Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 81 / 494

 

dem Oberkochener Pfarrer Carl Wilhelm Desaller auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein. »Die Völker Deutschlands hoffen auf die Befreiung von ihrem Joche«, schrieb er in die Pfarrchronik und apostrophierte sich selbst als »Linker«, als Demokrat also. Ein ungewöhnlicher Mann, der die geistigen Strömungen seiner Zeit erfaßte und sich leidenschaftlich engagierte. Zweimal wurde er zum Abgeordneten des Bezirks Neresheim gewählt. Gleichzeitig war er auch »Redakteur« des »Amts- und Intelligenzblatts« des Oberamtes Neresheim.

Beide Funktionen brachten ihn offenbar in Konflikt mit dem bischöflichen Ordinariat in Rottenburg. Zunächst gab es allerdings dort nach dem Tode des ersten Bischofs von Rottenburg, Dr. Johann Baptist von Keller, im Jahre 1845 eine zweijährige Vakanz, in der man die Zügel sicher etwas schleifen ließ. Mit der Wahl des aristokratischen Dr. Joseph von Lipp am 14. Juni 1847 und seiner Konsekrierung am 12. März 1848 wuchs der Druck auf aufmüpfige Pfarrer. Jedenfalls mußte Pfarrer Desaller seinen Redakteursposten aufgeben. Das Leben dieses Mannes wäre sicher einer näheren Untersuchung wert, wissen wir doch zum Beispiel, daß zu seinen Bekannten auch der französische Kaiser Napoleon III. gehörte.

Entsprechend der Forderung der 48er-Revolutionäre nach Volksbewaffnung zum Schutz der Freiheit formierte sich auch in Oberkochen eine Bürgerwehr. Die Geschichte meinte es jedoch gut mit den Oberkochener Freiheitskämpfern: So schnell zerrann der demokratische Traum, daß sie nicht beim Wort genommen wurden.

»Die Versprechungen wurden nicht gehalten« — so beschließt Pfarrer Desaller dieses Kapitel der deutschen Geschichte.

Zur gleichen Zeit begab sich der Handwerksgeselle Jakob Christoph Bäuerle nach seinen Lehrjahren auf die Wanderschaft. Er wird wenige Jahre später zurückkehren mit einer Idee, die für Oberkochen von großer Bedeutung werden sollte, der maschinellen Herstellung von Holzbearbeitungswerkzeugen. 1860 wird er dann in dem Gebäude neben dem »Lamm« seinen Betrieb gründen, die Keimzelle der späteren Industrialisierung in Oberkochen.

Im übrigen war 1847 kein gutes Jahr. »Große Theuerung« steht in der Pfarrchronik. Mißernten und eine tiefgreifende Handels- und Wirtschaftskrise in den meisten deutschen und europäischen Staaten trieben die Preise in die Höhe. Und das Jahr zuvor war noch so gut gewesen. »Gute Früchte« wuchsen in Oberkochen und vor allem »ein vortrefflicher Wein« — was immer man damals darunter verstanden haben mag. Immer wieder hatten sich die beiden »Collegien« der Bürgervertretung, nämlich Gemeinderat und Bürgerausschuß, mit den Auswirkungen der Not zu befassen. Gemeindebedienstete kamen mit ihrer Entlohnung nicht mehr zurecht. So mußte etwa dem Waldhüter zu seinen zwölf Gulden Jahresverdienst für das Teuerungsjahr ein »Gratial« von sieben Gulden gewährt werden. Der Taglöhner Joachim H., durch


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