schwerem Eisenguss sind an dem Turm angebracht. Auf ihnen prangt das Kriegskreuz der deutschen Wehrmacht. Ursprünglich zur Erinnerung an die 55 im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne der Gemeinde gedacht, sind später auch die Toten des Zweiten Weltkriegs ins Gedenken einbezogen worden: „Oberkochen seinen Helden.“ Jetzt steht die Ortskernsanierung an. Die Katzenbachstraße soll künftig direkt in die Hauptstraße münden, und der Brunnen muss weg. Allerdings soll er nicht ganz verschwinden, soviel haben die Stadtväter seit ihren Kahlschlagstrategien der sechziger Jahre allerorten dazugelernt. Der Lindenbrunnen wird auch nicht ins Museum abgeschoben, diese Phase der fürsorglichen Denkmalschändung haben die Planer ebenfalls hinter sich gelassen. Das feuchte Monument soll jedoch versetzt werden. „Um 2,5 Meter nach Süden und Westen“, so beschloss es der Gemeinderat am Nikolausabend vergangenen Jahres per Mehrheitsvotum. Was ihnen an Stimmgewalt fehlte, versuchten die Gegner der Entscheidung durch markige Worte wettzumachen. Der Lindenbrunnen sei „von den Vorfahren auf die heiligste Stätte Oberkochens gesetzt worden“, es werde „ein Eingriff am Herzen vorgenommen, von dem man nicht wisse, ob ihn der Patient überlebt“, lauteten die Beschwörungsformeln. In den Sonntagsreden avancierte der treue Wasserspender flugs vom Denk- zum Ehrenmal, vom liebgewonnenen Bauwerk zur unantastbaren Kultstätte. Die Soldaten und Kriegerkameradschaft sah ihre Stunde gekommen und mobilisierte, im Verein mit der örtlichen CDU, den Volkszorn. 2450 Bürger, gut die Hälfte der wahlberechtigten Oberkochener, protestierten mit ihrer Unterschrift gegen die Brunnenschiebung. Die Vereinskrieger hatten den wunden Punkt der Planung getroffen. Jahrzehntelang war in Oberkochen – wie in so vielen anderen deutschen Städten und Gemeinden – unbekümmert an- und aus- und umgebaut worden, waren Schandflecken beseitigt, stille Winkel begradigt, verwunschene Gässchen verbreitert, Gärten planiert und Bäche kanalisiert worden. Sauber wollte der Ort dastehen, modern. Städtisch eben. Die Misthaufen vor den Häusern mussten weichen, Platz machen für breitere Straßen, Trottoirs, Parkstreifen. Die Landwirte gaben auf. Nicht alle freilich. Nicht alle Wiesen wurden zu Bauland versilbert. Nicht alle Jauchegruben sind aus dem Ortsbild verbannt. Ausgerechnet der Misthaufen gegenüber dem Gasthaus „Pflug“ dampft wie eh und je. Sogar die handbetriebene Güllepumpe steckt noch windschief in einer Ecke und rostet vor sich hin. Vermutlich wäre auch dieses letzte anrüchige Zeugnis der Dorfgeschichte längst einer urbanen Flurbereinigung zum Opfer gefallen, wenn sich der Pflugwirt zu Lebzeiten nicht fortwährend und lauthals darüber geärgert hätte, dass sein internationales Hotelpublikum molestiert werde. Was wiederum das dickschädelige Beharren der Nachbarn provozierte. Infolge von Trotz, Schlamperei und anderen erfreulichen Umständen ist gerade so viel Altes erhalten geblieben, dass sich zumindest die langjährigen Einwohner zu gegebener Zeit der Bausünder bewusst werden. So hat Oberkochen im Spiegel der Ortskernsanierung plötzlich sein Gesicht entdeckt und musste erschrecken, wie entstellt manche Züge bereits sind. Und vielleicht hat der eine oder andere auch endlich gespürt, dass die hilflosen Versuche, mit Erkern und Fachwerk, mit Rund- und Spitzbögen, mit Lüftlmalerei und Kopfsteinpflaster die Sünden der Vergangenheit zu übertünchen, nur eine neue Form der Zerstörung gewachsener Strukturen bedeuten. Da half auch der Hinweis nichts, der Brunnen sei am jetzigen Standort, auf einem Zwickel inmitten der Straßenkreuzung, zum Verkehrsteiler degradiert und werde erst auf seinem künftigen Stammplatz im Fußgängerbereich wieder „erlebbar“. In den lokalen Flugblatt- und Redeschlachten war jedenfalls viel vom unverwechselbaren Ortsbild Oberkochens die Rede, vom „Ensemble“ mit dem Lindenbrunnen und den beiden alten Kirchen, das den alljährlich von der Apotheke herausgegebenen Kalender und die Zinnteller der Genossenschaftsbank ziert. Doch eben nur davon. Was in der angeblich historischen Stunde des Gemeinderats, in den aufgeregten Diskussionen davor und danach, als Ortsbild heiliggesprochen wurde, ist nur ein Ausschnitt, ein zentrales, aber kleines Fragment eines Bilderbogens, der von den Buchen der umliegenden Hügel bis hinunter reicht in den Schnittpunkt dreier Täler und dreier kleiner Bäche, wo Oberkochen liegt, oder besser: einst lag. Denn der Ort hatte seine Einwohnerzahl nach dem Krieg innerhalb von nur dreißig Jahren vervierfacht. Die Siedlung wucherte die Bäche entlang, die Hänge hinauf und, weiter noch, auch oben über die Hochfläche. Der Werkzeugfabrik zum Beispiel fiel die Wiesenkapelle zum Opfer, der Optikkonzern schluckte die alten Honoratiorenvillen, und nach mehr als vierzigjähriger Schamfrist musste auch ein zuvor wieder und wieder verschonter Kulturbau aus der Hitlerzeit dran glauben. Die eine Firma ließ an anderer Stelle eine neue Kapelle bauen, die andere durfte ohne Gegenleistung die Planierraupen ordern und wartete bei ihren vielen Aus- und Umbauten bisweilen nicht einmal die offizielle Baugenehmigung ab. Der Fabrikant und die Entscheidungsträger des Konzerns sind selbstverständlich Ehrenbürger der jungen Stadt. Hatte nicht die Verwaltung selbst ihren Träumen von einem urbanen Zentrum im Neubaugebiet das alte Rathaus geopfert? Hatte nicht die evangelische Kirche die alte Pfarrei, ein verstecktes Gebäude mit verwunschenem Garten, für den Parkplatz eines Supermarktes hergegeben? Und hat nicht die katholische Kirche soeben den Amtssitz ihres Gemeindehirten um den Preis eines Kahlschlags an den Fliederbüschen im Garten und den Spalierobstbäumen saniert? Zwingt nicht ein Bebauungsplan, der viergeschossige Gebäude vorschreibt, jeden privaten Bauherrn im Stadtzentrum, der alten Straßendorf-Architektur den Garaus zu machen? So gesehen ist Oberkochen nur ein Synonym für all die kleinen Städte und großen Dörfer, in denen keine überregional bedeutenden Kulturdenkmäler zu erhalten waren, wo architektonische Rücksichtnahme nicht durch vorhandene Bauqualität diktiert wurde, wo die Interessenlage eindeutig und im falschen Moment das nötige Kleingeld vorhanden war. Darf man Hoffnung schöpfen, dass der Streit um den Lindenbrunnen die Wende in der Dorfentwicklung, pardon: Stadtgestaltung markiert, den Beginn einer neuen Behutsamkeit? Hoffen darf man. Doch schon werden neue Pläne ventiliert, Vorhaben, denen gegenüber ein um 2,50 Meter verlegter Brunnen die reinste Lappalie ist. Die Gralshüter des Ortsbildes wollen der Gemeinde doch noch einen eigenen Autobahn-Zubringer verschaffen. Zudem soll Oberkochen einen dritten Anschluss an die Bundesstraße bekommen. Kreuzungsfrei, versteht sich, ausgelegt für höhere Geschwindigkeiten, damit der Pendlerverkehr reibungsloser abgewickelt werden kann. Und so weiter. In der Argumentation dieser Konservativen, die bisher doch wenig mehr bewahrten als eine gewisse Geisteshaltung, ist der Lindenbrunnen zur optischen Anekdote degradiert, um den als Fortschritt gefeierten Kahlschlag ringsum zu kaschieren. Oberkochen ist überall.“

 

Die Altvorderen mit Zylinder und die neue Kraft in brauner Uniform (Archiv Müller)

 

Und später?

Die Wogen haben sich geglättet. Der Brunnen wurde ausgebuddelt und versetzt. Der Stammtisch kehrte nach seinem Ausflug von der Straße wieder an seinen angestammten Tisch in „dr Grub“ zurück. Drum herum wurde abgerissen und gebaut. Das Thema war durch und heute weiß kaum noch einer was des Volkes Seele damals so zum Kochen brachte. Heute gehört der Lindenbrunnen irgendwie zum Außenbereich der derzeitigen Eisdiele – als Kriegerdenkmal wird er nicht mehr wahrgenommen, auch wenn die CDU jährlich mit aufgestellten Kränzen daran erinnert. Im Frühling wird der Brunnen mit Ostereiern (früher vom Sängerbund – heute von der Kreativwerkstatt), einem Symbol von Fruchtbarkeit geschmückt und daher kann man sagen: Der Brunnen steht letztendlich für Geburt und Tod.

 

Lindenbrunnen in „heidnischer“ 😊 Osterschmuckverkleidung (Archiv Müller)

 

Das erste Kinderfest in Oberkochen

fand an einem Montag statt, am 11. Juli 1927. Damals gab es im Ort zwei Schulen, die katholische (seit 1901 im »Fuchsbau« an der Dreißentalschule beheimatet) und die evangelische (im alten evangelischen Schulhaus an der Aalener Straße zuhause, dem heutigen „Schillerhaus“. Beide Schulen nahmen am Fest teil. Zunächst zogen die Schulkinder unter Musikbegleitung zu den Kirchen. Dann ging's zurück in die Klassenzimmer, wo praktische, im Unterricht verwertbare Gegenstände, als kleine Geschenke verteilt wurden. Im Gegensatz zum vorhergehenden Sonntag, lachte an diesem Montag die Sonne vom blauen wolkenlosen Himmel. Am frühen Nachmittag formierte sich ein Zug festlich gekleideter und prächtig kostümierter Kinder. Man wusste nicht, was mehr zu bestaunen war, die drollige Ausstattung der Kleinen und Allerkleinsten oder die Gruppen der größeren Schüler, die Blumen und den Frühling, Rotkäppchen, Schneewittchen und Mutter Erde darstellten. War das ein Leuchten der Kinderaugen, ein Jubilieren und Jauchzen ob des überquellenden Frohsinns.

Auf dem Festplatz entwickelte sich nach der Begrüßung durch Bürgermeister Frank und nachdem der Kinderfestchoral „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ gesungen war, ein munteres Treiben. Reigen, Wettläufe, Spiele lockten Kinder und Zuschauer an. Am Kletterbaum konnten die Knaben ihre Fertigkeit an den Tag legen und in luftiger Höhe hängende Preise holen. In den Spielpausen gab es Brezeln, Wurst und Limonade, Bonbons, Schokolade und kleine Spielzeuge. Wonnestrahlend bestieg eine Gruppe nach der anderen das sich unaufhörlich drehende Karussell, alles in allem eine kurze schöne sorgenfreie Zeit.

 

Der alte Mittelpunkt der Gemeinde – fotografiert (Archiv Müller)

 

Zum Abschluss des Festes zogen Kinder und Erwachsene wieder zur Dorfmitte. Am Lindenbrunnen dankte Schultheiß Frank der Lehrerschaft für die Ausrichtung des Festes. Oberlehrer Mager sagte seinerseits Dank auch an die Spender von Geld und Gaben. Mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ fand das erste Oberkochener Kinderfest sein gutes und würdiges Ende. Alle waren begeistert und freuten sich auf das nächste Kinderfest. (Auszugsweise aus einem früheren Bericht von Didi Bantel).

Anmerkung: Das Schlusslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ wurde erstmals nach dem Krieg am 29. Juni 1953, ebenfalls ein Montag (!), vor dem Christopherus-Brunnen auf dem Schulhof der Dreißentalschule gesungen.

Die weitere Entwicklung des Kinderfestes. Das Fest wurde bis 1939 in der herkömmlichen Weise ausgetragen. Nach dem Krieg fanden die weiteren Kinderfeste von 1953 bis 1957 statt. 1958 wurde das Fest irgendwie in die Schuleinweihungsfeier Dreißentalschule eingebunden und ab 1959 (meinem Einschulungsjahr) ging es hinauf den Volkmarsberg, dem Kinderfest schlechthin, so wie unsere Jahrgänge es noch in romantischer Erinnerung haben. Am 21. Juli 1979 fand das Fest zum allerletzten Mal auf unserem Hausberg statt. Bis 1992 wurde es in die Spielstraße „Jägergässle“ verlegt, bevor es danach ins Carl-Zeiss-Stadion verlegt wurde.

 

Ein besonderer Tag am Lindenbrunnen

war zweifelslos die Beisetzung unseres hin gemeuchelten Försters. Einer der längsten Leichenzüge und größten Beerdigungen, die Oberkochen je gesehen hat, fand am 4. August 1926 statt. Die gesamte Einwohnerschaft nahm daran Anteil. Kollegen und Vereinskameraden sowie die Abordnungen der Vereine, in denen er Mitglied war, kamen mit Kränzen und Fahnen und sorgten somit für eine besondere Trauerfeier. Am Lindenbrunnen sang der Männerchor einen Trauer-Choral, bevor er Förster Braun auf dem evangelischen Friedhof bestattet wurde. Der Friedhof konnte die gesamte Trauergemeinde nicht aufnehmen, aber der zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannte und gefasste Mörder stand mit trauernder Miene an seinem Grab.

 

Das Lindenbrunnen-Ensemble mit alter evangelischer Kirche und Bekleidungsgeschäft „Krok“ (Archiv Müller)

 

Der Lindenbrunnen vor dem Gasthaus „Hirsch“ mit „Konsum“ und „Volksbank“ sowie dem Nagel’schen Wohnhaus (Archiv Müller)

 

Soweit zum Thema „Lindenbrunnen“ und sein womöglich sonst vergessener 100jähriger Geburtstag. Bleibt noch die Frage wie sich des Meroth’s Peter wohl heute zu den durchgeführten und geplanten baulichen Aktivitäten äußern würde. Vermutlich würde es einigen wieder nicht gefallen…..

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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