Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 742
 

D‘Bagage aus Oberkochen wird auch schon 55.

 

Ein Dankeschön

geht an Bruno Brandstetter, der einiges beigesteuert hat, sowie an Lothar Schell, der sein Okay für die Verwendung seiner bisherigen Berichte dazu gegeben hat.

 

Bagage?

Da schauen wir doch erst mal in den Duden. Da finden wir zwei Bedeutungen. Zum einen geht es um das Reisegepäck. Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutete „Tross“. Der Gebrauch dieses Begriffs ist aber gänzlich veraltet. Zum anderen meint man damit eine Gruppe von Menschen, nach dem übel beleumdeten Tross der früheren Heere. Der Gebrauch hat einen abwertenden Charakter.

Und jetzt noch die schwäbische Erklärung. Zuerst schreiben wir das ganz anders – Bagaaasch: 

Ein beliebter und aus dem Französischen entlehnter Begriff. „Man meint also das, was man so mitschleppt.“ Da die Schwaben gerne im Rudel auftauchen, haben sie dann eben ihre „Bagasch“ dabei. Soll heißen: Familie, Anhang, Kind und Kegel.

 

Wie kam unsere Bagage zu ihrem Namen?

Es handelt sich dabei um einen Freundeskreis alter Oberkochener aus alten Zeiten, als sie noch Junggesellen waren. Es waren also nicht die 7 Schwaben, die ein Ungeheuer zur Strecke bringen wollten, sondern 6 Schwaben aus Oberkochen, die etwas zusammen machen wollten.

 

Die 7 Schwaben – des war scho au a Bagage – aber andere halt (Internet)

 

Namentlich: Bruno Balle, Bruno Brandstetter, Albert Holz †, Rudolf Hug, Max Trittler † und Franz Weber. Die Bezeichnung „Bagage“ führte der Club nicht von Beginn an, wie Franz Weber in einer Jubiläumsrede einst vermerkte. Der Name entstand, als man während eines gemeinsamen Ausflugs einigen Mittouristen wohl etwas unangenehm aufgefallen war. „Da soll dann“, wie Franz Weber betonte, „der unrühmliche Begriff Bagage gefallen sein“.

 

Die Bagage (damals noch vollständig) in Festtagskleidung (Archiv Brandstetter)

 

 

Sinn und Aufgabe.

Zuerst stand sicher die Geselligkeit und Ausflüge im Vordergrund, später zusammen mit den „besseren“ Hälften. Seit dem Kindergarten kennen sich die sechs eingeschworenen Kolping-Brüder, die sich nie aus den Augen verloren haben. Seit 1966 treffen sie sich jährlich – ohne Unterbrechung mit einer Ausnahme: Im Corona-Jahr 2020. Im Jahr 1986, auf einem gemeinsamen Ausflug nach Beuron, kam spontan die Idee auf, „lass uns doch in Oberkochen eine neue Kapelle bauen“. „Wir sind arbeitsfreudig, kameradschaftlich, fröhlich und trinkfest“, sagte einst Bruno Brandstetter und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

 

Es gibt immer was zu tun – packen wir’s an (Archiv Brandstetter)

 

 

Wir bauen eine Kapelle.

„Einfach so“, der Bürgermeister wusste nichts davon, auch nicht der damalige Pfarrer Jan Snoeren, der über den „Coup“ ganz schön sauer war. Und die Bagage ließ nicht mehr locker. So richtig kontrovers habe man den potenziellen Standort diskutiert, betonten die Männer. Auf der Rodhalde wurde man dann fündig, auf dem noch vorhandenen Fundament des ehemaligen Böllerhäusle.

Mit Max Trittler und Rudolf Hug hatte man in den eigenen Reihen zwei Handwerksspezialisten. Der Bau der Kapelle aber war eine richtige Gemeinschaftsaufgabe aller. Die Öffentlichkeit bemerkte den Bau erst, als der Rohbau schon stand. Ein wenig Ärger habe es dann schon gegeben. Die Baugenehmigung habe man nachträglich eingereicht, erinnert sich Bruno Balle. „Die 70 Mark Strafe haben wir geschluckt.“ „Zur Ehre Gottes und als Dank an den Schöpfer für ein geglücktes Leben sei die Kapelle gebaut worden“, sagt Bruno Brandstetter.

Die „Sechs Aufrechten“, unterstützt von ihren Frauen, machten sich ans Werk, schleppten Baumaterial auf den Berg, mischten Mörtel, mauerten die Wände hoch und zimmerten das Dach. Schreinermeister Rudolf Hug und Max Trittler haben zusammen den Dachstuhl, Altar und Säulen realisiert.  Bereits nach einem halben Jahr war das Bauwerk vollendet.

Dann begann wieder eine heiße Diskussion. Diesmal ging es um den Namen für die Kapelle. Angesichts der vielen Werktätigen in Oberkochen fiel die Wahl schließlich auf Sankt Josef, den Schutzpatron der Arbeitenden und der Familien.

„Beim Bau waren wir uns überhaupt nicht im Klaren darüber, was an Pflege und Betreuung auf uns zukommt“, betont Bruno Brandstetter. Aber es wurde eine Lösung gefunden. Jeweils für ein Jahr übernimmt ein Mitglied der Bagage die Tätigkeit des Mesners, sorgt für Kerzen, putzt, pflegt, mäht und räumt Schnee.

Jeweils für ein Jahr übernimmt ein Mitglied der Bagage die Tätigkeit des Mesners, sorgt für Kerzen, für die Reinigung, pflegt, mäht, räumt Schnee. An Fronleichnam wird die Fahne gehisst und an Weihnachten grüßt ein Christbaum ins Tal.

„Die Akzeptanz ist großartig, viele Wanderer aus nah und fern kommen hier vorbei“, so Albert Holz. Einmal im Jahr ist Großeinsatz bei der Kapelle, da helfen alle mit. Und immer am 1. Mai ist Messe. „Wir sind halt hagebüchige Männer und gehen allesamt füreinander durch dick und dünn“, so der Tenor der Alten, die alles in Eigenleistung umsetzen. Inzwischen ist auch die Kirchengemeinde stolz auf die Sankt Josef-Kapelle.

 

Bei der Einweihung

am 14. November 1987 dankten die Erbauer all jenen, die das Werk finanziell unterstützt und selbst Hand angelegt hatten. Der damalige Pfarrer Jan Snoeren brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass „sich immer wieder Gläubige an diesem herrlichen Ort zum gemeinsamen Gebet oder stillen Einkehr einfinden mögen“.

 

Die Josefs-Kapelle in ihrer ganzen Pracht (Archiv Brandstetter)

 

 

Aufwertung.

Der Feldweg an der Sankt Josefskapelle unterm Rodstein ist in die Pilgerroute des Jakobuswegs aufgenommen worden. „Wir freuen uns natürlich sehr, dass unsere Josefskapelle damit auch eine enorme Aufwertung erfahren hat“. Eine Gruppe von Jakobuswegpilgern aus der Diözese hatte einen Teilabschnitt dieses Jakobuswegs von Neresheim bis Rottenburg/Neckar ausgedacht, erwandert und ausgesteckt. Ein Abschnitt führt auch durch Oberkochen und sieht eine Anlaufstelle bei der Josefskapelle unterm Rodstein vor. Dazu veröffentlicht wurde eine 150 Seiten umfassende Broschüre, die die diversen Strecken, Anlaufstellen und Sehenswürdigkeiten detailliert beschreibt.

 

Programm zum großen Doppel-Jubiläum im Jahre 2016 (Archiv Brandstetter)

 

 

Jubiläen.

Es gab im Laufe der Jahre so einige zu feiern. Ein besonderes war das Doppeljubiläum im Jahr 2016. Der Freundeskreis „Bagage“ wurde fünfzig und die Josefs-Kapelle unterm Rodstein wurde dreißig Jahre alt.

Man feierte, wie es sich für Kolping-Brüder gehört, in der Kolping-Hütte auf der Heide. Weil man aber fest eingeschworen ist mit Kirche und Kolping, gab es zunächst einen Dankgottesdienst in der St. Peter-und-Paul Kirche zu Ehren des besonderen Jubiläums.

Mit dabei waren Kind und Kegel (also die groß‘ Bagaasch), die diesen Tag zum Ehrentag gemacht hatte. Pfarrer Martin Weber aus Opfenbach im Allgäu, Franz Webers Sohn, hielt die Messe. Eingehend auf den Bibeltext würdigte Pfarrer Weber die enge Freundschaft, die ungebrochen bis zum heutigen Tag Bestand habe. „Freundschaft ist wertvoller als ein großer Schatz, aber sie ist auch Aufgabe, immer wieder aufs Neue Zusammenhalt zu üben und Vergebung zu schenken.“ Die Josefskapelle sei zu einer Bereicherung für Oberkochen und die Kirchengemeinde geworden.

 

Die komplette Bagage zum Jubiläum – ob die Jungen das weiter machen? (Archiv Brandstetter)

 

 

Vandalentum.

Die Vandalen waren ein germanisches Volk, das während der Völkerwanderung die Schwäche des Weströmischen Reiches ausnutzte und im Jahr 455 unter König Geiserich Rom einnahm und gründlich plünderte. Schon in den vorangegangenen Jahrzehnten hatten die Vandalen andere Landstriche des Reiches geplündert, verwüstet oder gleich ganz erobert (z.B. die Provinz Africa und Teile Galliens). Nun waren diese nicht gewalttätiger als andere Stämme, die im Rahmen der Völkerwanderung (klingt so harmlos, war aber mit Mord und Totschlag eng verbunden), neuen Lebensraum suchten (ist immer ein heikles Unterfangen). Der Vorwurf aber, die Vandalen und ihre Verbündeten hätten in Rom geplündert, gemordet, gebrandschatzt und zerstört wie sonst niemand vorher und hinterher, ist zum Teil ungerechtfertigt. Wer hat nun den Vandalen den zweifelhaften Ruf verpasst, blindwütige Zerstörer zu sein, zu zerstören, um des Spaßes am Kleinhauen willen? Es war der Bischof von Blois, Henri Baptiste Gregoire. In seinen schriftlichen Berichten an den Konvent von Paris prangerte er 1794 mit dem Begriff Vandalismus das blindwütige Zerstören und Morden der radikalen Jakobiner während der Französischen Revolution an. Diese in hoher Auflage gedruckten Berichte gaben dem schon einige Zeit mit schwankender Bedeutung verwendeten Begriff Vandalismus seine endgültige inhaltliche Gestalt. Und ein Volk, das ausgestorben und im Dunkel der Geschichte verschwunden ist, kann sich auch nicht dagegen wehren, dass sie nun im Sprachgebrauch für „Sinnloses Zerstören“ herhalten müssen.

Uns so können wir heute feststellen, dass das Volk der Vandalen zwar ausgestorben ist, der Vandalismus aber fröhliche Urständ feiert und mit den Zerstörungen einhergehend, ein Blick auf die gesellschaftlichen Zustände freilegt, der uns nicht gefallen kann.

Wir sehen das auch in unserer Gemeinde. Es fängt am Bahnhof an, geht über Kinderspielplätze zur Bilz, weiters zu der im Wald versteckten Leitz-Hütte, dem Gänse-Brünnele bis eben zur Josefs-Kapelle. Das sind keine „Dumme-Jungs-Streiche“ wie sie in jeder Generation vorkamen, sondern einfach willkürliche Zerstörungen, an denen sich einfach gestrickte Geister wohl zutiefst ergötzen können. Das ist nicht zu dulden und daher polizeilich immer zu verfolgen.

 

Im Jahr 2019,

und das nicht zum ersten Mal, haben wieder einmal Unbekannte Steinplatten an der Kapelle St. Josef unterhalb des Rodsteins herausgerissen. Immer wieder gab es dort Fälle von Vandalismus. Dazu in Auszügen der Bericht von Lothar Schell:

….. „Es ist leider nicht das erste Mal, dass unser Kleinod von Leuten in Mitleidenschaft gezogen wurde, die jeden Anstand vermissen lassen“, sagt Bruno Brandstetter ….. Rudolf Hug, Bruno Balle und Bruno Brandstetter haben sich hoch zur Kapelle aufgemacht, um das Umfeld vor der Kapelle wieder instand zu setzen. Mit dabei sind auch Hilde Hug und Maria Brandstetter. Fast jedes Jahr wird an der Kapelle gewütet, demoliert und Abfälle nach Gelagen in die Gegend geworfen. Die Männer von der „Bagage“ sind inzwischen alle über achtzig und leicht fallen ihnen die Reparaturen gewiss nicht. Bänke wurden schon des Öfteren beschmiert und Blumenschmuck zerstört …..

Es ist ja nicht nur der finanzielle Schaden, der behoben werden muss. Es ist auch fehlender Respekt der Gesellschaft gegenüber, der sich in solchen Zerstörungsanfällen zeigt. Vermutlich ist es auch genau der Respekt, den sie an anderer Stelle für sich einfordern, aber nicht bereit sind, ihn selbst Dingen und Personen gegenüber zu zeigen.

Um dem Bericht ein positives Ende zu schenken, lassen wir noch

 

Bruno Brandstetter

zu Wort kommen: „Der wichtigste Tag für uns war immer der Tag vor „Buß- und Bettag“. Da fand das jährliche „Bagagen-Fest“ statt. Dieser Tag wurde mit Bedacht ausgewählt, weil das ein ev. Feiertag ist und für uns Katholiken kein Kirchgang mit Hl. Messe anstand. Einmal im Jahr wurde, abwechselnd bei jeder Familie, gefeiert. Für die Gastgeber schon eine ordentliche Herausforderung ein schönes Fest-Menü auf den festlich gedeckten Tisch zu zaubern, um den sich die „Bagage“ im feinen Sonntagsstaat versammelt. Es wurde gespeist, getrunken, gschwätzt ond reichlich gsonga.

Zum 25. Jahrestag wurde von Marese und Franz ein chronistischer Rückblick, teils in Versform, zum Besten gegeben aus dem hervorgeht, dass sich auch die Verkostung vom einfachen Essen (1966) bis zum gediegenen Schlemmen (1991) weiterentwickelt hatte.

 

Die Bagage mit ihren besseren Hälften unter der Leitung des „Msr. Präsedà“ (Archiv Brandstetter)

 

Die Menü-Pläne im Laufe der Jahre (Archiv Brandstetter)

 

Bei diesem Jubiläumsessen wurden denn auch ehrenwerte Titel vergeben wie den der „Bagagen-Mutter“, der „Bagagen-Mama“, den Bagagen-Vater“ und last but not least, den „Msr. Präsedà“ – natürlich mit Schärpe und Amtskette. Nachdem der Buß- und Bettag 1994 abgeschafft wurde, wechselten wir nun direkt auf den 17- November und damit entfiel der Erholungs-Feiertag. Seit 2012 feierten wir immer in „dr Grub“, weil die Bagage halt auch älter wird und das Kochen für 12 Personen zu aufwendig und anstrengend wurde. An diesem Fest findet auch der jährliche Messner-Wechsel statt. 2020 hat Corona auch hier zugeschlagen und der jährlichen Festerei eine Unterbrechung verordnet.

 

Das Bagagen-Lied.

Und so schließen wir diesen Bericht mit dem Lied „Habt Dank Ihr Freunde“, dessen Text nach den Noten von „Amazing Grace“ gesungen wird:

„Der Tag war schön, so schön mit euch.

Wir danken euch dafür.

Auch dieser Tag geht zu Ende.

Uns bleibt die Erinnerung.

 

Ein Jahr vergeht, die Zeit enteilt,

wir denken gern zurück.

Das Lied der Treue in uns klingt

Ein ganzes Leben lang.

 

Wir sagen Dank für diese Zeit,

die wir mit euch verbracht.

Uns bleibt der Freundschaft festes Band

Über alle Zeiten hin.

 

Ihr Freunde all, auf Wiedersehn,

denkt oft an uns zurück.

Das Lied der Treue in uns klingt

Ein ganzes Leben lang.

 

Die Insignien der Bagage und ihre Kapelle (Archiv Brandstetter)

 

Es gibt mehr solcher alten Freundeskreise in Oberkochen, sei es beispielsweise „dr Buaba-Stammtisch“ aus dem Kindergarten Wiesenweg oder der „1. Allgemeiner Dachplattenverein“. Vielleicht raffen sich ja des Burghards Ludwig und der Huga-Paule auf, mal darüber zu berichten. Das fände ich sehr schön und wäre mal was anderes.

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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