Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 748
 

Das Dreißental – eine autarke Welt, ein Dorf im Dorf – Teil 3

 

Das obere Dreißental ab Abzweigung Volkmarsbergstraße – damals noch ungeteert (Archiv Metz)

 

Das Dreißentallied – unsere Hymne.

Wir vom Dreißental können uns schon was einbilden, ohne eingebildet zu sein. Wir haben ein eigenes Lied, das vielleicht schon bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Und keiner hat dieses Lied, besonders die letzte Strophe, mit so viel Inbrunst gesungen, wie der verstorbene Franz Hausmann (1931-2017).  Das Original ist wohl „I bin der Bua vom Loisachtal“ und wurde entsprechend textlich angepasst. Es gilt als altes Soldatenlied.

 

I bea d’r Bua vom Dreißatal

I bea d’r Bua vom Dreißatal
Holderia, holderi jaho
Heut‘ sehn wir uns zum letzten Mal
Holderia, holderi jaho
Heut‘ muss ich fort (heut muss ich fort)
von diesem Ort (von diesem Ort)
Muss fort - vom schönen Dreißental
Heut‘ muss ich fort (heut‘ muss ich fort)
von diesem Ort (von diesem Ort)
Muss fort - vom schönen Dreißental

Und steh‘ ich einst auf Bergeshöh’n
Holderia, holderi jaho
In meinen Augen Tränen steh‘n
Holderia, holderi jaho
Denk immer fort (denk immer fort)
ich an den Ort (ich an den Ort)
Denk‘ oft ans schöne Dreißental
Denk immer fort (denk immer fort)
ich an den Ort (ich an den Ort)
Denk‘ oft ans schöne Dreißental

Und wenn ich einst gestorben bin
Holderia, holderi jaho
Dann tragt mich nicht zum Friedhof hin
Holderia, holderi jaho
Dann tragt mich fort (dann tragt mich fort),
zu diesem Ort (zu diesem Ort)
Tragt mich ins schöne Dreißental
Dann tragt mich fort (dann tragt mich fort),
zu diesem Ort (zu diesem Ort)
Tragt mich ins schöne Dreißental

 

Die Volkmarsbergapotheke und ihre drei Standorte (Archiv Irion)

Volkmarsberg-Apotheke Irion.

Ulrich Irion wurde am 12. Februar 1912 als Sohn eines Oberbaurates in Stuttgart geboren. Sein Abitur legte er am dortigen Karls-Gymnasium ab. Seine Praktikantenzeit absolvierte er 1930 bis 1933 in Heidenheim/Schnaitheim bei Dr. Häußermann, der ihm wohl auch die Liebe zur Botanik vermittelte. Nach der sog. Vor-Examinierung studierte er sechs Semester in Tübingen, wo er auch das Staatsexamen ablegte. Es folgten Tätigkeiten in Rothenburg und Ulm bevor ihn der Krieg nach Frankreich und Russland verschlug. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte er zu seiner Familie (Helene und die Kinder Sigrid – spätere verheiratete Jüssen – und Eberhard) nach Gerhausen bei Blaubeuren zurück. Die Familie wurde während des Kriegs 1943 von München evakuiert.

Zunächst verdiente er seinen Lebensunterhalt in Ulm, bevor er entschloss: In Oberkochen will ich’s wagen. Oberkochen schien ihm eine Möglichkeit zu sein, auch wenn es, aufgrund der Einwohnerzahl, auch damals schon nicht ganz risikolos schien. Trotzdem, die positive Einschätzung überwog, Bürgermeister Bosch gab seine Erlaubnis für die Konzession (eine freie Niederlassung von Ärzten und Apothekern war damals nicht möglich), der Mühlenbesitzer Scheerer baute im Brunkel ab 1947 ein Haus und so begann die Geschichte der Irions in Oberkochen. Der Standort war grenzwertig, jedoch waren Dr. Sußmann um die Ecke und Dr. Jordan im gleichen Haus und so ging es am 1. Oktober 1950 los – im Kapellenweg 7. Zu Anfang waren Apotheke und Drogerie unter einem Dach. Die Familie war nun auch gewachsen, es kamen die Kinder Gertrud – später verheiratete Komhard – und Eckart dazu (Mein Schulfreund Eckart wurde im Dezember 1951 in diesem Haus geboren). 1953 eröffnete Ulrich die Rathausdrogerie im Haus des Paul Oppold, in der Heidenheimer Str. 7 (Das Haus, neben dem alten Elektra-Gebäude, wurde zwischenzeitlich abgerissen, heute ziert ein Parkplatz den Bereich). Es ließ sich gut an, aber es mussten Veränderungen her und so wurde das Haus in der Dreißentalstraße 24 in Auftrag gegeben. Ulrich Irion sorgte dafür, dass die Bauarbeiten in Zusammenarbeit mit dem Architekten Kenntner zügig vorangingen, in dem er die Handwerker mit dem obligatorischen Handwerker-Bier und großzügigem Vesper zusätzlich motivierte und so konnte am 1. Oktober 1954 der Umzug vom Kapellenweg erfolgen. Herr Irion hatte kein Auto und zog den Umzug eisern mit dem Fahrrad durch – ohne auch nur einen Tag seine Apotheke schließen zu müssen – das war schon eine Leistung. Die Geschäfte gingen recht gut, der neue Standort war auch noch okay, denn die Ärzte Dr. Jordan und Dr. Schwarz waren um die Ecke und Dr. Borst nicht weit. Im Laufe der Jahre änderte sich das aber und Ulrich überlegte, ob nicht ein Standortwechsel in die Heidenheimer Str. 7 besser wäre. Aber aufgrund der Erfahrungen mit dem Vermieter Oppold und der Platzverhältnisse verwarf er die Überlegungen. Im Jahr 1976 starb Herr Irion (12.02.1912 – 08.05.1976) im Alter von 64 Jahren überraschend und die Apotheke verlangte umgehend personelle Entscheidungen. Eberhard war noch in Berlin und so übernahm Gertrud vorübergehend die Geschäfte, bis Eberhard 1977 das Geschäft übernahm. Gertrud leitete später die Heckental-Apotheke in Heidenheim. 20 Jahre lang führte Eberhard des Vaters Apotheke am alten Standort, bis sich die Gelegenheit bot, am 6. Mai 1997 in die Heidenheimer Straße 11-15 einzuziehen. Der Standort war optimal, die Ärzte waren direkt vor der Tür und die beiden Apotheken mitten im Zentrum. Im Jahr 2008 übergab er seine Apotheke an Kirstin Scharps, die ihrerseits 2018 an Corina Groenevald übergab.

Ulrich Irion war ein Apotheker alten Schlags. Was heißt das? Er kannte sich aus mit Naturheil- und Pflanzenkunde, war ein außerordentlicher Pilzkenner, der von den Hobby-Sammlern bei Unwägbarkeiten gerne zu Rate gezogen wurde. Er stellte eigene Produkte her, was heute für einen modernen Apotheker aufgrund von Vorschriften und den daraus resultierenden Kosten nicht mehr rentabel bzw. möglich ist. Aus eigener Herstellung konnte man bei ihm kaufen: Säfte, Lebertran, Rheumamittel, Pillen, Zäpfchen, Aufbaumittel für Kinder und Cremes.

Freizeit hatte ein Apotheker so gut wie keine. Ulrich nützte sie für Wanderungen, die nicht selten zum Pflanzensammeln verwendet wurde, die dann auf der Bühne getrocknet wurden. Auch ging er gerne nebenan ins Kino. Die ganz Alten erinnern sich vielleicht noch an die Schilder „Bin um 16 Uhr wieder da“ oder „Bin nebenan im Kino“. Wenn dann der Notdienst gefragt war, mussten die Filmvorführer Holdenried und Pusch den Apotheker informieren. Damit das leichter war, hatte er immer einen festen Platz, der nur für ihn reserviert war. In der knappen Freizeit beschäftigte er sich auch mit Aquarall-Malerei, in der er sich künstlerisch ausdrücken konnte und mit der er wohl auch seine Kriegserlebnisse verarbeitete.

Als er dann auch sonntags von 11 bis 12 Uhr öffnete rannten ihm die Leute nach dem Kirchgang „die Bude ein“. Um eine gute Stimmung im Wartebereich zu erreichen, schenkte er hin und wieder „A Schnäpsle“ aus. Das kam bei den Kunden gut an. Jetzt könnte man sich ja fragen, kamen sie dann wegen der Medizin oder wegen des Schnapses 😊?

Was war Ulrich Irion noch wichtig? Ausbildung! Er legte immer Wert darauf, dass bei ihm ausgebildet wurde. Sei es als Apothekengehilfe oder als Praktikantin. In besten Zeiten waren in Apotheke und Drogerie rund 15 Mitarbeiter beschäftigt. Dabei waren ihm die jährlichen Betriebsausflüge besonders wichtig, die er auch organisatorisch akribisch vorbereitete.

Eberhard studierte 6 Semester Pharmazie, davon 2 in Passau und 4 in Berlin. Voraussetzung für ein Studium war ein 2jähriges Praktikum in einer Apotheke, das er bei seinem Vater absolvierte. Danach erfolgte eine Prüfung, Vor-Examinierung genannt. Diese erlaubte dann eine 3tägige Vertretung pro Woche in einer Apotheke. Für ihn war, zu der vom Vater geliebten Natur- und Pflanzenheilkunde, die Homöopathie ein wichtiger Bestandsteil seines beruflichen Wirkens.

Eberhard war auch die Kommunalpolitik sehr wichtig und hier war er nahezu 32 Jahre (1980-2012) für seine SPD im Gemeinderat tätig. Beim Ausscheiden erhielt er die Verdienstmedaille der Stadt Oberkochen. Eberhard ist ein Mensch, der sich für vieles interessiert und auch im Alter von über 80 nicht den Eindruck eines „alten Herrn“ macht.

Du kommst aus Oberkochen……, wenn Du beim Irion Traubenzucker (Dextrogen) oder Ilja Rogoffs Knoblauchpillen gekauft hast 😊. Diese Werbefigur, die sich unablässig immer am Reck hochzog und den Reckaufschwung vollzog, stand in der Vitrine und wir Kinder standen oft staunend davor.

Auch Billie hat seine privaten Erinnerungen an dieses Haus, da er und Eckart zusammen die Volksschule und das Gymnasium bis 1969 besucht haben. Eckart machte dann weiter bis zum Abitur 1971 und Billie ging zum Leitz. Ich erinnere mich an einen Fahrradunfall an einem Samstagvormittag. Die Arztpraxen waren schon zu und so fuhr ich mit meinen aufgeschlagenen Knien zum Apotheker meines Vertrauens und ich bekam von ihm das modernste Pflaster der damaligen Zeit – ein durchsichtiges Sprühpflaster aus der Spraydose, das mir über das Wochenende half. Auch Geburtstagsfeiern von Eckart im Dezember sowie eine der ersten Parties, die wir besuchen durften, fanden im Hause Irion statt.

 

An dieser Stelle besteht die Möglichkeit mal alle Ärzte aufzulisten,

die meiner Erinnerung nach, in Oberkochen tätig waren bzw. noch sind (Der Dr.-Titel wurden weggelassen, Sortierung A-Z, Recherche in alten Einwohnermeldebüchern und eigenen Erinnerungen, möglicherweise nicht vollzählig):

 

Zahnärzte

Dymke Frank
Gebert Elisabeth
Gebert Frank
Gebert Herbert
Klemen Degenhard
Klemen Jörg
Kötschke G.
Maier Thomas
Mangold Herbert
Mayer Erwin
Mitrov Iljo
Riede Karl-Maria

 

Praktizierende, Fach- und Frauenärzten

Aßmus Rolf
Borst Ludwig
Borst Roland
Brennenstuhl Hans
Busch Friedrich
Deiniger Miriam
Elmer Karl
Gall Michael
Gangl Peter
Glatting Gottfried
Günther Joka
Hägele Diane
Holtz Klaus
Jordan Josef
Köhler Anette
Möhrle Albert
Möhrle Matthias
Osang Günter
Rosenberg Franklin
Schäfer Peter
Schwarz Albert
Schwarz Marianne
Sußmann Eberhard
Wagner Nadja
Wörz Carmen

 

Noch ein Wort zum Thema „Drogerie“.

Oft hört man in Oberkochen „Wir wollen eine Drogerie“. Das ist heute aufgrund der Drogeriemarkt-Ketten und deren Forderungen nahezu unmöglich. Zur Erinnerung – zu Beginn der 70er Jahre hatten wir sogar einmal 3 Drogerien im Ort.

Die Rathaus-Drogerie von Ulrich Irion, die später an Hans Heller verpachtet wurde. 1974 konnte er wegen Überlastung, hervorgerufen durch seine Geschäfte in Unterkochen und Hüttlingen, nicht mehr weitermachen und verließ Oberkochen. Herr Heller war bei der Oberkochener Kundschaft äußerst beliebt. Daneben gab es die Drogerie Rassel, eine Niederlassung des Aalener Hauptgeschäfts, gegenüber der Katholischen Kirche und die Drogerie Schuster neben dem Rathaus in der Walter-Bauersfeld-Straße. Diese drei schlossen nach und nach ihre Geschäfte in Oberkochen. Schlecker kam irgendwann zu uns und mit der Insolvenz seiner Drogeriemarkt-Kette endete die Geschichte der Drogerien in Oberkochen.

 

Die Drogerie Irion, später Heller und beinahe der dritte Standort der Apotheke (Archiv Müller)

 

Mit kräftiger Unterstützung von Ludwig Burghard und durch intensives Recherchieren in den alten Einwohnermeldebüchern schauen wir uns mal im Detail an, was es für Geschäfte / Praxen / Gasthäuser usw. früher im Dreißental gab (kein Anspruch auf Vollzähligkeit)

 

Wir laufen also die Dreißentalstraße links nauf:

 

Das alte Forsthaus – später Feuerwehrhaus (Archiv Müller)

 

Das Lebensmittelgeschäft vom Gruppa-Heiner im Dreißental (Archiv Müller)

 

Teil 4 folgt in zwei Wochen.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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