Abschied von Dietrich Bantel

In den grauen Morgenstunden am Dienstag der vergangenen Woche hat uns unser hoch geschätzter Ehrenvorsitzender, Gymnasialprofessor a. D. Dietrich Bantel, für immer verlassen und das Endgültige und Unwiderrufliche seines Todes lassen uns in Bestürzung und in tiefer Trauer zurück.

Mit Dietrich („Didi“) Bantel, der nicht nur ein maßgeblicher Motor und Initiator bei der Gründung des Heimatvereins Oberkochen e.V. (HVO) im Jahre 1987 gewesen war, sondern ein impulsiver Gestalter über all die Jahre hinweg – sei es bereits im Vorfeld der Vereinsgründung mit dem über ein viertel Jahrhundert beharrlich verfolgten Interesse an der Oberkochener Heimatgeschichte, wie aber vor allem in seiner Zeit als erster Vorsitzender des HVO (1987 bis 2008) – verliert die Vereinsfamilie eines seiner treuesten und wohl das auch maßgeblichste Mitglied.

Dietrich Bantels Wirken im Heimatverein, beim Aufbau des 1997 eröffneten Heimatmuseums und bis zuletzt als Anreger, Vermittler und Hüter eines unermesslich reichen Schatzes an heimatkundlichem Wissen und mit vielfältigsten Vernetzungen im Denkmalschutz und in der archäologischen Erforschung unserer Gemarkung haben die heutige Verfassung des HVO entscheidend mit geprägt. Das 1986 erschienene Heimatbuch der Stadt Oberkochen hat er in Abstimmung mit der Vielzahl der anderen Autoren als Herausgeber zu verantworten.

Die älteren unter seinen zahlreichen Freunden, Weggefährten und Bekannten werden sich vielleicht noch daran zurück erinnern, wie der geborene Stuttgarter im Jahre 1962 als junger, drahtiger Referendar im Alter von 27 Jahren an das damalige Progymnasiums in Oberkochen als Fachlehrer für Englisch, Sport und Bildende Kunst „versetzt“ wurde, was er anfänglich trotz seiner langen zurückreichenden familiären Wurzeln auf der Ostalb nur mühsam zu akzeptieren gewillt gewesen war.

Letztlich hat Dietrich Bantel aber dann doch über drei Jahrzehnte lang den Ausbau zum heutigen Ernst-Abbe-Gymnasium kreativ begleitet und nachhaltig geprägt, ist in seiner neuen Heimat auch wirklich „heimisch“ geworden und „Didi“ darf sich aufgrund seiner Verdienste um das Gemeinwohl zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen erfreuen.

Die Wertschätzung seiner Person und seiner Wirkung drückt sich zudem darin aus, dass es ihm stets ein Herzensanliegen war, seine „Schüler“ nicht nur aktual zu begeistern und anzuleiten, sondern ihnen auch auf ihrem weiteren Lebensweg Ansprechpartner zu sein, ihnen dauerhaft voll Interesse zugeneigt zu bleiben und in mancher geselligen Runde auch weitere Anregungen zu bieten wie aber auch selber empfänglich zu sein.

Den Startschuss für die 16 Jahre später erfolgte Gründung des HVO war so auch eine Initiative mit „seinen“ Schülern, als er im Jahre 1971 unter Aufsicht und in Kooperation mit dem Landesdenkmalamt den „Römerkeller“ im Weilfeld als archäologisches Bodendenkmal freilegte und damit all denen einen neuen Text in das Stammbuch schrieb und gleichermaßen den Spiegel vorhielt, die meinten, „man soll doch (hier in Oberkochen) keine Geschichte machen wollen, wo keine sei…“.

Dass Geschichte und die Reflexion auf die Vergangenheit als Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart und mögliche Handlungsanweisung für die Zukunft „kein Bewahren von Asche, sondern das Hüten des Feuers“ sei – das war eine tief in Dietrich Bantel verwurzelte Überzeugung.

Nicht leiden mochte er Ignoranz und Arroganz, sondern seine Bemühungen um Wahrheit und methodische Korrektheit entfalteten sich als früchtetragende Konsequenz einer von seinem Anspruch auf Präzision, Zuverlässigkeit und handwerklichem Geschick geleiteten Planen und Tun.

So wissen wir in Oberkochen durch seine Initiativen mittlerweile viel mehr über die Siedlungsgeschichte unserer näheren Umgebung, wir blicken (mit unserem „Didi“ und durch ihn instruiert) zurück auf keltische Grabhügel, alemannische Reihenfriedhöfe, vielleicht auch Siedlungsreste (Grubenhäuser) – im Kontext der Limesforschung deuten wir den „Römerkeller“ heute am ehesten als eine Straßen- bzw. Signalstation auf der wichtigen Römerstraße zwischen dem damaligen Reiterkastell der Ala secunda flavia (in Aalen) und der Römersiedlung Aquileia (das heutige Heidenheim). Viele Aspekte aus dem Mittelalter, der frühen und späten Neuzeit wie aber auch vor allem aus der jüngeren Zeitgeschichte wären uns nur schwerlich bekannt, hätte der „Didi“ nicht irgendetwas darüber geschrieben oder ausgegraben, wie in den 80-er Jahren das Bilzhaus, die alte Heimstätte des „Bilzhannes“.

Das 1997 eröffnete Heimatmuseum im Schillerhaus sah er als eine „gelungene Form arbeitsteiligen Vorgehens“ bei der didaktischen Aufarbeitung und Präsentation der heimatgeschichtlichen Inhalte, wobei neben vielen zahlreichen anderen Gestaltern und vor allem unter der Mitwirkung seines im letzten Jahr verstorbenen Lehrerkollegen Horst Riegel er sich in vielerlei Hinsicht einbringen konnte.

Wie auch bei dem vor einigen Jahren verstorbenen HVO-Mitglied Martin Gold („Bär“) war es ihm aber darüber hinaus auch stets daran gelegen, die gesamte museale Darstellung der Heimatgeschichte seines Wahl-Wohnorts in der ihm eigenen stringenten Pädagogik zu vermitteln, so dass er sich mit der ihn auszeichnenden Tatkraft auch um den überregionalen Teil der Ausstellungen im Museum kümmerte und die ganze Zeit seines Vereinslebens hindurch als Museums-Verantwortlicher und vor allem als kundiger Museums-Führer der wichtigste Ansprechpartner für die Öffentlichkeit war.

Zahlreiche Publikationen, wie vor allem die Mehrzahl der im Amtsblatt erschienenen heimatkundlichen Berichte (zuletzt Nr. 689) in der Reihe „Geschichte – Landschaft – Alltag“ als konzeptionelle Fortschreibung des Heimatbuchs, viele Vorträge, Präsentationen und Führungen für Groß und Klein geben Zeugnis von seinem Engagement. Noch am vorvergangenen Dienstag, eine Woche vor seinem unerwarteten Tod, war er zusammen mit seinem Nachfolger im Amt des Vereinsvorsitzenden als Führer durch das Heimatmuseum für eine Besuchergruppe des in Oberkochen tagenden Konzern-Betriebsrats der Firma Carl Zeiss tätig gewesen.

Dietrich Bantel verkörpert wie kaum jemand eine Fülle von Talenten und Begabungen: da ist der kosmopolitische Weltbürger im Spannungsfeld zwischen der Freiheit seiner geistigen Gedankenwelt und der verantwortung-fordernden Gebundenheit in die lokal- und kommunalpolitische Szenerie, da ist der Reiselustige, der sich in England, Frankreich, auf dem Balken, im Orient und sonst wo aufgehalten hat, der diese vielfältigen Erfahrungen einbringt in sein Engagement beim Aufbau und der Pflege der Städtepartnerschaften mit Dives-sur-Mer, Montebelluna und Mátészalka.

Weiter finden wir in „Didi“ einen ganz besonderen Menschen, der sich nicht nur selbst der Kunst verschrieben hat und seinen Musen huldigt, sondern dieses Talent auch als Anleitung und Vehikel für seine nach außen gerichtete Wirksphären einsetzen kann: vor allem als Kunsterzieher wie aber auch als Kunstschaffender und Organisator von Kunstausstellungen. Von Haus aus (wie er gerne betont hat) von der Graphik her geformt, ist er im übertragenen Sinn ein wirklicher „Kalligraph“ gewesen – einer, der nicht nur „schön schreiben“ (und zeichnen) kann, sondern der auch Schönes und Bemerkenswertes zur Niederschrift bringt.

Heiter und von einer höheren Leichtigkeit war auch sein innerstes Wesen, das artistische paarte sich mit der notwendigen Ausdauer und Beständigkeit, gerne griff er zur Geige, motivierte zur Kammermusik im kleinen Kreise, spielte selber aber auch als orchestrales Glied und ordnete sich einem Dirigenten unter. Ein eigener gewinnender Humor und Neigung zum Kalauern war eine besondere Nuance in seiner Korrespondenz, wobei diese „Spitzen“ nicht immer einem Jeden gefallen haben.

Das Wichtigste aber in seinem Leben war ihm seine Familie, vor allem aber sein Zuhause im Espenrain und seine Rolle als fürsorglicher Familienvater: seine liebe Ehefrau Susi und seine drei Töchter Silvi, Carmen und Sonni waren der nährende Humus und die innere Stütze für sein in die Öffentlichkeit gerichtetes Wirken.

In einer umfassenderen Weise hatte „Didi“ Bantel noch weitere „familiäre“ Einbindungen und Verpflichtungen: da sind vor allem „seine Schüler“ und nicht zuletzt wir, die Mitglieder „seines“ Heimatvereins – die Vereinsfamilie.

Dass er mit uns im letzten Jahr, ganz wie gewohnt als aktiver Gestalter und Part des Festprogramms, das dreißigjährige Vereinsjubiläum und das zwanzigjährige Bestehen des Heimatmuseums mitfeiern konnte und die Einweihung der neuen Räumlichkeiten in der Aalener Straße 10 als große Chance für die weitere Ausgestaltung der Vereinsaktivitäten begrüßen durfte, waren nicht zuletzt die Früchte seiner langjährigen Vereinsarbeit.

Dietrich Bantel hat auf dem großen Acker der Heimatgeschichte wogende Ährenfelder hinterlassen und in der Krume steckt noch so mancher Keimling, der zu einer tragende Frucht werden will.

„Dabei hatte er noch so viel vor!“ – dies konstatieren seine Lieben in ihrer Traueranzeige.

Wir werden dies als sein Vermächtnis aufgreifen und es als Verpflichtung ansehen, seinen geistigen wie auch materiellen Nachlass als eine dauerhafte und greifbare Wertschätzung in Ehren zu halten und nach Kräften in seinem Sinne weiter zu gestalten, so wie es uns der liebe Verstorbene an Rat und Tat unter Aufopferung seiner Freizeit als Vorbild vorlebte und wie er in frohen geselligen Runden uns seine Gunst geschenkt hat.

Obgleich er in den letzten Jahren und vor allem aufgrund seiner Herzerkrankung an physischer Kondition etwas eingebüßt hat und er diesem Umstand Tribut zollen musste, so hat er doch in seinem unermüdlichen Engagement nie nachgelassen und sich nicht geschont – stets war ihm das ehrenamtliche und bürgerschaftliche Gemeinwohl mindestens genauso wichtig wie sein eigenes Wohlergehen.

Wenn sich nun der Kreis seines Lebens doch unerwartet rasch und so plötzlich schließen musste und wenn es wahr ist, dass unsere Heimat nicht da ist, wo wir geboren sind, sondern dort, wo einmal unser Grabstein stehen soll – dann erfüllt sich sein Geschick auf eine weitere, höhere und letztlich versöhnende Weise.

Wir alle und vor allem die Mitglieder des Heimatvereins verlieren mit Dietrich Bantel einen lieben Menschen und guten Freund, einen großartigen Lehrer und ein im besten aristotelischen Sinne wahrhaftes „Zoon politikon“.

In großer Ehrfurcht und mit tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied. „Titich, wir werden Dich alle sehr vermissen!“.

Karl Elmer
1. Vorsitzender HVO

 
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