Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 749
 

Das Dreißental – eine autarke Welt, ein Dorf im Dorf – Teil 4

 

Abele Königer.

Im Haus mit der Nummer 16 lebte früher der Mechanikermeister Alfons Abele (1915-1991) mit seiner Frau Barbara (1914-1983) und der Tochter Brigitte. Im Jahr 1949 startete er seine Firma mit Schlosser- und Dreharbeiten. (Die Werkstatt hatte die Hausnummer 16/1.) Recht bald kamen Gas- und Wasserinstallationen dazu. Und da damals viel mit Gas gekocht wurde, legte er auch ein Propangaslager an und im Ladengeschäft (ab Nov. 1956) konnte man Öfen und Herde anschauen und kaufen. Die Geschäfte liefen in diesen Jahren, wo überall gebaut, saniert und renoviert wurde, sicher recht ordentlich.

 

Teil der Werkstatt und Schuppen der Fa. Abele im Winterkleid (Archiv Königer)

 

Im Jahr 1942 wurde in Wasseralfingen Peter Königer geboren. Nach seiner Schulzeit machte er beim „Ostertag“ in Aalen (gegründet 1867 von Jakob Ostertag) eine kaufmännische Lehre. Es folgten ein paar Jahre als Einkäufer bei „Alfing“ in Wasseralfingen, bevor er die Stiefel schnüren und beim Bund einrücken musste. Auch das ging vorbei und er musste entscheiden: Was nun? Denn damals war es nicht selbstverständlich seinen alten Arbeitsplatz in der alten Firma wiederzubekommen. Wer zum „Bund“ ging, musste kündigen.

Er traf eine gute Entscheidung: Eine zweite Lehre – dieses Mal beim „Benkelmann“ als Heizungsmonteur (Die Firma wurde 1898 von Karl Heinrich Benkelmann als Fahrradwerkstatt gegründet). Diese Kombination einer handwerklichen und kaufmännischen Ausbildung würde sich in Zukunft noch als sehr vorteilhaft auswirken.

Und da in einem Handwerksbetrieb alles in der richtigen Reihenfolge ablaufen musste, konnte er nach der Gesellenprüfung 1966 seine Brigitte heiraten und der Firmenchef war jetzt auch Schwiegervater. Natürlich musste die Meisterprüfung 1973/1974 folgen, sonst wäre die Geschäftsübernahme 1977 mit allen 10 Mitarbeitern sicher nicht erfolgt (Der Personalhöchststand betrug einmal 18 Mitarbeiter).

Peter’s Ehrgeiz brachte die Firma weiter voran. Korrekte, verlässliche, termingetreue Arbeit und eine gute Bezahlung seiner Leute – das war ihm wichtig und das erforderte auch höhere Preise. Die Rechnung ging auf. (Heute vergessen die Kunden mitunter, dass das Billigere sehr oft nicht auch das Bessere ist – sondern schlicht auch billig in der Ausführung ist). Das Kerngebiet der Kunden war im Grunde Oberkochen, Unterkochen und Königsbronn.

 

 

Peter Königer und Taylorix – eine Ausnahmegeschichte (Archiv Königer)

 

 

Die Taylorix Organisation war ein deutsches Dienstleistungsunternehmen in der Büro- und Informationstechnikbranche und wurde 1921 von Julius Paul Stiegler und Konradin Haußer in Stuttgart gegründet. Es wurde nach dem Ökonomen Frederick Winslow Taylor benannt. In den 1930er Jahren wurden Innovationen in der Buchführung getätigt. 1939 existierten 48 Zweigstellen. Die Mitarbeiterzahl stieg 1978 auf bis zu 1.400 in 44 Zweigstellen zuzüglich 450 im Stammwerk Stuttgart. Um 1980 war Taylorix der zweitgrößte Dienstleister mit Rechenzentren in Deutschland.[1] Der Umsatz betrug 1980 147 Millionen DM.[2] 1988 erfolgte die Gründung der Taylorix AG mit dem Mehrheitseigner Porsche. 1994 wurde das Unternehmen an Automatic Data Processing verkauft. Die Firma erlosch 1999. 

1979 wagte die Firma den großen Schritt ins EDV-Zeitalter und erwarb von der o.g. Fa. Taylorix den Bürocomputer „System 6“ mit der dazugehörigen Software S.H.K. 506/1. Die Zeit der Papierstapel und zeitverzögerten Rechnungsstellung sowie der aufwendigen Angebotserstellung und fehlender transparenter betriebswirtschaftlicher Übersicht war vorbei. Die Ehefrauen in den Handwerksbetrieben waren schon immer schnell für EDV-Lösungen zu begeistern (Das hat der Billie bei seinen Besuchen für Leitz auf der CEBIT in Hannover auf den Messeständen auch immer bemerkt). Da Peter aber eben auch eine kaufmännische Ausbildung hatte, erkannte er die Vorzüge selbst sehr rasch. Mit rund 800 Stammdatensätzen, die entgegen der üblichen Taylorix-Anwendung, selbst erstellt wurden, war der Betrieb nun auch kaufmännisch runderneuert.

 

Das frühere Geschäft und Werkstatt der Fa. Abele (Archiv Königer)

 

1987 ging die Entwicklung weiter. Der Taylorix Bürocomputer BC-D wurde eingeführt und wie das im EDV-Bereich so ist – 8 Jahre sind eine Ewigkeit und so war das neue System schon wieder eine gänzlich andere moderne Büro-Welt.

Die Firma „Abele Sanitär und Heizungsbau“ wurde 1980 und 1988 medienwirksam mit den beiden Systemen als Referenzkunde dargestellt und Peter ging auch für Taylorix als Vortragender auf Reisen, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Sein Lieblingsspruch zu Beginn seines Vortrags lautete: „Wer einen Computer kauft, sollte zunächst einen Container mieten 😊“. Sprich „raus mit den ganzen Papierbergen“!

2010 übergab Peter das Geschäft an Tobias und so gibt es heute zwei Geschäfte, denn ganz ohne kann Peter nicht und wenn man ihn so anschaut – die 80 nimmt man ihm auch nicht gerade ab:

Die „Tobias Königer Haustechnik GmbH“ und den „Peter Königer Brennerservice“.

 

Und jetzt laufen wir die Dreißentalstraße nochmals ab, dieses Mal rechts nauf: 

Aus diesem Haus stammt des Ludwig Burghards Mutter und die Grundschullehrerin von Billie’s Sohn Sascha, Gisela Hermann. Nach Aufgabe der Schreinerei erwarb der Raumausstatter Kaufmann Werkstatt und Wohngebäude. Das Wohngebäude, das lange Zeit nur noch als Halterung für Kaugummiautomaten und CDU-Wahlplakate diente, wurde inzwischen abgerissen und ein neues Haus erbaut. Ins EG zog nun die Buchhandlung „Buch und Kultur“ ein.

 

1953 Die Häuser Nr. NN – Dr. Borst und Friseur Hurler, daneben das ehemalige, 2020 abgebrochene Haus Schreinerei Fischer (Archiv Rathaus)

 

        - Josef Fischer, Herrenbekleidung, Heidenheimer Str. 29
        - Textilhaus Grau (ugs. „Socken-Grau“), Heidenheimer Str. 49
        - Josef Krok, Textilwaren, Aalener Str. 2

 

Das Schleicher’sche Kino.

Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino, so lautete das alte Motto. Vor 40 Jahren, am 26. Februar 1968, schloss das Kino in Oberkochen für immer seine Pforten und Oberkochen verlor dadurch einen zentralen Treffpunkt gesellschaftlichen Lebens, an das sich viele von uns noch gerne erinnern. Das Haus wurde innerhalb von 4-5 Monaten gebaut und 1951 öffnete das Kino seine Pforten. Herr Pusch führte die Filme vor und Albert Schleicher verkaufte die Eintrittskarten. Zudem arbeiteten dort im Laufe der Jahre Erna Schleicher, Manfred Penzing, Albert Neuhaus, Harry Motsch und die Holdenrieds. Anfangs gab es täglich Tag Vorstellungen (7 Tage die Woche), montags bis freitags eine Abendvorstellung, freitags zusätzlich eine Spätvorstellung gegen 23 Uhr, Samstagnachmittags und -abends, sowie sonntags eine Matinee, eine Nachmittags- und eine Abendvorstellung. In den 60er Jahren ging das Geschäft immer schlechter. In Jahr 1963 lief der Gesundheits-Film „Heilendes Moor, heilende Bäder“ aus dem berühmten Bad Pyrmont bei freiem Eintritt und kostenlosem Kurmaterial – die Krux war: Der Film war mit einem Jugendverbot belegt !!! 😊

1964 wurde das Kino in einem letzten Versuch an den Filmvertreter Kampmüller verpachtet und dieser betrieb das Filmtheater noch bis ins Jahr 1968. Danach war endgültig Schluss. Oberkochen wurde offiziell zur Stadt ernannt und das Kino für alle Zeiten geschlossen. Vor ein paar Jahren wurde das gesamte Areal von den Schleicher-Kindern an einen Investor verkauft.

Wer mehr über die Geschichte des Kinos und der Familie Schleicher wissen will, sollte ➔ die Berichte 538 und 539 lesen.

 

Das Schleicher’sche Kino und das Textilhaus Bolz (Archiv Müller)

 

 

Schwarz.

Ein wichtiger Name im Dreißental. Steht er doch für ärztliche und Ingenieurs-Kunst sowie soziales Miteinander.

 

Dr. Marianne Schwarz (Archiv Schwarz)

 

Zuerst erinnern wir uns an Dr. Marianne (08.03.1921 bis 23.03.2013) und Dr. Albert Schwarz 07.11.1921 bis 19.11.1995). Nach dem II. Weltkrieg war es Dr. Marianne Schwarz, die als erste Ärztin Deutschlands eine Kassenzulassung bekam – und die für Oberkochen. Denn Oberkochen brauchte Ärzte, da die Neuausrichtung von Carl Zeiss sehr viele Menschen anzog. Nicht allen gefiel das und mancher versuchte die Gründung der neuen Praxis zu hintertreiben. Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, aber sollte doch die Einkünfte der anderen Praxen nicht schmälern.

By the Way – geheiratet haben die beiden am 3. August 1953 in der Marienkirche in Aalen. Diese alte Eisenbahner-Kirche wurde 1969 abgerissen und gegen ein Beton-Wunder im Stil der 60er eingetauscht. Es gibt Zeitgeist-Architektur, auf die wir heute nicht stolz sein müssen.

 

Das Haus in der Frühlingstraße im Rohbau (Archiv Schwarz)

 

Die erste Praxis im alten katholischen Schwesternhaus – heute Edith-Stein-Haus (Archiv Schwarz)

 

 

1955 mietete Marianne 1 oder 2 Räume in der Aalener Straße 6 (dem alten kath. Schwesterhaus) und begann zu praktizieren. Anfangs montags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr, wobei sie auch Geburtshilfe anbot. Gewohnt wurde gegenüber im Haus neben dem „Ochsen“. Albert war noch als Assistenzarzt im Krankenhaus Heidenheim tätig und eröffnete seine Praxis 1956 unter der gleichen Adresse. Die Anfänge waren gemacht und Pläne konnten nun umgesetzt werden. Von der Familie Betzler (Bäckerei) wurde 1957 das Grundstück Frühlingstraße 8 erworben und Ende des Jahres war das Haus errichtet und ein richtiger Praxisbetrieb konnte beginnen. Die beiden waren darauf bedacht, gute Arbeit zu leisten und statteten ihre Praxis mit modernen Geräten aus, die nicht in jeder Praxis zu finden waren. Sei es ein EKG-Gerät oder Laboreinrichtungen, die es möglich machten, dass nicht jede Probe langwierig eingeschickt werden musste.

 

Dr. Albert Schwarz als Betriebsarzt bei Carl Zeiss bei einer Grippeschutz-Impfung (Archiv Schwarz)

 

Aus gesundheitlichen Gründen gab Albert seine Arbeit in der Praxis auf, sein EKG hatte ihm sichtbar dargestellt, dass er sein engagiertes Leben ändern musste und so vereinbarte er mit Dr. Heinz Küppenbender eine Anstellung ab 1970 bei Zeiss als Werksarzt. Marianne führte die Praxis noch bis 1972 weiter. Es folgte der Umzug in den Hainbuchenweg 12/1. Dort wurden noch ein paar Patienten betreut, das wurde aber immer weniger, bis die medizinische Ära Schwarz definitiv endete. Die beiden waren sehr beliebt in unserer Gemeinde und das hatte nicht nur Vorteile. Sonntägliche Spaziergänge in und um Oberkochen waren im Grunde nicht möglich, denn ständig musste man grüßen und wurde in Gespräche verwickelt, sodass man für ein paar Stunden der Erholung mit dem Auto fortfahren musste. Albert erinnert sich auch noch daran, dass die Kinder alle drei Monate, wenn die großen Abrechnungen anstanden, auf die Verwandtschaft verteilt wurden, denn da war höchste Intensität und Aufmerksamkeit gefordert. Später als die Praxis in der Frühlingstraße aufgelöst wurde, verblieb eine recht ansehnliche Sammlung von Medikamenten im Keller, die als sog. „Ärztemuster“ von den Pharmafirmen zuhauf geliefert wurden.

Kommen wir nun zu Albert jun. Ein Mann, der mit vielen Talenten gesegnet wurde und aus diesen auch etwas macht. Privat ist er technischer Hüttenwart beim Schwäbischen Albverein. Bei der letzten Wahl zum Gemeinderat hat er kandidiert und wurde gewählt. Wen wunderts, höchstens ihn selber 😊. Er engagiert sich bei der Holzmachergruppe und bei den Machern der Sonnwendfeier. 16 Jahre lang leitete er das Bubenturnen und zwölf Jahre das Mädchenturnen beim TSV Oberkochen. Auch musisch hat er’s drauf. Seit 40 Jahren singt er im katholischen Kirchenchor und seit 1997 leiht er seine Stimme dem Chor „Joy of Gospel“, der in Aalen 1993 gegründet wurde. Zudem spielt er Klavier, Akkordeon, Tenor- und Altsaxophon sowie Alphorn. Der Hobby-Imker ist auch ein Wanderer, der sich gerne auf Schusters Rappen aufmacht, um seine Kinder zu Fuß aufzusuchen, sei es in Freiburg, Heidelberg oder Tübingen – fehlt nur noch Hamburg 😊.

 

Das Haus in der Frühlingstraße im Rohbau (Archiv Schwarz)

 

1957 geboren in Heidenheim, vermutlich weil sein Vater Arzt im dortigen Krankenhaus war, ist er ein Kind des Dreißentals. Nach Besuch der Dreißentalschule, des Progymnasiums und des Studiums begann er beim Zeiss eine 6jährige Tätigkeit im MedLab (Medizinische Elektronik). Dann wechselte er zu Hema Electronic GmbH nach Aalen, weil ihn die schnellen Prozessoren interessierten. Rund 1 ¼ Jahre später, 1991, wollte er sein eigener Herr sein und machte sich mit einem Ingenieur-Büro, zunächst noch zuhause, selbständig. 1997 gründete er die Cosytec GmbH und zog 1998 in die Frühlingstraße 16, ins frühere Ladengeschäft der Firma Abele. Albert braucht keine Werbung – man kennt ihn weltweit und die Kunden (Firmen wie auch Institute) kommen auf ihn zu, denn sie wissen was er schon gemacht hat und was er kann. Seit ich ihn besucht und sein Reich staunend betrachtet habe (als gelernter Kaufmann für mich ein böhmisches Dorf mit vielen Fragezeichen), denke ich immer an Albert, wenn auf manchen Flughäfen oder in alten Filmen noch die alten Schwarz/Weiß-Anzeigen klackernd rollieren – die Software ist von ihm – „made im Dreißadal“. 

 

Teil 5 folgt in zwei Wochen.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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