18.11.1983

Herrn
Gymnasialprofessor
Dietrich Bantel
Am Espenrain 3

7082 Oberkochen

Betr.: Steinmarder im Zeichensaal des Gymnasiums

Sehr geehrter, hochgeschätzter und steinmardergeschädigter Herr Professor!

Die geradlinigen Wege der Bürokratie und des Posteingangs haben dafür gesorgt, dass Ihr erkennbar aus tiefster Verzweiflung heraus geschriebener Hilferuf auf meinem Schreibtisch landete. Ich habe ihn umgehend der angeschriebenen zuständigen Stelle, dem Stadtbauamt, weitergeleitet. Währenddessen von unserer Posteingangsstelle es noch verhältnismäßig einfach war auf dem Brief selbst den Eingangsstempel anzubringen, fiel es ihr schon etwas schwerer, dies auch bei den wichtigen Beilagen vorzunehmen. Vor eine unlösbare Aufgabe wurden wir gestellt, dies auch bei den kleineren Kotteilen durchzuführen. Ferner wollte ich es auch unseren weiblichen Angestellten kaum zumuten, die tote Maus, ein besonders wichtiges Indiz, mit dem eigentlich dafür notwendigen Stempel zu versehen. So mußten wir von dem ordnungsgemäßen und manchmal so entscheidenden Eingangsstempeln der Anlagen leider absehen.

Aus diesem Grund darf ich ausdrücklich bestätigen, daß zumindest ein Karton mit eingewickelten Utensilien hier eingegangen ist. Geradezu als eine Unverschämtheit muß ich es empfinden, wenn dieser Steinmarder sich erdreistet auf die wichtigsten Teile unseres Gymnasiums zu pinkeln, nämlich auf die Herren Professoren. Ich darf jedoch alleruntertänigst bemerken, daß dieser Steinmarder weder von uns gezielt zu solchen Untaten eingesetzt oder sogar abgerichtet worden wäre. Nein, es handelt sich offensichtlich um ein Tier, das vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt selbst eine Schule besucht hat. Es kann ja wohl nicht sein, daß dieser Steinmarder dadurch, daß er Zeuge des Unterrichts wurde, entsprechend reagiert hat. Das hielte ich für völlig absurd. Auch eine weitere Frage möchte ich klar und unmißverständlich beantworten. Uns liegt beileibe nichts daran, daß Sie oder gar eine ganze Klasse verstinkt, das hielte ich allerdings ebenfalls für eine unzumutbare Angelegenheit vor allen Dingen, weil wir doch wissen, daß es in einer Schule nie stinkt und es folglich auch dort niemand stinken kann. Das bedeutet, daß eigentlich auch ein Steinmarder und seine Umgebung, die er sich so einrichtet, nicht stinken darf.

Die Frage, wie wir dieses Problem lösen, ist sehr schwierig. Ich werde mir noch heute abend, selbst nach Dienstschluß, überlegen, ob ich nicht diesem Steinmarder eine amtliche Auflage, hergestellt vom Amt für öffentliche Ordnung, zustellen soll, in der diesem Vieh

  1. all diese Untaten vorgeworfen werden,
  2. es zu einer Stellungnahme aufgefordert wird und
  3. bei Androhung von Verwaltungszwang es aufgefordert wird, künftig derartige Beeinträchtigungen und Belästigungen zu unterlassen.

Diese Auflage werden wir wohl mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen müssen, allerdings ist mir noch nicht klar, wie und in welcher Höhe die Gebühr dafür festgesetzt werden kann.

Sollte sich das Tier an die Ordnung, die es nun einmal in einem Gymnasium aufrechtzuerhalten gilt, nicht halten, werden wir wohl mit List und Tücke ihm nachstellen müssen. Wir haben dies in der Vergangenheit bereits mit aller Macht getan. Allein, das richtige Jagdglück war uns noch nicht beschert. Uns wird dies natürlich dadurch nicht leichter gemacht, wenn wir auch in der Vergangenheit schon die Kunde vernommen haben, daß wir dabei möglichst das doch vielleicht so possierliche Tierchen nicht körperlich beschädigen sollten. Wie uns das letztendlich gelingen soll ist mir noch ein Rätsel. Vielleicht sollten wir ein abschreckendes Photo im Effekt einer Geisterbahn in seine Behausung schieben, damit der Steinmarder voll Entsetzen flieht und nie wieder an diesen unheilvollen Ort zurückkehrt. Allerdings erhebt sich hier schon wieder die Frage, was für ein Photo könnte denn dies sein. Vielleicht verfügt das Gymnasium über entsprechende abschreckende Konterfeis.

Sollte der Steinmarder vor bärtigen Menschen Angst haben, könnte auch schließlich ein Porträt des derzeitigen Bürgermeisters zur Verfügung gestellt werden. Sie werden bemerken, daß uns das Wohl und Wehe des Gymnasiums ganz entscheidend am Herzen liegt. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß Ihr Steinmarder Gegenstand schon zahlreicher Konferenzen auf dem Rathaus war. Alle Außendienstmitarbeiter haben sich schon damit beschäftigt und wir waren vor einiger Zeit bereits der Meinung, die Sache im Griff zu haben, d. h. der Steinmarder erinnert sich nicht mehr seiner früheren Behausung. Allein dieser Glaube war ein Irrglaube, wie uns Ihre Botschaft nunmehr kundtut. Ich darf Ihnen versichern, daß wir in allen unseren anderen Überlegungen das Stadtbauamt mit Macht hinter die Angelegenheit hetzen werden, damit dort tabula rasa gemacht wird und ich darf Sie grüßen mit einem der Bedeutung der Angelegenheit ernsten

Waidmanns Heil

Harald Gentsch, Bürgermeister

 
Übersicht

[Home]