Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 732
 

Der Oberkochner Wochenmarkt wurde 60 Jahre alt

 

Intro. Ein Wochenmarkt ist eine wöchentlich regelmäßige Marktveranstaltung, auf der vorwiegend frische Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Kräuter, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, Gewürze und Eier angeboten werden. Typisch sind auch der Verkauf von Blumen und anderen Zierpflanzen sowie mindestens ein Imbisswagen pro Markt. Ein Wochenmarkt ist zudem ein Treffpunkt für Bewohner der Umgebung; in der Zeit vor der Erfindung des Telefons war diese Funktion informativ wichtiger als heute. Soweit die Definition in der Theorie. Da kann jeder sofort sehen, dass da bei uns noch Luft nach oben ist.

 

Die offizielle Anzeige im BuG im Jahr 1961 zur Markt-Eröffnung (Archiv Müller)

 

 

Geschichte. Der erste Wochenmarkt fand am Karsamstag, den 1. April 1961 von 06:30 Uhr im Sommer und 08:00 Uhr im Winter bis 11:00 Uhr statt. Standort war vor dem alten Rathaus (heute VR Bank) bis zum früheren „Gasthaus Rössle“ (heute Kochertal-Apotheke), laut damaliger Marktordnung ganz genau zwischen Haus Nr. 12 und 18. 

 

Diese Marktgebührenordnung war bis ins Kleinste geregelt:

 

(wenn nicht direkt vom Stand oder Fahrzeug verkauft wird)

 

Die Gebühr ist sofort zur Zahlung fällig und durch Lösen eines Marktgebührenzettels bei der Gemeindekasse oder bei einem Beauftragten der Gemeinde zu entrichten und auf Verlangen vorzuzeigen.

 

Zudem war klar geregelt was verkauft werden durfte und was nicht:

 

Wir waren und sind schon gottsallmächtig gute Verwaltungskünstler. Der Beauftragte der Gemeinde musste sicher ein Kurzstudium durchführen, damit er das alles im Griff hatte und der Gemeinde ja kein Groschen entging 😊.

 

Die heutigen Marktzeiten gestalten sich wie folgt:

Im Sommer ab 06:00 Uhr bis 11:30 Uhr und im Winter ab 07:00 Uhr bis 11:30 Uhr. Hier gilt der alte Spruch: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, der wer zu spät kommt, hat mitunter nicht mehr die komplette Auswahl. Heute sind für den lfd. Meter 50 € / Jahr an die Stadtverwaltung zu entrichten.

 

 

Erläuterungen dazu aus einem Bericht von Otto Schwarz (1961). 

Diesem Beschluss ging wohl eine längere Diskussion mit Für und Wider voraus, die der Gemeinderat letztendlich mit einem Beschluss beendete. Wie immer ging es, wenn solche Änderungen anstanden, im Vorfeld darum, ob die örtlichen Gewerbetreibenden einen Nachteil hätten. Er wies darauf hin, dass ja jeder Händler oder Gärtner einen eigenen Stand aufmachen können. Zudem hegte er die Hoffnung, dass der eine oder die andere den Weg von städtischen Märkten zurück nach Oberkochen finden würde.

Ein Wochenmarkt sorgt dafür, dass ein größeres frisches Angebot von Gemüse, Obst, Eier und Geflügel für den Kunden bereitgestellt wird. Er erwähnt auch, dass weder Supermärkte und Tiefkühltruhen die Wochenmärkte verdrängen wird. Zudem ging er davon aus, dass die Leute vor Ort einkaufen würden und nicht nach Aalen auf den Markt fahren würden.

Ich kann es mir nicht verkneifen einen Satz im Originalton wiederzugeben: „….der Wochenmarkt ist ein Preisregulator, damit die gute Hausfrau mit dem ihr zugedachten Haushaltsgeld gute und preiswerte Ware einkaufen kann……“ Dr Bruno würde sagen: „So warst halt.“

Er brachte noch zum Ausdruck, dass der „Marktflecken“ (damit meinte er den Wochenmarkt) immer in der Ortsmitte, also beim Rathaus stattfinden solle.

Die Gemeindeverwaltung hat vor dem Start in allen Tageszeitungen des Kreises Aalen und des Nachbarkreises den Marktbeginn veröffentlicht. Zudem hat sie auch einige Landesproduktenhändler direkt angeschrieben. Damit hatte man die Hoffnung, dass viele Käufer auf viele Marktstände treffen würden. 

 

Der Wochenmarkt im Jägergässle im Jahr 1982 (Archiv Rathaus)

 

Die verschiedenen Standorte im Laufe der Jahrzehnte. (Reihenfolge ist vielleicht sogar chronologisch)

 

Der Wochenmarkt in nahezu opulenter Form in der gesperrten „Hauptstraße“ (Archiv Rathaus)

 

Herrliche Stände, wohin man schaut (Archiv Rathaus)

 

Aktueller Stand Geschichte. Der Platz ist nun der richtige. Die Anzahl der Markstände ausbaufähig. Wir haben derzeit Stände für Obst und Gemüse, Kartoffeln, Geflügel und Eier, sowie Fleisch und Wurst, einen Stand für Backwaren und für Maultaschen. Was aber unabdingbar fehlt ist ein guter Käsestand (wie früher durch die Firma Widmann). Mir persönlich fehlt auch der Stand mit den griechischen Köstlichkeiten, der zuletzt auf dem Schulhof seine Waren anbot.

Am Samstag, 4. Juli 2020 wurde der Wochenmarkt kulturell „getunt“ – mit Andreas Holdenried und der „Dixie Six“ sowie durch seine Frau Gabi und ihrem „geistigem“ Angebot aus der „Bar Caravane“. Zum „Austreiben von Corona“ eines nicht mehr fernen Tages sollten wir diese Aktion wieder ins Auge fassen.

 

Wochenmarkt und mehr am 4. Juli 2012 (Thomas Gentner)

 

Ein grundsätzliches Problem scheint mir zu sein, dass es zu wenige Menschen gibt, die für ein überschaubares Salär frühmorgens bei Wind und Wetter, am Markt als VerkäuferIn stehen wollen. Damit der Markt aber auf Dauer bestehen kann, ist es notwendig, dass wir hier auch einkaufen, auch wenn der Aalener Wochenmarkt mit seiner Fülle und dem ganzen Umfeld mit „Kaffee und Apero“ lockt und mehr Einkaufserlebnis bietet als unser Markt.

Wir, die Verbraucher, bestimmen letztlich, wie lange die Händler es auf sich nehmen, für uns ihre Stände aufzubauen.  

In diesem Sinn – kauft am Wochenmarkt, denn ohne diese Institution ist eine Gemeinde letztendlich „gestorben“.

PS. Für meine Mutti war der Markt sozialer Anlaufpunkt. Auch wenn sie wenig brauchte, ist sie bei Wind und Wetter immer zur gleichen Zeit auf den Markt hinuntergelaufen, um mit ihren Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Sie sagte immer: „Wer alt ist, braucht „Ansprache“ und die hat sie sich u.a. am Samstagvormittag im „Dorf“ 😊 geholt.

Das war der 90te Bericht, der über mein Stehpult wanderte. Unterstützt hat mich der Edgar Hausmann und der ehemalige Oberkochner Karl-Heinz A. Beck aus Gundelfingen, der mir, als wenn er es geahnt hätte, zur richtigen Zeit die BuG-Sammlung seiner Mutter vorbeigebracht hat. Ich hoffe und wünsche mir, dass noch viele weitere Berichte folgen können.

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 

 
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