Weshalb heißt das Schillerhaus Schillerhaus?

Als evangelische Schule im Jahr 1860 erbaut, durchlebte das Gebäude „Aalener Straße 19“, (früher Kirchgasse), das heutige „Schillerhaus“, eine bunte Geschichte.

Einige der wichtigsten Etappen:

1860 - 1938 Ev. Schulhaus und Lehrerwohngebäude
1957 - 1959 Außenstelle des Schubart-Gymnasiums Aalen
1959 - 1967 Ortsbücherei
1979 - 1989 Jugendhaus
ab 1993 EG: Begegnungsstätte. Im OG Aufbau Heimatmuseum, Eingang vorne
ab 1997 OG und Dachgeschoß: Heimatmuseum, Eingang hinten

Weshalb das Gebäude heute „Schillerhaus“ heißt, wäre Stoff für eine abendfüllende Antwort.
Kurz:

In den 80-er Jahren wurde in Oberkochen durch Gemeinderatsbeschluss die „Schillerstraße“ in „Heinz-Küppenbender-Straße“ umgetauft – eine posthume Würdigung einer führenden Carl-Zeiss-Persönlichkeit. Das konnten viele Oberkochener, vor allem natürlich Alt-Oberkochener, nicht verwinden: Schiller weg – und ein Zeissler dafür da.

Nachdem sich die Ära „Jugendhaus“ zunehmend als negativer Erfolg erwiesen hatte, wurde das total versiffte Gebäude 1989 geschlossen und stand fast 4 Jahre leer. Im Zusammenhang mit der Frage, was mit dem Haus geschehen sollte, kam der Gedanke auf, es einer neuen Doppelnutzung zuzuführen:

Im Erdgeschoß sollte eine Begegnungsstätte eingerichtet werden, das Ober- und Dachgeschoß sollte dem Heimatverein zur Einrichtung des von ihm geplanten Heimatmuseums zugesprochen werden.

Irgendwann nach dieser Entscheidung tauchte die Namensfrage für das umgewidmete Gebäude auf.

Die CDU stellte 1993 im Gemeinderat den Antrag, das Gebäude – zwecks Wiederbeschaffung des Namens „Schiller“ „Schillerhaus“ zu benennen.
Die SPD neigte dazu, das Gebäude weiterhin als „Haus der Begegnung“ zu bezeichnen – ein Arbeitstitel, der sich zwischen 1989 und 1993 eingebürgert hatte. Die Freien waren geteilter Meinung.

Über die entscheidende Gemeinderats-Sitzung wird im Amtsblatt „Bürger und Gemeinde“ vom 23. April 1993 berichtet:

Von den Gegnern der Bezeichnung „Schillerhaus“ wurde ins Feld geführt, dass Schiller und Oberkochen nun schon gar nichts miteinander zu tun haben, der Name infolgedessen in den luftleeren Raum gesetzt sei. Bei einer Straßenbenennung tauche dieses Problem weniger auf als bei einer Gebäudebenennung.

Die Befürworter sagten, dass es nicht darauf ankäme, ob Schiller nun in Oberkochen gewesen sei oder nicht, sondern darauf, dass man dem schwäbischen Dichter wieder die Referenz erweise, nachdem der Name „Schiller“ durch die Straßenumbenennung ausgemerzt sei.

Ein erfrischendes Argument für den Namen „Schiller“, das durch die Presse ging, war die Wortmeldung eines Alt-Oberkochener CDU-Stadtrats, der von Beruf Metzger ist. Ich zitiere aus der „Schwäbischen Post“ vom 21.4.1993: „... etwas später wetzte Martin Gold das Messer...“ Die entsprechende Argumentation von Martin Gold ist in der Zeitung festgehalten: „In der Bierwurst ist kein Bier, und in der Königin-Pastete ist keine Königin drin.... folglich braucht in einem Schillerhaus auch nicht der Schiller drin gewesen sein...“

Nach langer und heftiger Diskussion beschloss der Gemeinderat dann am 19. April 2001 mit acht Ja-Stimmen gegen sechs Nein-Stimmen bei 2 Enthaltungen in einer Kampfabstimmung, das Gebäude „Schillerhaus“ zu benennen. Die Schlagzeile der „Schwäbischen Post“ lautete: „CDU drückt Schiller durch“.

Der Heimatverein hat nach Abklingen des „Streits“ im Jahr 1997 im Raum 7 des Heimatmuseums ein einst von Horst Eichentopf für die Evangelische Kirchengemeinde hergestelltes und zwischenzeitlich ausrangiertes Modell der Jenaer „Schillerkirche“ aufgestellt, das dem HVO auf meine Bitte hin von der Evangelischen Kirche, die zu DDR-Zeiten Kontakte nach dorthin unterhalten hatte, gestiftet worden war. Das Modell hatte vor und nach der Wiedervereinigung als Oberkochener Spendenkasse zur Unterstützung der Restaurierung der Schillerkirche im Jenaer Vorort Wenigenjena gedient, in der Schiller im Jahr 1790 geheiratet hat.

Daneben haben wir einen Original-Stahlstich von Schiller aufgehängt. So können wir denjenigen, die’s interessiert, nun nachträglich doch noch eine - wenngleich etwas trickreiche aber schlüssige - Begründung für den Namen „Schillerhaus“ liefern, auf die damals niemand gekommen war:

Schiller hängt mit Jena, Jena hängt mit Carl Zeiss, und Carl Zeiss hängt mit Oberkochen zusammen - also hängt Schiller mit Oberkochen zusammen.
(mathematisch ausgedrückt: a=b, b=c, folglich a=c)

Heute denkt niemand mehr etwas dabei, wenn er vom „Schillerhaus“ spricht, und der Streit von 1993 ist - wie der um die Versetzung des Lindenbrunnens - vergessen.
Deshalb wird es höchste Zeit, die Geschichte für die Nachwelt aufzuschreiben.

 
Übersicht

[Home]