Das „Schorlchen“

In den späten Sechzigern des letzten Jahrhunderts wurde ich Zeuge, wie ein Gast aus dem hohen Norden, der sich in den „Ochsen“ (später Mykonochse“, heute Poseidonochse“) verirrt hatte, sich allda ein „Schorlchen“ bestellte. Die würzigen Alt-Oberkochener am Stammtisch grinsten mitleidig – aber der „Keebele“ hatte wohlwollend verstanden, was das Noachtlicht wollte und brachte dem Fremden ein „Schorle weißsauer“.

Einer der Stammtischler fragte das unbekannte Noachtlicht, woher es denn sei. Dieses verriet das aber nicht, sondern antwortete spitz, dass es schon geraume Zeit in Oberkochen und beim Zeiss sei – sonst könne es ja wohl kaum wissen, was ein „Schorlchen“ überhaupt ist. Darauf sagte der echte Oberkochener, das Noachtlicht solle sich an den Stammtisch „romhocka“, dann werde man es bezüglich „Schorlchen“ aufklären, - denn: wer in Oberkochen ein „Schorlchen“ bestelle, dem gehöre eigentlich der Arsch versohlt.

Der Einfachkeit halber schreibe ich die Geschichte, die sich in massivem Schwäbisch abgespielt hat, für unsere globalisierten Leser in schriftdeutsch.

Das ist die Geschichte:

Sie spielt angeblich zu Zeiten als Napoleon durch unsere Gegend zog.

Entgegen hartnäckigen Gerüchten kommt übrigens der Hausname „Napoleon“ (Fischer) nicht daher, dass Napoleon auf der Durchreise in jenem Hause Fischer übernachtet hat, sondern daher, dass ein Fischer-Vorfahr vor ca. 200 Jahren aus Frankreich eine Münze mit dem Napoleonbild drauf mit nach Oberkochen gebracht hatte, das er überall herumzeigte und deshalb bald „Napoleon“ genannt wurde. Napoleon selbst war nämlich, historisch belegbar, nie in Oberkochen gewesen.

Aber verbürgt sei, dass Napoleon damals, als er in Aalen war, einen Riesentross dabei gehabt hat, und, dass seine Offiziere dazu neigten, hübsche schwäbische Damen zu sich in ihre vornehmen Zelte einzuladen (Visitez ma tente = Besuchen Sie mein Zelt = Visimatendla) und ihnen Buttergebäck, französischen Wein und Anderes zu kredenzen. Wenn die Damen das Zelt betraten, wurden sie von den Franzosen mit „Bonjour Amour“ begrüßt. Das heißt so viel wie „Guten Tag, meine Liebe“, und wird ausgesprochen etwa wie „Bohschuhr Amuhr“. Die hübschen und selbstbewussten Schwäbinnen hätten dann mit „Bonjour Amour“ zurückgegrüßt.

Schon nach kurzer Zeit, als man vertrauter geworden war, hatten die Franzosen einige schwäbische Spracheigenarten aufgeschnappt, vor allem das berühmte verniedlichende „le“, das im Schwäbischen an fast alle Begriffe angehängt werden kann. So begrüßten sie „ihre“ Damen bald mit „Bonjourle Amourle“ = „Bohschuhrle Amuhrle“ - und die Damen grüßten ebenso zurück, wobei sie überraschend lang bei klaren Sinnen blieben, - denn bekanntlich verdünnen die Franzosen den Wein gerne mit Wasser. Die Schwaben ahmten das später übrigens nach, aber sie verdünnten den Wein mit Sprudel.

Als die Franzosen dann abgezogen waren, übernahmen die verbliebenen Schwäbischen Offiziere ihrerseits die gesamten französischen Dinger, also auch das mit den Zelten und den hübschen Damen, so wie heute in Deutschland - auf etwas anderer Ebene - die ganzen amerikanischen Dinger aufgenommen werden.

Schnell wurde damals aus dem umständlichen „Bonjourle Amourle“ zum Begrüßungstrunke nur noch ein „Jourle Mourle“ = „Schuhrle Muhrle“ gesprochen. Wenig später schon war aus „Jourle Mourle“ der Gattungsname für das französische Wasserweingemixe geworden. Das heißt: Ein mit Sprudel verdünnter Wein wurde dann „Jourlemourle“ = „Schuhrlremuhlre“ genannt. Dieser Begriff schliff sich schon im 19. Jahrhundert zu „Schorlemorle“ ab, - bis dann Ende des 19. Jahrhunderts nur noch das „Schorle“ übrigblieb.

Es gibt bei uns heute noch Gegenden, zum Beispiel im Ellwangischen, wo das Schorle „Schorlemorle“ heißt. Dies erfuhr ich von meinem Kollegen Helmut Schuster.

Die Anekdote habe ich so erzählt, wie ich sie selbst gehört habe. Wie wahr sie ist, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass die Herren Google und Wikipedia den Begriff „Schorlemorle“ kennen, - sogar schon im 18. und nicht erst im 19. Jahrhundert.

Die Oberkochener Erklärung befindet sich nicht unter den dort aufgeführten etymologischen Erklärungen. - Aber schöner als alle wissenschaftlichen Erklärungen ist diese Erklärung mit großem Abstand allemal.

 
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