Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 752
 

Das Dreißental – eine autarke Welt, ein Dorf im Dorf – Teil 7

 

Die Bäuerle-Wiese.

Diese Wiese ist heute bebaut und ich wohne direkt daneben. Sie befand sich neben der Jahnstraße (tatsächlich…..straße und nicht ….-gässle), dem Verbindungsweg für Fußgänger und Radfahrer zwischen Dreißental- und Gartenstraße. Das war früher eine der Festwiesen, auf der ich als schon als Kind und auch noch als Jugendlicher oft zu Besuch war. Am 5. und 6. Juli 1952 fand hier das 25jährige Jubiläum des örtlichen Musikvereins zusammen mit dem 8. Bezirksmusikfest statt. Vermutlich das erste Fest, das ich im Kinderwagen erleben und die Liebe zur Musik (welcher auch immer – nur gut muss sie sein) aufsaugen durfte. Bei diesem großen Fest war die Wiese danach sicher „sanierungsbedürftig“. Hier feierten oft der Musikverein und der Sängerbund ihre Gartenfeste.

 

Eine gute Gelegenheit auf die früheren und heutigen Festwiesen- und Festplätze hinzuweisen:

 

Wohnhaus und Geschäft hinter einem damals üblichen Gartenzaun (Archiv Meroth)

 

Der Laden meiner Mutter von Peter Meroth.

Dreißentalstraße 55/Ecke Finkenweg, das ist die Adresse. Hier hatte meine Mutter ihren Laden. Einige können sich vielleicht noch erinnern, an den Schotterplatz vor dem Eingang, das kleinere Schaufenster zur Dreißentalstraße hin und das große, das sich über die gesamte Frontseite am Finkenweg hinzog bis zum Anbau, den wir in der Familie „Milchhaus“ nannten. Eine der wenigen Frischmilch-Verkaufsstellen, die es damals in Oberkochen gab. Doch das war der neue Laden, eröffnet 1955. Die Anfänge des Lebensmittelgeschäfts reichten etwas weiter zurück. Meine Eltern waren Anfang der 1940er Jahre nach Oberkochen gekommen. Sie hatten zuvor in Weil am Rhein und in Bruchsal gelebt. Mein Vater war als Mechanikermeister zum Rüstungsbetrieb Leitz dienstverpflichtet worden. Vom milden Klima der badischen Wein- und Spargel-Gegend auf die raue Ostalb. Der Neuanfang hier war nicht leicht. Zuerst wohnten die Eltern mit meinen beiden älteren Geschwistern, Hans und Brigitte, zur Untermiete beim „Goldabauer“. Später konnten sie in eines der neuen Einfamilienhäuser im Dreißental einziehen, die für die Arbeiter der Kriegswirtschaft gebaut wurden. Zeitgemäß, den Vorstellungen der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie entsprechend als Kleinsiedlung mit Gärten zur Selbstversorgung und Platz für Nachwuchs.

 

Der Meroth’sche Selbstversorgungsgarten hinter dem Haus (Archiv Meroth)

 

1942 wurde mein Bruder Klaus geboren. Zwei Ereignisse, eines auf der politischen, eines auf der persönlichen Ebene, führten schließlich zum Entschluss meiner Eltern, den kleinen Laden zu eröffnen: Die Währungsreform am 20. Juni 1948 und der Wechsel meines großen Bruders auf die weiterführende Schule. Mit der Einführung der D-Mark in den drei Westzonen kamen mehr Waren in den Handel und mit dem Umzug von Hans ins Internat, dem Josephinum in Ellwangen, wurde in unserem Haus ein Zimmer frei. Der Erlös des Geschäfts sollte helfen, die Kosten für die höhere Bildung der Kinder zu decken. Das Zimmer allein reichte nicht für den Laden, es musste auch ein zweiter Eingang geschaffen werden. Dabei war die Toilette im Weg, sie wurde kurzerhand in den Garten verlegt. Das Häuschen des Plumpsklos stand unter dem Kirschbaum. Ob da ein Herz in die Tür gesägt war, weiß ich nicht mehr. Wohl eher eine Raute. Die Kirschen jedenfalls schmeckten wunderbar süß. Das stille Örtchen diente bisweilen auch als Kundentoilette. Fräulein Engelhardt rief dort einmal um Hilfe, als plötzlich die Tür aufschwang und den Blick zur Dreißentalstraße freigab. Den kleinen Vorfall hat sie bestimmt mit Humor genommen. Sie war eine lebenslustige Dame aus Köln. Am Rosenmontag lud sie Nachbarn gern in ihre Wohnung in der Sperberstraße ein. Das war ganz schön exotisch, an einem Ort, wo Jecken als Spinner galten, und zu einer Zeit, als die meisten beim Wort Fastnacht nur ans Fasten denken konnten. Die Löhne waren niedrig, von dem neuen Geld blieb nicht viel zum Einkaufen übrig. Was im Garten wuchs, bauten die Leute selbst an, vom Salat bis zu den Kartoffeln. Wer konnte, hielt Hasen und Hühner. Nur mit Kaffee, Essig, Öl, Zucker, Mehl, Nudeln und vielleicht auch Seife war ein bescheidener Umsatz zu erzielen. Erstaunlicherweise auch mit Most.

Das große Fass stand im Luftschutzkeller, dem kühlsten Raum im Haus. Einmal hatte jemand das Einfüllloch zu fest verstöpselt. Angeblich mein Bruder Hans. In den Erzählungen der Familie ist er stets der Unglücksrabe. Als ältester Sohn wurde er zu schwierigeren Arbeiten herangezogen, auch zu solchen, deren Auswirkungen er nicht überschauen konnte. Der Most jedenfalls gärte, das entstehende Kohlendioxid konnte nicht entweichen. Der Druck im Fass stieg, bis er den Zapfhahn aus dem Spundloch presste. Zentimeterhoch stand die Flüssigkeit auf dem Backsteinboden. Da hatte der Putzfimmel meiner Mutter mal sein Gutes. Der Keller war so sauber, dass der Most, durch Stoffwindeln gefiltert, zurück ins Fass geschöpft werden konnte. Noch lange, nachdem es leer war, habe die Kundschaft gefragt: „Habt Ihr nichts mehr von dem Most? Dem guten, mit dem irdenen Geschmack?“

Zu den kleinen Geschichten rund um den Laden gehört auch der Zusammenprall meines Vaters mit der Staatsmacht. Früh um fünf radelte er nach Königsbronn, zur Bäckerei Holz, um dort Brot, Brötchen und süße Stückle zu holen. An einem finsteren Morgen stoppten ihn die Landjäger und verpassten ihm einen Strafzettel, weil das Fahrrad keinen Rückstrahler hatte. Mein Vater reagierte mit einem Wutausbruch. Woher sollte er so ein Katzenauge nehmen? In den Nachkriegsjahren waren viele Dinge knapp. Nirgends gab es Rückstrahler zu kaufen. Stur, wie er sein konnte, weigerte sich mein Vater, die Strafe zu bezahlen, lieber ging er ins Gefängnis. An einem Sonntag meldete er sich beim Bürgermeister, um den Arrest anzutreten. Der Schultes hatte ein Einsehen und schickte ihn wieder nach Hause.

Natürlich half die ganze Familie mit, den Laden am Laufen zu halten. Oder musste zumindest die Folgen ertragen, wenn sich meine Mutter wieder einmal darauf eingelassen hatte, sehr spezielle Kundenwünsche zu erfüllen. Weihnachten duftet für die meisten Menschen nach frisch gebackenen „Guatsle“ oder „Bredla“, Kerzenrauch und Tannennadeln. Es gehört schon einiges dazu, diesen Wohlgeruch zu übertönen. An einem 23. Dezember lag so viel Schnee (von den wenigen Autos war weit und breit keines zu sehen), dass wir Gassenbuben mit dem Schlitten die ganze Dreißentalstraße hinunterfahren konnten, bis zu Volksschule. „Gut, dass dich jemand mit dem Schlitten geschickt hat“, sagte mein Bruder Klaus. Er ging inzwischen auch aufs Gymnasium und hatte bei der Heimfahrt im Zug einen brutal schweren Spankorb mitgebracht. „Gib mal her.“ Alles Sträuben half nichts, er beschlagnahmte meinen Schlitten. Wir zogen die Fracht nach Hause. Sechs große, dicke Karpfen zwischen einigen Eisbrocken, auf dem Weg vom Fischhändler in Ellwangen an den Bahnhöfen immer wieder mit Hahnenwasser geduscht. Nach polnischem Brauch muss der Weihnachtskarpfen lebend gekauft und in der Küche geschlachtet werden. Leider hatte meine Mutter nicht darauf bestanden, dass die Kunden die Fische in der eigenen Badewanne frischhielten. Die Karpfen durften bei uns ihre letzten Schwimmübungen machen. Mir hat das gefallen. So nah war ich so großen Fischen noch nie gekommen. Aber danach konnte ich auch lange nicht vergessen, was für ein durchdringender Geruch das Haus erfüllte.

 

Die Innenausstattung des Ladens – Das Bild ist eine Rarität (Archiv Meroth)

 

Die Ladenöffnungszeiten waren streng geregelt. Längstens bis sechs Uhr abends konnten die Leute einkaufen, am Samstag nur bis Mittag. Doch man kannte sich. Und wenn verzweifelte Nachbarn an der Haustür klingelten, bekamen sie unter der Hand, was dringend gebraucht wurde, um das Abendessen oder den häuslichen Frieden zu retten. Meinen Eltern war nicht wohl dabei. Anzeigen, selbst wegen kleiner Verstöße gegen die Gewerbeordnung, waren in jenen Jahren keine Seltenheit. Aber Nein sagen konnten sie nicht. Auch wenn die Kunden anschreiben ließen. Mussten schließlich die Schulden eingetrieben werden, verdüsterte sich die Stimmung bei uns zu Hause. Meine Schwester Brigitte, die in ihrer kaufmännischen Lehre auch Buchhaltung lernte, war die Einzige in der Familie, die für diese Aufgabe taugte. Sie sah die Zahlen, machte sich auf den Weg und klapperte nüchtern-sachlich die säumigen Kunden ab. Die Zahlen mussten stimmen. die säumigen Kunden ab. Die Zahlen mussten stimmen. Im „Innendienst“ kümmerte sich Eva Brigitte, die spätere Frau meines Bruders Hans um Abrechnungen und Bestellungen.

Schließlich wagten meine Eltern eine Erweiterung des Ladens. Sie wollten das Haus um drei, vier Meter verlängern. Ein großer, lichter Verkaufsraum sollte entstehen und als besondere Attraktion wollte meine Mutter eine Milch-Verkaufsstelle einrichten. Das machte den Anbau kompliziert. Das Milchhaus musste komplett gekachelt werden und – angeblich ebenfalls aus Hygienegründen – war eine Raumhöhe von mehr als drei Metern vorgeschrieben. Das größte Hindernis aber war ich. Von einer geplanten Schwangerschaft konnte wohl nicht die Rede sein. Als ich im Februar 1951 das Licht der Oberkochener Welt erblickte, war meine Mutter 43 Jahre alt, mein Vater 52. Eine Kinderwunschklinik hätte meine Geburt als Erfolg gefeiert. Meine Schwester, die im Schulunterricht einiges über Erbkrankheiten und andere medizinische Risiken beim Kinderkriegen gelernt hatte, erklärte in ihrem jugendlichen Rigorismus meine Eltern für verantwortungslos. Der Anbau entstand mit viel Eigenarbeit. Auch die Ladeneinrichtung schreinerte mein Vater selbst, sogar die Kühltheke im Milchhaus, mit dicker Glasfaser-Isolierung und wuchtig auskragenden Zinkblech-Profilen als Innenverkleidung. Die meisten Haushalte hatten damals noch keine Kühlschränke. Und ich freute mich schon, dass wir bald selbst Eis machen könnten. Aber zuvor musste ein Jahrhundert-Loch gebohrt werden. Der Kühlkompressor hing im hintersten Keller des alten Hausteils. Von dort sollte das Kältemittel schräg durch Decke und Hausecke in den Milchhaus-Anbau gepumpt werden. Die Leitung war ja nur acht Millimeter dick, und mein Schwager Rudi, inzwischen auch schon 88 Jahre alt, schwärmt noch heute, dass mein Vater damals wohl einen der ersten „Widia“-Stahlbohrer in Deutschland gehabt hätte. Tatsächlich gab es das von Krupp entwickelte Hartmetall (WIeDIAmant) schon seit den 1920er Jahren. Aber der Bohrer war kurz, mehrfach musste eine immer längere Verlängerung zusammengeschweißt werden, immer wieder forderten grobe Kiesel im Betonfundament den Wunderbohrer zum Härtetest heraus. Die Bohrmaschine war ein Modell aus dem Museum für Bakelit-Spielzeug. Das schwache Motörchen jaulte erbärmlich. Seine Fieberschübe häuften sich, die Abkühl-Pausen wurden lang und länger. Am 12. November 1955 war es endlich geschafft:

„Bringe hiermit der werten Einwohnerschaft von Oberkochen zur Kenntnis, dass ich am Samstag mein neuerstelltes Lebensmittelgeschäft eröffne“, verkündete eine Anzeige in „Bürger und Gemeinde“. Eigentlich hätte hier meine Mutter als Inhaberin auftreten müssen. Es war doch ihr Laden! Das stand für mich als Kind außer Zweifel. Doch in der Annonce firmierte mein Vater als Patron. „Anton Meroth, Lebensmittel“, lautete auch der Eintrag im Gewerberegister.

So war das damals: Frauen galten als eingeschränkt geschäftsfähig. Noch bis 1958 hatte der Mann das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder. Bis 1962 durften Frauen ohne Zustimmung des Mannes kein Bankkonto eröffnen, erst 1969 wurde verheirateten Frauen die volle Geschäftsfähigkeit zugesprochen, erst ab 1977 durften sie auch ohne Einwilligung des Mannes arbeiten gehen. Die Formalien hinderten meine Eltern aber nicht daran, Haushalt, Beruf- und Geschäftsleben einigermaßen gleichberechtigt zu organisieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Selbstgemachtes Eis gab es nur ein- oder zwei Mal. So laut der Kompressor auch ratterte, für ordentliche Minus-Temperaturen reichte es nicht. Immerhin hatten wir das Klo jetzt wieder im Haus und auf dem Flachdach der Milchverkaufsstelle eine Terrasse. Dank des Frischmilch-Angebots reichte das Einzugsgebiet unseres Ladens bald bis hinauf zum Sonnenberg und zur Brunnenhalde. Man holte die Milch in ein bis drei Liter großen Alu-Kannen (die sich auch prima über den Kopf schlenkern ließen). Angeliefert wurde die Milch in 30-Liter-Kannen. Wenn er Milchlaster abgeladen hatte, standen sie manchmal ein paar Minuten vor dem Milchhaus bis zwei Frauen die schweren Metallbehälter hineintragen und in die Kühltheke wuchten konnten. Einmal hatte jemand gesehen, dass ein Hund an einer Kanne geschnuppert hatte. Anzeige, Schock, große Aufregung. Der Zeuge blieb anonym. Meine Mutter, für die Sauberkeit ein großes Thema war, fühlte sich in ihrer Ehre verletzt. Die vollen Kannen waren doch fest verschlossen. Selbst mit den leeren wurde großer Aufwand getrieben. Sie wurden bei uns in der Waschküche mit kochend heißem Wasser aus dem großen Heizkessel gereinigt und zum Trocknen mit der Öffnung schräg nach unten aufgehängt. An Wandhaken, die mich als Kind faszinierten, weil sie die Kannen lediglich an kleinen Ösen im Bodenring hielten und scheinbar schwerelos im Raum schweben ließen. Eine amtliche Kontrolle ergab schließlich keine Beanstandungen, aber die Wellen der Empörung ebbten erst nach Wochen ab. Die Milch war wichtig fürs Geschäft.

Es gab ja eine ganze Reihe von Läden im Dreißental, die Lebensmittel verkauften. Schoch, Bäckerei Fichtner, Gruppen-Heiner, Bäckerei Fleury sowie zwei kleine Nachbarschaftsläden in der Brunnenhalde (Karl Paff Brunnenhalde 16 und Elisabeth Goldmann Brunnenhalde 40) und am Sonnenberg (Farys), außerdem die Metzgereien Betz (im Gasthaus „Sonne“) und Reber im Finkenweg (Hauptgeschäft im Lamm in der Hauptstraße). Später kam der Konsum dazu, das Reformhaus Schütze, und 1957 verlegte José Sogas sein Geschäft von der Dorfmitte an die Ecke Dreißental-/Lerchenstraße und öffnete mit seinem Selbstbedienungsladen das Tor zur Moderne. Eine Revolution in der Einkaufswelt.

 

Frau Meroth erholt sich im Garten mit Blick auf ein paar Häuser im Finkenweg (Archiv Meroth)

 

Zwei Entwicklungen, auf der persönlichen und der gesellschaftlichen Ebene, führten dazu, dass der Laden Anfang der 1960er Jahre wieder schließen musste. Schon 1956 hatten meine Eltern das Geschäft an die Aalener Firma Grieser abgegeben. Die war zuvor unser wichtigster Großhändler und wollte unter der Marke „Einka“ eigene Filialen betreiben. Meine Mutter führte die Grieser-Niederlassung, bis sie die Krankheit meines Vaters zum Aufgeben zwang. Ein Gehirntumor, der zwar gutartig war, aber lange nicht entdeckt wurde und ihn schließlich vollständig lähmte. Gleichzeitig entstanden mehr und mehr Supermärkte, auch die Zahl der Autos nahm sprunghaft zu. Die Zeit der kleinen Läden ging allmählich zu Ende.

Die gute Nachricht zum Schluss: Mein Vater konnte operiert werden und hatte noch einmal anderthalb, überwiegend muntere, Jahrzehnte. Der Laden war nach einem Zwischenspiel als Zeiss-Lagerraum rechtzeitig vor meinem Abitur wieder frei – für ein paar unvergessene Partys.

 

Der Pfingstmarkt.

Am 9. Sep. 1816 erhielt unsere Gemeinde das Marktrecht für zwei Vieh- und Krämermärkte am Pfingstmontag und im Oktober (Der Herbstmarkt wurde dann doch im September abgehalten, starb dann aber relativ schnell). Der erste wurde dann 1817 zu Pfingsten abgehalten und war in alten und uralten Zeiten eine Attraktion. Die Gmünder verlangten eine Verschiebung um 8 Tage, weil sie am selben Tag schon länger einen Markt hatten. Die Oberkochner lehnten das strikt ab. Der Pfingstmarkt entwickelte sich zu DEM Fest, da es das später so beliebte Kinderfest noch nicht gab. Den alten Texten ist folgendes zu entnehmen:

„Was war das doch für ein Treiben in der Mitte des Dorfes zwischen „Hirsch-Wirt“ und dem „Schmied-Jörgle“, wo die Krämerstände allerlei anboten, der billige Jakob seine Späße trieb und der Bretzgenblase aus Aalen jedem Vorübergehendem zurief: „Du, Anton, komm, nemm au deir Kathre a Bretzg vom Blase mit“. Da traf man den Vetter und die Bas, den Ähne und die Ahne und die Kinder bevölkerten in Massen den Platz, denn jedes Haus war damals noch kinderreich. Die Jugend war geschlossen da und promenierte in Gruppen lachend und scherzend durch das Marktgetriebe. Man machte einander Freude, wenn es auch nur mit einem billigen Magenbrotgücklein, einem Zuckerstoi oder einem Bärendreckstänglein geschah. Ein ganz wichtiger Marktteilnehmer war der „Grund“ aus Essingen, der mit seinem Kinderkarussell den Platz vor dem „Lamm“ belebte. Selbstredend noch ohne Motor, daher musste es von 5 Buben angeschoben werden, die danach zur Belohnung immer aufspringen durften. Wer von den Kindern daheim nur 2 Pfennig bekommen, hatte schaute dumm aus dr Wäsch. Wer allerdings 5 Pfennige bekam konnte sich eine Karussellfahrt für 3 Pfennige und einen Zuckerstoi für 2 Pfennige leisten.“

Für uns in den 50er und 60ern war das wichtigste immer der Pfingstmarkt mit Buden, Karussell, Auto-Scooter, Musik, Bratwurst und Bier. Wir sind immer beim Aufbau, besonders beim Auto-Scooter, herumgeschlichen, um vielleicht mithelfen zu dürfen und dafür Fahr-Chips zu bekommen. Ein Eckpfeiler in Oberkochens Jahreskalender. Wer weggezogen war, ist an diesem Tag wieder mal nach Hause gekommen, um die Familie und alte Freunde zu treffen. Der Markt feierte unbemerkt 2017 sein 200jähriges Bestehen – allerdings nur noch ein sehr überschaubares Märktle. Bevor sich Kinderfest und Stadtfest etablierten, war dieses Fest das absolute jährliche Highlight.

1950 schreibt die Schwäpo: …eine größere Anzahl von Verkaufsständen, auch hiesige Firmen, war auf beiden Seiten der Aalener und Heidenheimer Straße aufgebaut und das günstige Wetter hat viele Kauflustige angelockt.  Eine Essinger Firma hatte einen landwirtschaftlichen Traktor vor dem „Lamm“ aufgestellt. Zur Rechten und Linken der pfingstlichen Verkaufsstraße wurden viele nützliche Gebrauchsgegenstände, Textilien, Spielzeug, Süßigkeiten usw. zu günstigen Preisen angeboten.

 

Blick vom alten Schulhaus hinunter auf den Pfingstmarkt (Archiv Müller)

 

Teil 8 und Schluss folgen in zwei Wochen.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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