Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 751
 

Das Dreißental – eine autarke Welt, ein Dorf im Dorf – Teil 6

 

Der Engländer-Paul.

Wenn man über das Dreißental recherchiert, kommt man an ihm (sein richtiger Name war Paul Anton Gold) nicht vorbei und so vereinbarte ich mit Friedhelm einen Termin, um über seinen „Ähle“ (Opa) zu sprechen und war mehr als überrascht, was er für einen reichen Fundus zur Familiengeschichte hat.

Ein besonderer Mann mit vielen Fähigkeiten und einem ungewöhnlichen Lebenslauf. Geboren wurde er am 7. Januar 1884 in Oberkochen ins Geschlecht des Schmied-Jörgles. Nach der Schule machte er eine Schlosserlehre (wo ist mir nicht bekannt) und anschließend berufliche Erfahrungen (Möglicherweise in Berlin und Esslingen). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fasste er einen Entschluss – er ging nach England. Ein Brief belegt, dass er schon 1906 in London war. Als er eines Tages bei einem Besuch in Oberkochen, vielleicht während eines Treffens in einer hiesigen Gaststätte, die Katharina Grupp fragte, ob sie mit ihm nach England gehen würde, war die Antwort positiv. Wo und wann geheiratet wurde, ist mir nicht bekannt. Nachdem sein Sohn Paul am 22. August 1912 in London geboren wurde, ist davon auszugehen, dass Katharina 1910/1911 nach London kam. Paul hatte inzwischen eine florierende Autowerkstatt in Fulham aufgebaut und die Familie wohnte im selben Stadtteil in der Epirus Road.

 

Man ist wer – mit Familie und Hund vor dem Haus in Fulham (Archiv Brachmann)

 

Fulham

hat eine Geschichte der Industrie und des Unternehmertums, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, mit Töpferei, Tapisserieweberei, Papierherstellung und Brauerei im 17. und 18. Jahrhundert in der heutigen Fulham High Street und später in der Automobilindustrie, der frühen Luftfahrt, der Lebensmittelproduktion und Wäschereien. Im 19. Jahrhundert gab es Glasbläser und dieses wurde im 21. Jahrhundert mit dem Aronson-Noon Studio und der ehemaligen Zest Gallery in der Rickett Street wiederbelebt. Lillie Bridge Depot, ein 1872 eröffnetes Eisenbahntechnikdepot, ist mit dem Bau und der Erweiterung der Londoner U-Bahn verbunden, der Elektrifizierung von U-Bahn-Linien aus dem nahe gelegenen Lots Road Power Station und ist seit weit über einem Jahrhundert der Wartungsknotenpunkt für Schienenfahrzeuge und Gleise.

Sportlich berühmt ist Fulham für die beiden Fußballvereine, FC Fulham und FC Chelsea. Zwei weitere bemerkenswerte Sportvereine sind der Hurlingham Club, bekannt für Polo, und der Queen's Tennis Club, bekannt für sein jährliches Tennisturnier vor Wimbledon.

Das Leben meinte es gut mit ihm. Durfte er doch auch für das Königshaus dienstbar sein, indem er den königlichen Nachwuchs Fahrstunden gab. Aufgrund des Alters kommen im Grunde nur der spätere König Georg VI. oder Edward VIII (der die Amerikanerin Wally Simpson heiratete) in Frage. Dem Bericht von Viktor Turad aus „Mein Oberkochen“ zufolge, war es wohl Georg VI und nicht ein Butler oder gar ein Gärtner, wie ein Spaßvogel anmerkte. Auch hatte er die Generalvertretung für „Renault“, die aus unbekannten Gründen mit einer sog. „Farewell Party“ am 1. März 1913 beendet wurde. Solche eine Party veranstaltete auch „Shell“ für ihn.

Doch dann brach das Unheil über Europa und die Welt herein. Am 1. August 1914 erklärte der deutsche Kaiser Wilhelm I. die Generalmobilmachung. Die Engländer konfrontierten Paul Gold mit zwei Möglichkeiten: Mitarbeit in einer Fabrik für die Waffenproduktion oder Überstellung in ein Internierungslager. Als Deutscher sah sich Paul außerstande Waffen zu fertigen, mit denen auf seine Landsleute geschossen werden sollte. So trennten sich die Wege der Familie. Katharina zog mit Sohn Paul nach Oberkochen und Paul Anton zog 1914 als PoW (Prisoner of War) in das „Knockaloe Internement Camp“ auf der Isle of Man. Am 24. Dezember 1918 wurde er in das Lager „War Camp Alexandra Palace“ in London verlegt. Jeder, der sich heutzutage für den „Dart-Sport“ interessiert, kennt das Gelände – es heißt heute in der Koseform „Ally Pally“. Vielleicht würden wir ohne das Internierungslager seinen Namen heute auch auf der Erinnerungstafel der 55 bzw. 56 Kriegstoten und Vermissten lesen. Angemerkt sei hier noch, dass er kurz vor Ende des II. Weltkrieges im Alter von 61 Jahren noch gemustert wurde, bevor am 8. Mai 1945 das Ende des II. Weltkrieges gefeiert wurde.

 

Was es nicht alles gab – Postkarten aus dem Kriegsgefangenenlager 1915 (Archiv Brachmann)

 

Für die Detail-Besessenen 😊 nachstehend zwei Links zu den beiden Aufenthaltsorten von damals

Knockaloe WW1 Internierungslager | Knockaloe | Insel Man

Alexandra Palace – Wikipedia

 

Jeder Krieg geht einmal zu Ende und damit auch für Paul Anton die Zeit in England. Er kehrte wohl im ersten Quartal 1919 nach dem Krieg nach Oberkochen zurück und zog mit seiner Frau und seinem Anton in das kleine Häusle hinter der Schreinerei Clemens Grupp ein. Arbeit fand er beim WIGO. Paul Anton war ein fähiger Mann und arbeitete noch nach Feierabend in der Firma und konstruierte die erste Zinkenfräsmaschine, die er auf seinen Namen patentieren wollte. Das wollte der damalige WIGO-Chef auf keinen Fall. Man zog vor Gericht und WIGO bekam Recht. Aus diesem Zerwürfnis heraus wechselte Paul Anton zu Leitz und WIGO startete seine große Zeit als Maschinenhersteller, deren Beginn sicher dem Paul Anton Gold mit zu verdanken ist.

Das Dreißental war Anfang der 1920er Jahre sehr dünn besiedelt und so beschloss Paul dort sein Haus zu bauen. Er baute in der damaligen Bergstraße 288 (heute Sperberstraße 17), unterhalb des Hauses 289 von Josef Brandstetter (heute Lerchenstraße 1), sein Haus. Viktor Turad schreibt zwar 1928, aber nachdem das Brandstetter-Haus mit der höheren Hausnummer 1927 gebaut wurde, denke ich, dass auch hier 1927 richtig ist.

Es war die Zeit der Selbstversorger, sofern ein großer Garten vorhanden war und den hatte er. Es wurde Gemüse angebaut und Obstbäume sowie Maulbeerbäume gepflanzt, ca. 50 Hasen und einige Ziegen wurden gehalten. Dazwischen ging es ab und zu in den „Schlag“ für Holz und Reisig. Und zudem fing er noch eine umfangreiche Seidenraupenzucht im Keller an. Noch nicht genug. Auch als Werbe-Ikone für Carl Zeiss war er tätig, wie wir der Schwäpo vom 29. Oktober 1960 entnehmen:

„Auf frischer Tat ertappt wurde ein 77 Jahre alter aus Oberkochen stammenden Wilddieb! Der Mann wurde von fünf gut „bewaffneten“ Männern „festgehalten“. – Doch es ist ein Wunder, dass der alte Mann noch auf die Jagd geht, denn er besitzt einen ausgezeichneten Feldstecher 8x30B. Durch den kann er auch mit seiner prima Marken-Brille einwandfrei sehen.“

 

Eine Werbeikone für Zeiss aus der Sperberstraße (Archiv Brachmann)

 

Der Mann beschäftigte sich auch mit Homöopathie, hielt darüber Vorträge und versorgte seine Familie mit der entsprechenden Medizin – der Mann war vollbeschäftigt, keine Frage. Leider verstarb seine Frau schon 1937 im Alter von 47 Jahren.

War dann doch mal Zeit, so ging es auf ein Bier in eine der Oberkochener Gasthäuser. Er war bekannt dafür, dass sein Bier „gestaucht“ sein musste. Sein Bier war immer so heiß, dass es regelrecht gedampft hat und es soll vorgekommen sein, dass sich mancher „s Maul“ an seiner Flasche verbrannt hat.

Da Paul aus der Kirche ausgetreten war, was für Oberkochen und die damalige Zeit sicher eine Besonderheit war, gab es eines Tages beim Bier ein Gespräch mit seinen Freunden: „Wo sollen wir denn mit dir mal hin, wenn du gestorben bist?“ (da es noch keinen Gemeindefriedhof, sondern nur konfessionelle Friedhöfe gab). Er antwortete trocken: „Dann bringt mich halt zum Gaulhimmel.“ Friedhelm fragte sich als Kind, als er die Geschichte hörte: „Wie bringt man den da bloß hinauf?“ Er wusste nicht, dass der „Gaulhimmel“ im Gaintal beim Pulverturm war 😊.

Die Dreißental-Buben nannten ihn immer nur „Schlauch“, weil er immer mit einem kurzen Stück eines Gartenschlauchs, den er in seinen großen Händen hinter dem Rücken verbarg. Wenn er dann einen der frechen Buben erwischte, gab’s mit dem Schlauch einen Hosenspanner. Natürlich nicht grundlos, denn die Buben klauten in seinem großen Obstgarten seine saumäßig guten Äpfel. Obwohl die Buben in ihren elterlichen Gärten genug Äpfel hatten – aber, wer weiß das nicht, geklaute Äpfel schmecken eben am besten. Und noch besser, wenn es keinen „Schlauch-Kontakt“ gab 😊.

Unvergessen, wenn er, mit wehendem weißem Bart, auf seinem Moped durch Oberkochen fuhr. Am 3. Juli 1961 endete sein Lebensweg zu früh, aber er sah keine Notwendigkeit bei einer heftigen Erkrankung einen Arzt zu konsultieren – es ließ und lässt sich eben nicht alles mit Homöopathie heilen.

So schade, dass man diesen Mann nicht mehr erzählen lassen kann und er ist daher ein klassisches Beispiel dafür, dass alles in Vergessenheit gerät, wenn nicht irgendeiner in der Familie die Dinge aufschreibt und sich um die Fotos kümmert – denn das bleibt. Alles andere wird irgendwann vergessen sein.

Heute bewohnt sein Enkel Friedhelm Brachmann das Haus, das er von seiner Mutter Elisabeth „Elly“ (1920-2006) übernommen hat, die jahrzehntelang ihre Tochter Helga (1947-1995) aufopferungsvoll gepflegt hat. Der Garten ist eine Augenweide, der durch seinen wunderschönen Staudengarten (u.a. mit Rittersporn) mit einer Natursteinumrandung positiv auffällt und das war auch der Grund dafür, dass mein morgendlicher Weg vom Sonnenberg zum Leitz immer durch die Sperberstraße ging. Das sollten sich mal die neuen Häusles-Bauer mit ihren toten Steingärten anschauen. (Die Anmerkung konnte ich mir nicht verkneifen).

 

Der Huga-Paule mit seiner Gitarre „ohne Meer“ (Archiv Müller)

 

Das Dreißental ohne d‘ Huga Paule?

Das ist schlichtweg nicht vorstellbar. Deshalb freut es mich sakrisch, dass ich den Paul dafür gewinnen konnte, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen.

„I ben dr Bua vom Dreißatal“, tolle Hymne (eigentlich aber in Österreich geklaut: „Dr Bua vom Loisachtal“) – gute alte Zeit: Im Haus der Großeltern Georg und Maria Hausmann, Dreißentalstraße 25 – neben dem Sparladen „Schoch“, bekannter Turner mit schwarzweißem, großem Collie, daneben der „Gruppa Paul“, gegenüber Apotheker „Irion“ und das Kino – als Hausgeburt 1951 auf die Welt gekommen. Mein Onkel Franz Hausmann erzählte mal, ganz arg geheult zu haben, als er mich als Säugling zum ersten Mal im Arm hielt (war ja schließlich das erste der dreizehn Hausmannkinder). Eigentlich hätte ich nach der Tradition den Vornamen „August“ bekommen sollen, wurde aber nach dem Bezlers-Onkel, der nach Kriegsende noch in Russland erschossen worden war, „Paul“ getauft. Auf dem Nachbarsgelände, wo später dann die Carl-Zeiss-Hochhäuser entstanden, konnte damals noch gespielt oder Skifahren geübt werden. Entlang der Firma Jakob Schmid (heute Parkplatz) wurden große, lange Baracken gebaut, in denen die Gastarbeiter, hauptsächlich Italiener, wohnten, die den Zeiss errichteten. Als mein Opa sein letztes Huhn schlachtete, flog dieses ohne Kopf völlig überraschend über den zugewachsenen Drahtzaun. Er rannte eiligst ums Haus, doch die Henne war schlichtweg weg. Eine Woche später etwa kam der Leo, Vorarbeiter der Italiener, und brachte etwas Geld als Dank für das vorzügliche Huhn. Gerne denke ich an die Zeitungsausträgerin Antonia, die hie und da bei meiner Oma Kaffee trank oder an den Motschenbacher, der das Dreißental in den Starenweg hochging – irgendwie hatte man ein bisschen Angst vor dem, hab aber sogar ein paarmal mit ihm kurz geredet. Oder an Samstagmittagen ging es von halb vier bis vier Uhr zum Baden in Zwischenbau der Dreißentalschule. Mit meinen beiden Geschwistern Wolfgang und Monika war ich bei den Geburtsjahren weiter auseinander, so dass halt jeder seine eigenen Freundeskreise hatte.

 

Da gabs noch Winter – mit den Eltern vor dem Haus und dem ersten großen Zeissbau (Archiv Hug)

 

Meine Eltern August und Zita haben dann 1959/60 in der Frühlingstraße ihr neues Haus gebaut, eines der ersten Häuser, bei denen der Seitz mit dem Bagger die Baugrube aushob. Neue Nachbarn waren dann die Familien Dr. Gebert – er spielte stets an Sonntagmorgen genial am Flügel – Dr. Schwarz, Fetzer, Abele, Schönherr, Bäcker Brammen, Fichtner, später Verwandtschaft Bezlers Done. Beim Zahnarzt sogar mal Lachgas, beim Apotheker öfters Traubenzucker probiert.  

Man kann’s heutzutage kaum mehr glauben: Die Mütter waren vielbeschäftigte Hausfrauen (es gab schließlich ja keine Kühlschränke, Waschmaschinen, Stromherde…). Meine Mutter nebenher auch eine bekannte Schneiderin, die immer viel zu wenig Geld verlangte, wie ich später kritisierte, etwa als sie Nachbarsmädchen Gertraude Müller für ein paar Mark das komplette Hochzeitskleid fertigte. Mit ihren Altersgenossinnen traf sie sich ein paarmal im Jahr zur Kaffeevisite. Mein Vater begann morgens um 6 Uhr mit der Arbeit, kam zum Mittagessen heim, dann ging‘s wieder an die Drehbank zum Fabrikant Schmid bis zum Abend. Zur Finanzierung des Hauses wohnten auch Logier-Herren bei uns, im Bühnenzimmer mal die Lißner-Brüder, sowie über der Küche ein Zeissler, Dr. Haas aus Nürnberg, der montags kam und freitags ging und seine eigenen Kinder sehr vermisste. Das Holz zum Heizen musste im Schlag beschafft (ohne technisches Gerät mit Säge und Schnaier), dann vom Goldenbauer zum Haus transportiert, gesägt, gespalten, in den Keller gebeigt oder auf die Bühne gezogen werden – au weh: meinem Opa, sonst fleißig im Garten, streifte mal so ein Holzklotz den Kopf, weil ich nicht richtig den Korb nach oben gezogen hatte. Und dann spielten wir mit einer ganz tollen Märklin-Eisenbahn, zu der mein Vater unseres und andere Häuser nach dem Maßstab 1:87 genial gefertigt hatte. Auch sprach er, der mit 18 Jahren zu Beginn des 2. Weltkrieg eingezogen worden war, in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Wort von dieser Zeit – nur mein anderer Opa, der alte Hugen-Schreiner, sagte mal, dass er erst in Frankreich, dann in Russland gewesen sei. Dem besagten Großvater musste ich auch hie und da Stumpen bei der Frau Ennepetz (Kiosk) holen.

Für uns Kinder gab es kein Telefon, keinen Fernseher und alle die anderen aktuellen digitalen Medien, also stand das Miteinander im Vordergrund (heut ist’s eher zum Nebeneinander mutiert). Vier altersmäßig zusammenpassende Nachbar-Jungs wuchsen miteinander auf: Schönherr Willi, Irion Eckard (Spitzname Byba – wohl von Baby, da Nachzügler der großen Geschwister), Schleicher Alfred und ich, der Huga Paule. Dann gab’s noch die Wingerts Edeltraud, die wir bösen Buben einfach „Schrubber“ nannten. Man war damals immer draußen, kam im Grunde nur zum Essen oder Trinken heim. Die Oma brachte oft nach der Halb-Sieben-Uhr-Kirche Brezeln mit, die vor dem Gang zur Schule gefrühstückt wurden. Wir mussten bisweilen in der Molke Milch holen, mit in den Wald zum Himbeerpflücken und spielten viel auf der Wiese zwischen unserem Haus und dem Bäcker Fußball und allerlei anderes – wehe, der Ball traf einmal das Schaufenster von Nachbarin Frau Abele. Oder wir übten Skifahren u.a. auf dem jetzigen Zeissgelände oder im Hitzelesmahd – manchmal schaffte man sogar eine Schlittenfahrt vom Volkmarsberg bis zur Molke – ganz oft gings in den Wald, zum Kocher oder zum Gutenbach. Später war ich irgendwie Vermittler zwischen den Banden, die es da gab – naja als Kleingewachsener lernt man andere Techniken, um sich durchzusetzen, als nur mit Muskeln und großer Gosch. Einmal fingen wir da zwei Forellen, für welche die Fichtners-Tochter Hildegard extra am Nachmittag den großen Backofen anheizte – bis ihre Mutter dies bemerkte – o weh, die Forellen sahen wir nie wieder. Aber unsere Schildkröte schlich durch die Nachbarsgärten.

Abends oder am Sonntag zum Frühschoppen gingen die Herren öfters ins Wirtshaus, an Sonntagen bettelten wir nach der Kirche bisweilen vor dem „Pflug“ oder dr „Grub“ die Fabrikanten um etwas Geld an und erhielten manchmal gar ein Zehnerle – sensationell. Oder holten einem Verwandten einen Krug Bier mit kurzem Geschmackstest, wenn Männer abends zusammen vor einem Haus saßen und sich unterhielten. Auch durfte ich sogar mithelfen, den Blumenteppich für Fronleichnam an der ersten Station beim Onkel Josef (Hausname Kratzer – nicht Grazer, Schreibfehler eines Pfarrers) mitzugestalten, für den alle Jugendlichen und Kinder tags zuvor Blumen sammelten und nach Farben sortierten. Und das Fronleichnamsfest war für alle Oberkochener das erste der überaus beliebten Gartenfeste (Vater blies Klarinette im Musikverein).

Übrigens tolle Zeiten bei den Ministranten, der katholischen Jugend, im Ferienlager Beutenmühle oder Bezau und Bizau in Österreich! Erhielt sogar als Soldat zwei Wochen Sonderurlaub, um die letzte Ferienfreizeit in Bezau zu leiten. Ins Rupert-Mayer-Haus luden wir sonntags zur „Tea Time“ ein, an denen die Mitglieder vom „MCU“ und „Schlauch“ ganz stressfrei teilnahmen. Ja, damals galt noch ein Miteinander, ein Wir-Gefühl, Nachbarn und Verwandte waren ja schließlich aufeinander angewiesen bei allen Tätigkeiten des Lebens – heute gibt’s wohl nur noch Ichlinge, die ihre hochintelligenten Weisheiten im Netz austauschen. Drum denke ich bisweilen: Gerade meine Generation, nach dem Krieg geboren, einfach, schlicht und zufrieden in den Wohlstand hinein bodenständig aufgewachsen, ist wohl die Goldene, seit es Menschen gibt.

Die fünf Ordensschwestern waren für die Versorgung der Leute sehr wichtig: die Krankenschwestern und die im Kindergarten. Damals gab es auch noch was hinter die Ohren, wenn man frech war oder gar Schläge mit dem Kehrwisch. Erinnere mich, als kurz vor Ostern der Osterhase aus dem Kiga-Dachfester schaute und ich rief, das sei nur eine verkleidete Schwester, gab es ein Rennen zwischen mir und Schwester Thomasella durch das Gelände, bis ich die Kehrwischschläge abbekam. Oder als mein Bruder Wolfgang einmal vom Balkon fiel, kam die Krankenschwester, band den Arm ein und gut war‘s! Erst Jahre später wurde bei einem Röntgen festgestellt, dass der Arm damals komplett gebrochen war. Die schlimmste Strafe an Sonntagen beim Kirchenbesuch im stets vollen Gotteshaus (jeder Jahrgang war in seiner immer vollbesetzten Bank) kam vom Kirchenordner:

Du musstest, wenn irgendwie störend, in den Gang raus stehen oder schlimmstenfalls zu den Schwestern in die Bank, was mir einmal widerfuhr mit allerhand Folgen in der Sakristei und daheim.

Eines Abends, ich war in der dritten Klasse, klingelte es, ein Pater kam herein, fragte mich aus in schulischen Dingen, ich musste Übungen nachturnen – er wollte, dass ich ins katholische Internat käme (war ja auch ein frommes Kind, wollte damals sogar Pfarrer werden und las mit der Oma hie und da eine Messe daheim). Er war am selben Abend zusätzlich weiter oben im Dreißental bei einem anderen Jungen (des Meroths Peter) – seitdem reden wir beide uns bis heute mit Namen von Patern an (er ist für mich Pater Riconaldo, ich für ihn Pater Felipe.  

Eines Spätmittags kam mein Vater vom Nachbarzahnarzt zurück, ging in den Keller an eine seiner Drehmaschinen, nahm Gebissteile aus dem Mund und feilte drauf rum. Ich rannte die Wiese hinunter zum Dr. Gebert, der kam gleich hoch ins Untergeschoß, im weißen Kittel wurde an der Maschine gearbeitet, bis beide dann wieder über den Garten in die Praxis gingen. Warum ich mich daran erinnere? Ich war damals Drittklässler und hörte, wie Dr. Gebert irgendwie nebenbei zu meinem Vater sagte: „Der Mensch fängt erst beim Abitur an“.

 

Klassenfoto PGO Schuljahr 1966/67 (Archiv Hug)
Vordere Reihe vlnr: Sabine Meinert, Elfi Butting, Gertrud Neuberger, Gabriele Frank, Ingrid Erbe, Ulrike Schmid, Dorothea Werner, Ingrid Pflanz, Gerlinde Roos
2. Reihe vlnr: Heinz Engel, Gerhard Bahmann, Renate Ditzinger, Karen-Ellen Kessler, Monika Rehe, Helga Knutti, Klaus Schuhmacher, Roland Rilk, Paul Hug, Herr Schwab
3. Reihe vlnr: Holger Fiedler, Wolfgang Elmer, Michael Knopf, Axel Matthes, Wolfgang Himmel, Anton Nuding, Hubert Bergmann, Hans-Joachim Schulze, Alfred Henschke, Harry Hansch
Hintere Reihe vlnr: Willi Hopfensitz, Walther Staudenmaier, Hans-Joachim Fey, Helmut Dickenherr, Siegfried Ramsayer, Hans-Peter Haag, Gottfried Deutsch, Ulrich Kümmerle, Wolfgang Kieslich

 

Später, nach dem Kindergarten, in der Schule erweiterte sich das Umfeld und mehr Schulkameraden aus der ferneren Nachbarschaft, kamen im Freundeskreis dazu. Wegen meinem Freund Gerhard Bahmann (dessen Vater hatte übrigens den allerbesten Most im Keller) habe ich in Klasse 4 die Prüfung fürs Gymnasium gemacht. Da kam nun ein Brief und meine Mutter sagte ganz erstaunt: „Ja wie, gehst du jetzt aufs Gymnasium?“ Dann ging‘s zuerst ins Bergheim, Kurzschuljahre in Kl. 5 und 6, Umzug ins neue Progymnasium, wo ich bei Herrn Klassenlehrer Riegel öfters nachsitzen musste – der Hintergrund war aber, dass mein Onkel und Pate Rudolf, der Hugen-Schreiner, über mich gebraucht wurde, um allerlei Regale, Stände aufzubauen. Wir waren übrigens die letzte Klasse, die nach Aalen musste, danach war das Abitur in Oberkochen möglich. Toll waren auch die Kinderfeste auf dem Volkmarsberg. Einmal kamen nicht alle Jungs von unserer 10. Klasse hoch, wir hatten am Vormittag gegen die Lehrer Fußball gespielt, verloren und ein paar Bier im Ochsen getrunken…

 

Damalige D-Jugend des FCO, mit erstem Fotoapparat 9x9 aufgenommen (Archiv Hug)

 

Etwas ganz Besonderes war das Kino Schleicher: Der ältere Bruder von Alfred Schleicher, Hans, hatte einige Zeit einen Raben, der ihn nach Unterrichtsschluss manchmal von der Schule abholte. Der alte Herr Schleicher ließ mich, da erst 11 Jahre, der Film aber ab 12 freigegeben war, trotzdem Winnetou 1 anschauen – man hatte damals die dicken Karl May-Bände gelesen und ich war schwer enttäuscht über den halblebigen Film – hatte mir Winnetou und Old Shatterhand doch ganz anders vorgestellt. Wir kickten ab der D-Jugend schwarz-weiß gestreift im FCO, das Beste waren die Weihnachtsfeiern, wo es im „Ochsen“, bei der Anna, zur Weihnachtsfeier Saitenwürstle mit Kartoffelsalat gab.

 

A ganz a Heiliger König zu Dreikönig – König Paul aus dem Morgenland beim Beginn der Oberkochner Sternsinger (Archiv Hug)

 

Die Sternsinger riefen wir ins Leben, dann gab es geradezu revolutionär anmutend die Jazz-Messen, wobei uns Wolfgang Porzig vom Zeiss eine kleine Verstärkeranlage organisierte. Sogar an den autofreien Sonntagen 1973 spielten wir in Hohenstadt, Biberach, Ulm in Gottesdiensten und junge Oberkochener Frauen/Mädels fuhren uns hin. Und wir spielten als „BaHuGaSchus“ (Bahmann, Hug, Gangl, Schuster) oder in anderen Besetzungen u.a. in der Dreißentalhalle.  Als Schüler konnte ich bei der Firma Leitz oder beim Nachbar Max Liersch in dessen Garagenwerkstatt arbeiten, während der Studentenzeit im Bauhof in Oberkochen als Stadtgärtner und Klärwärter. Bekam da immer mehr Kohle, als ich etwa Bürgermeister Bosch an seinem Geburtstag Rosen auf den Schreibtisch stellte oder einen Bauwagen vorschlug, da die Arbeiter in den Wald, zurück zur Pause auf den Bauhof und dann nochmal in den Wald bis zur Rückfahrt zum Mittagessen fuhren, dann natürlich mit ganz wenigen Arbeitsstunden. Gustav Bosch hatte ja keine Kinder und wollte immer, dass ich sein Nachfolger im Amt werde: „Ich bezahl deine ganze Ausbildung dafür“!

 

Der Huga-Paule in seinem Element – Mit dem kath. Kirchenchor im neuen Bürgersaal;
v.l.n.r.: Werner Reichenbach, Paul Hug, Anton Holz, Gerhard Bahmann (Archiv Hug)

 

Und dann ging‘s ans Studieren (Mathematik, Musik, Soziologie), hatte mich für den Lehrerberuf nach den vielen Erfahrungen entschieden, damit es wenigstens einen guten solchen mehr gäbe, verdiente mir das meiste benötigte Geld mit Musik in verschiedenen Gruppierungen (PH-Big Band – auch LP aufgenommen – Dixiegruppe, Trio, Quartett…), beim Aushilfs-Chor-Dirigieren für Prof. Ganzenmüller (damals Landtagspräsident) oder Gitarrenunterricht, sogar im Frauenknast, fuhr 6 Jahre lang drei alte Volkswagen, gekauft von Oberkochern Freunden für insgesamt 600 DM. Hatte ja die ersten Big Band-Erfahrungen beim Zeitler Sepp in der TSO-Bigband gemacht, u.a. mit Konzertreisen nach Rennweg oder Riedau. Auch als Student immer wieder heimgekommen, um Schlitten zu fahren oder bei Athletico Katzenbach zu kicken. Toll, welche Rolle das vielfältige Vereinsleben im Dorf spielte! Vor einigen Jahren fertigte ich dann spontan eine CD mit Liedle aus den Kindheitszeiten im Dorf an, die ich zu verschiedenen Anlässen komponiert hatte. Später neben dem Beruf Theater gespielt, solche einstudiert, Chöre dirigiert mit Ehrendirigententitel, Gemeinderat, Gründer und Vorstand Partnerschaftsverein, Agenda, mal Pressesprecher Schulleitervereinigung Baden-Württemberg gewesen… In meiner Dienstzeit leitete ich 27 Jahre als Rektor meine Grund- und Hauptschule (hat zu mir gepasst, wollte nie, trotz Angeboten, die Karriereleiter hinauf), wir waren die Schule mit den meisten Bildungspartnerschaften, dem schönsten Schulgarten im Land… Danach zog  es mich wieder in die alte Heimat zurück, wo ich auch durch die Pflege der Gräber, Stammtisch „Graf Eberhard“, Mitgliedschaft in Vereinen und allerlei anderer Tätigkeiten nie den Kontakt zur Heimat verloren habe – war vor langen Jahren u.a. Mitgründer des Stadtjugendrings, es ging auch um ein Jugendhaus, Vorsitzender des Fördervereins Handball, Büttenredner, gründete den Oberkochener Freundeskreis 1. ADV (Allgemeiner Dachplattenverein) mit Bergtouren, Segeln usw., war in zweistelliger Zahl Trauzeuge – bei einem zweimal – alle Ehen bestehen übrigens noch.

 

Ein Hut, ein Stock……. Der Huga-Paul und des Schönherr’s Willi – Freunde für’s Leben (Archiv Hug)

 

Heimat ist Ort, Freundschaft, Fundament, Gefühl, Beziehung zu Menschen und Umwelt mit ersten Sozialisierungserlebnissen in räumlicher und sozialer Dimension; ist Platz der Kindheit, Zusammengehörigkeit, Herz und Wohlfühlen. Nun hat sich das Dorf zur Industriestadt weiterentwickelt, Tausende kommen jeden Tag zum Arbeiten her, Globalisierung. Gibt es noch wie damals ein Miteinander, ein Wir-Gefühl? Aber der Planet dreht sich weiter, jede Generation hat ihre Zeit… Danke Dir Dreißental!

 

Teil 7 folgt in zwei Wochen.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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