Vereinsnachrichten: Amtsblatt - Tagespresse Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

weitere Zeitungsartikel: Aus Amtsblatt Bürger und Gemeinde vom 30.04.2009 - Bericht 547

Die Marilyn Monroe von Oberkochen

1945 – Neues Leben

Deutschland am Boden. Laut Google 55 Millionen Kriegstote. Zerstörte Städte. Lebensmittelmangel, Geldnot. - Und dennoch:

Das Leben ging weiter.

Einer der ungezählten Beweise dafür ist die Gastspieldirektion Martha Kunz, die sich ab 1945 in Oberkochen aufgebaut und gegründet hatte. Unser Aufruf im Amtsblatt vom 17. April 2009 hat ein überraschend reichhaltiges Echo hervorgerufen. Die uns gegebenen Informationen zu Martha Kunz und ihrer „Schausteller-Truppe“, wie sie von einem Zeitzeugen genannt wurde, haben wir deshalb im folgenden Bericht zusammengefasst.

Am Anfang war „Mariechen“ Schuhmacher aus Düsseldorf, von woher diese „ausgebombt“ nach Oberkochen kam, wohl 1944 schon, und zusammen mit weiteren Verwandten und Bekannten gegen Kriegsende im Hause Max Trittler von dessen Mutter in der Aalener Straße 43 aufgenommen worden war. Dem damals erst 9 Jahre alten Max Trittler ist unvergesslich, wie eines Tages der Oberkochener Dritte-Reichs-Bürgermeister Heydenreich ins Haus kam und Mariechen mitteilte, dass ihr Mann gefallen sei.

Unter den im Hause Trittler weiter aufgenommen Heimatlosen aus Deutschlands Norden war dann bald auch Martha Kunz, - ebenfalls aus Düsseldorf kommend (und nicht aus Köln, wie sich andere Zeitzeugen erinnerten). Martha Kunz hat mit dem kleinen Max zur Nacht gebetet und ihm Zauberkunststücke vorgemacht, die sie im Wohnzimmer übte. An Ostern hat sie den Has für ihn legen lassen.

Martha Kunz war zusammen mit dem Oberkochener Otto Kopp nach Oberkochen gekommen. Sie hatte ihn in Düsseldorf kennengelernt, wo er als Stukkateur tätig gewesen war. Möglicherweise entstanden so die ersten Kontakte zwischen Düsseldorf und Oberkochen schon gute Zeit vor Kriegsende. Zunächst wohnte Martha Kunz dann bei Trittlers in der Aalener Straße. Später im Jahr 1945 kam sie im damals so genannten „HJ-Heim“, dem späteren Bergheim (Sonnenbergschule) unter. 1918 geboren hatte sie, wie berichtet wird, im Zweiten Weltkrieg als Varieté-Künstlerin à la Hildegard Knef in unterhaltsamen Darbietungen eines Theaters für deutsche Soldaten an der russischen Front mitgewirkt. Selbst Erinnerungen an Marilyn Monroe werden wach…

Martha Kunz wird von den Zeitzeugen in der Summe als hübsche, unternehmungslustige temperamentvolle, leutselige, saubere, lustige, witzige und charmante Person beschrieben, die in Oberkochen schnell die „Hauptmacherin“ einer Varieté-Gastspieltruppe geworden ist, die sie um sich herum aufgebaut hat. Martha Kunz lief im Nachkriegs-Oberkochen offiziell unter dem Attributen „Schauspielerin“ und „Zauberin“. Sie hatte, wie die Schwaben sagen „Verputz aufgelegt“, das heißt: sie schminkte sich, - weshalb sie von den Oberkochenerinnen hin und wieder „scho schee schäpps aguckt“ wurde - den Mannsbildern habe sie besser gefallen.

Zu dieser mindestens 9-köpfigen – möglicherweise 10- oder 11-köpfigen Truppe gehörten in sehr unterschiedlichen Funktionen. 1) Marthas Bruder, Helmut Kunz, ein hervorragender Schifferklavierspieler, von dem bekannt ist, dass er den Oberkochenern mit seinem Instrument auch außerhalb der Vorstellungen Freude bereitet hat; vor allem erinnert man sich, dass er auf Oberkochenes Straßen häufig das Lied „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ gespielt hat. 2) Marthas Bruder Jupp Kunz, Schreiner, wohl in dieser Funktion auch in der Truppe aktiv – Kulissenbau. 3) Hans Bewersdorff (Lottostelle), der als Conférencier fungierte und als solcher aktuelle Geschichten und Witze ins Programm einstreute. Herr Bewersdorff zählte zu den langjährigen Freunden von Martha Kunz. 4) Ein Herr Jooß, der, zusammen mit einer Mina Linder, als Akrobat und Tänzer auftrat. 5) Mina Linder führte Spitzentanz vor und beherrschte zur Freude der Zuschauer auch Schuhplattlereinlagen. Dann erinnerten sich Zeugen an 6) ein Fräulein Karin Schaupp, (später Maier) das auch das „Fräulein Nummer“ genannt wurde, weil sie als Nummernansagerin für die einzelnen Programmpunkte über die Bühne schwebte. Zur Gruppe gehörte auch 7) eine Frau Engelhard mit bislang unbekannter Funktion. Frau Engelhard war auch im Kiosk „Ennepez“ in der Bahnhofstraße beschäftigt. (Von dem Ennepez-Kiosk suchen wir noch immer ein Foto). Ferner gehörte zur Truppe 8) ein ca. 17-jähriges Mädchen, nicht aus Oberkochen, dessen Namen mit den Jahrzehnten verloren ging. Inwieweit die Schwester des Josef Wehrle, 9) die Benedicta Wehrle, deren Künstlername „Bennewerre“ (Benn von Benedicta, Werre von Wehrle) war, zu der Truppe gehörte, oder ob sie die Truppe nur gefahren hat, (sie war Kraftfahrerin bei Petershans und Betzler) ist noch nicht geklärt. Dann wurde 10) noch ein Geiger namens Koch als Mitglied in der Schaustellergruppe genannt. Und zu guter Letzt natürlich 11) Martha Kunz selbst. Unser Foto 1 aus dem Jahr 1958 zeigt

die als Schauspielerin und unter anderem auch als Magierin mit Zaubertricks auftretende Künstlerin. Zeugenzitat: „… mit so Geggele ennama Huat, - on plötzlich war halt nix meh dren em Huat“. Auch Jonglieren gehörte zu ihrem Programm. - Die Truppe, die zahlreiche Veranstaltungen selbst organisierte, aber auch „gemietet“ werden konnte, hatte es sich unter der „Direktion“ von Martha Kunz gegen alle Vernunft und alle Widrigkeiten der Zeit zur Aufgabe gemacht, durch Tanz, Akrobatik, Musik und Unterhaltung etwas Freude in die düstere Zeit zu bringen – gewiss auch zum Zwecke des Geldverdienens.

Als öffentliche Veranstaltungsorte, natürlich mit Eintrittskarten, sind bekannt: das „Martha-Leitz-Haus“ in Oberkochen, das „Rössle“ in Königsbronn und das „Konzert-Haus“ in Heidenheim. Die ersten öffentlichen Auftritte des Ensembles waren gemäß der Erinnerungen der Zeugen bereits im September 1945.

Martha Kunz lebte zunächst zusammen mit dem bereits erwähnten Otto Kopp, Sohn des „Diftele“- der einen Kolonialwarenladen - ein „richtiges Tante Emma Lädle“, in der Heidenheimer Straße führte, in dem auch Martha Kunz mitarbeitete. Sie wohnte dann, nach Haus Trittler und dem Bergheim als Logie-Intermezzo in der Sperberstaße 15 bei Josef Wehrle. Nachdem Otto Kopp und sie 1947 geheiratet hatten, wohnte sie im Haus des Kolonialkaufmanns Otto Kopp in der Heidenheimerstraße 44, wo sich dann auch die Agentur der Gastspiel-Direktion befand – also vis-à-vis des Geschäfts der Margarete Unfried (Schreibwaren, Spielwaren, Lederwaren).

Martha Kopp starb 1972 in einem Heidenheimer Krankenhaus bereits im Alter von 54 Jahren an einem Gehirntumor. Otto Kopp heiratete 1988 wieder und lebt heute 85-jährig zusammen mit seiner zweiten Frau in Giengen.

Es ist erstaunlich, dass sich eine solche Varieté-Truppe in dem kleinen Nachkriegsdorf Oberkochen doch geraume Jahre lang halten konnte; die auf ein Kuvert aufgedruckte Firmierung „Gastspieldirektion Martha Kunz, 14 a Oberkochen“ spricht für sich. Martha Kopp war eine echte Unternehmerin. Hut ab.

Unser Foto 2 zeigt den Aufdruck auf das Kuvert aus dem Besitz des Ostalb-Schriftgutarchivs Wieland / Lautern, das den Ausschlag für unsere Nachforschungen gegeben hat.

Was nur noch die Älteren wissen: Martha Kunz (Kopp) war genau genommen die Begründerin der Oberkochener Fasnet – allerdings nicht in der im Schwäbischen tradiierten alemannischen Form der Fasnet, sondern in der Form des rheinischen Karnevals (Fasching). Sie hatte diese Form des Feierns aus Düsseldorf mitgebracht, aber auch in einer in ihr selbst angeborenen originalen Form der Reinländerin. Die ersten Oberkochener Faschingsveranstaltungen fanden auf Martha Kopps Initiative hin ab der Fünfigzerjahre des letzten Jahrhunderts in einem großen Raum im „Grünen Baum“ in der Heidenheimer Straße (heute Lerch) statt.

Unser Foto 3 zeigt Martha Kunz (Kopp) auf einem Foto der Altersgenossen ihres Jahrgangs 1918 (5. von rechts in der vorderen Reihe). Unter ihnen befindet sich Edwin Gold (6. von rechts in der mittleren Reihe), dessen Witwe uns das Foto, das anlässlich des 40er-Fests im Jahr 1958 vor dem Bergheim aufgenommen wurde, freundlicherweise zur Verfügung stellte. Von den Jahrgangsgenossen 1918 leben heute noch 4. Frau Gold wies darauf hin, dass sich 1958 erst ganz wenige „Fremde“ unter den Altersgenossen befanden.

Herzlichen Dank allen Informanten: Helmut Gold, Gertrud Gold, Valeria Franz, Josef Wehrle, Max Trittler, Hilde Friebe, Regine Soutschek, Ursula Kopp, Krista Hurler und ein Oberkochener, der nicht genannt sein will, sowie zahlreichen weiteren Oberkochenern, die durch kleine Hinweise Material zu diesem Bericht beigetragen haben. DB


zurück

weiter

 

[Home]