Senioren im Schillerhaus am 17. Oktober 2019

In der Reihe „Senioren im Schillerhaus“ sprang der stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins kurzfristig ein und nahm die ca. 20 Gäste mit auf eine Reise, die ihn mit Schülerinnen und Schülern seines Astronomiekurses vom Ernst-Abbe-Gymnasium anlässlich einer totalen Sonnenfinsternis nach Ägypten führte.

Die Sonne hat zwar einen rund 400 Mal größeren Durchmesser als der Mond, sie ist aber auch 400 Mal weiter weg, so dass Sonne und Mond von der Erde aus gesehen zufällig fast gleich groß erscheinen und der Mond die Sonne vollständig verdecken kann. Weil die Mondbahn gegen die Sonnenbahn gekippt ist, läuft er normalerweise bei Neumond nördlich oder südlich an der Sonne vorbei. Nur in seltenen Fällten „trifft“ er die Sonne und verdeckt sie und das auch nur in einem rund 200 km breiten Streifen und für maximal etwa sieben Minuten. Dann wird es tagsüber finster, die hellsten Sterne tauchen auf und die Korona, der hell leuchtende Strahlenkranz um die Sonne, taucht auf. Nach wenigen Minuten ist das Schauspiel vorbei. Frühere Kulturen wie in China glaubten, ein Drache würde die Sonne verschlingen und versuchten mit Trommeln und anderen Lärminstrumenten den Drachen zu verjagen. Hofastronomen hatten die Aufgabe, solche „Drachenangriffe“ vorherzusagen. Heutzutage können Finsternisse Jahrtausende im Voraus auf die Sekunde genau berechnet werden.

Am 11. August 1999 fand in Oberkochen für 2 Minuten und 12 Sekunden eine totale Sonnenfinsternis statt. Leider war der Himmel bedeckt und es regnete, so dass von dem Schauspiel praktisch nichts zu sehen war. Für mich als Astronomielehrer war das eine Riesenenttäuschung, weil die nächste Finsternis in Oberkochen erst wieder am 20. April 2433 stattfinden wird. Die nächste Sonnenfinsternis in Deutschland wird sich am 3. September 2081 ereignen – südlich von Memmingen bis zum Bodensee.

Beide Finsternisse sind für mich selbst bei gesündester Lebensweise nicht mehr erreichbar. Beim Blick in Finsternistabellen fiel mir auf, dass am 29. März 2006 eine totale Sonnenfinsternis „ganz in unserer Nähe“ stattfinde würde – nämlich in Ägypten. Ich beschloss, die Planung für eine Studienfahrt im Rahmen meines Astronomiekurses der 12. Klassen in Angriff zu nehmen. Ein noch nie da gewesenes Projekt am Ernst-Abbe-Gymnasium. Bei meinem damaligen Schulleiter, Herrn Strecker, traf ich auf offene Ohren und Vorbereitung, die sich fast ein Jahr hinzog, konnte beginnen.

Glücklicherweise arbeitete mein ehemaliger Schulfreund Erich Schmid zu der Zeit in der Botschaft von Kairo und konnte mir so wertvolle Kontakte schaffen, denn ich hatte keine Ahnung, wie die Organisation vor Ort funktionieren sollte. Erschwerend kam hinzu, dass der Streifen, in dem die Finsternis stattfinden wird, nicht in Kairo sondern am äußersten westlichen Ende Ägyptens direkt an der Grenze zu Libyen verlief und dort herrschte zu der Zeit noch der Diktator Muammar al-Gaddafi. Auch Ägypten war nicht sicher, immer wieder gab es Bombenanschläge auch auf Touristengruppen. Das alles und ein ägyptisches Reiseunternehmen, das nur wage Informationen über den Reiseverlauf und das Programm heraus gab, machte das Unternehmen doch zu einem Wagnis.

Schließlich machte sich eine Gruppe von 13 Schülern und vier Erwachsenen auf zu einer einwöchigen Expedition – ich mit ziemlich mulmigem Gefühl. Fernrohr und Astro-Ausrüstung waren zerlegt und wegen des Gewichts auf die Koffer der Teilnehmer verteilt, wie wir in die Wüste zur Sonnenfinsternis kommen sollten, war mir aber immer noch nicht klar.

Alle Befürchtungen lösten sich allerdings in Luft auf, als wir mitten in der Nacht am Flughafen Kairo ankamen. Ein freundlicher Herr wartete schon mit einem Schild „Mister Professor Richard Burger“ und von da an waren wir in den besten Händen. Einreise- und Zollformalitäten wurden geregelt, ein Bus wartete auf uns und brachte uns durch das nächtliche Kairo in unser Hotel mitten in der Stadt. Ein deutsch sprechender Reiseführer leitete uns von nun an durch unser hervorragend organisiertes Besichtigungsprogramm.

Die ersten Tage verbrachten wir in dem Millionenmoloch Kairo und seiner Umgebung. Stadtrundfahrt, Besuch von Moscheen und von christlichen Kirchen, die Zitadelle, das berühmte ägyptische Museum mit den Schätzen zahlloser Ausgrabungen, ein Bazar mit einem Labyrinth von Gassen und Gässchen und Händlern, die ihre Waren lautstark anpriesen und alle Wohlgerüche des Orients. Das ägyptische Essen war hervorragend, auch wenn es bei den meisten von uns die üblichen Probleme mit dem Verdauungstrakt auslösten.

Südlich von Kairo besuchten wir Memphis und die Ausgrabungen bei Sakkara mit der berühmten Stufenpyramide, Tempelanlagen und über 4300 Jahre alte Grabstätten ägyptischer Priester. Beeindruckend war der Kontrast von üppigem Grün wo die Bewässerung durch den Nil stattfand und der stabtrockenen Wüste nur wenige Meter weiter. Ein Highlight war natürlich der Besuch der Pyramiden von Gizeh und des berühmen Sphinx. Weil sich dort Menschenmassen drängten ermöglichte unser Reiseführer einen zweiten Besuch ganz alleine auf dem Rücken von Kamelen bei Sonnenaufgang. Absolut beeindruckend!

Schließlich rückte der Tag der Finsternis näher und wir verließen mit unserem Bus Kairo, um längs der Mittelmeerküste nach Westen Richtung der Stadt Sallum zu fahren, in deren Nähe die Finsternis stattfinden wird. Noch immer wussten wir nicht, was uns dort erwarten würde. Einen Zwischenstopp legten wir in El Alamein ein, dem Ort, der traurige Berühmtheit im zweiten Weltkrieg erlangte durch die Kämpfe der deutschen Truppen unter Generalfeldmarschall Rommel gegen die Briten. Wir besuchten eine Gedenkstätte, wo 4200 deutsche Soldaten begraben liegen. Die Meisten blutjung gestorben für die Allmachtsphantasien eines Wahnsinnigen.

Gegen Abend erreichen wir Salloum und von dort die Hochebene direkt an der Grenze zu Libyen. Und wir sind baff: wir sind beileibe nicht allein bei der Sonnenfinsternis. In der Wüste ist eine Zeltstadt für 30.000 Menschen aufgebaut. Zwei-Mann-Zelte mit Liegen, weißem Bettzeug, Wolldecken, Taschenlampen. Dazu Beduinenzelte mit Teppichen, Stühlen, Tischen und einem Buffet vom feinsten. Jetzt muss nur noch der Tag morgen klar und sonnig sein.

Aufstehen um 6 Uhr. Kalt und dichter Nebel. Sollte die beschwerliche und teure Reise vergebens gewesen sein. Wir bauten unsere Ausrüstung auf und warteten bis sich der Mond vor die Sonne schob. Der Nebel lichtete sich und verschwand schließlich völlig. Als von der Sonne nur noch eine schmale Sichel zu sehen war wurde das Licht seltsam fahl und am Horizont sah man dunkel den Mondschatten heran rasen. Schließlich die letzten Sonnenstrahlen – Diamantring nennt man den Effekt und dann war sie da – die Finsternis. Augenblicklich erstrahlte der Strahlenkranz der Korona um das pechschwarze Loch am Himmel. Im Fernrohr waren blutrot die Protuberanzen, Gasausbrüche die sich hunderttausende Kilometer hoch erstreckten, am Sonnenrand zu sehen. Man spürte deutlich, dass es kälter wurde, Wind kam auf, Fotos und Filmaufnahmen wurden gemacht und ansonsten einfach staunend zum Himmel geblickt, wo man die hellsten Sterne erkennen konnte. Man konnte verstehen, dass frühere Kulturen, denen das Wissen über die astronomischen Hintergründe fehlte, angstvoll dieses Schauspiel verfolgten.

Nach 3 Minuten und 56 Sekunden tauche am anderen Sonnenrand der erste Lichtstrahl wieder auf, schlagartig verschwand die Korona und unter den Zuschauern brach ein unbeschreiblicher Jubel aus. Wir und die –zigtausend Anderen packten ihre Sachen zusammen und eine Buskarawane machte sich auf den Rückweg.

Unsere Reisegruppe legte aber noch einen Abstecher in die Sahara zur Oase Siwa ein. In dieser Oase, die 18 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, leben ca. 23.000 Menschen, vor allem Berber, vom Anbau von Dattelpalmen. Nach unserer letzten Übernachtung besichtigten wir den Amun-Tempel, das Orakel von Siwa, in dem sich Alexander der Große die Zukunft weissagen ließ, Felsengräber aus der Römerzeit und die artesischen Brunnen. Höhepunkt für die Schüler war zum Abschluss eine wilde Fahrt mit Jeeps in das schier endlose Sandmeer über berghohe Dünen.

Von Siwa aus ging es direkt in Kairo zum Flughafen und heim nach München und dann auf die Ostalb. Für Schüler und Begleitpersonen ein einmaliges, unvergessliches Erlebnis.

Nach dem Vortag gab es Kaffee, Kuchen und Butterbrezeln, vorbereitet und bewirtet von Barbara Schurr mit ihrem bewährten Team.

 

Unsere Stationen in Ägypten und der schmale Streifen, in dem die totale Sonnenfinsternis zu sehen war.

 

Die Pyramiden von Gizeh

 

Kamelritt zu den Pyramiden

 

Gedenkstätte in El Alamein

 

Warten auf die Sonnenfinsternis

 

Verfinsterte Sonne mit Korona

 

Oase Siwa

 

Alt-Siwa

 

Mit den Jeeps über die Dünen

 

„Wandertag“ in der Sahara

 

Richard Burger

 
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