Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 78 / 494

 

sen persönlich kannten. Gemessen an den heimatlosen Bettlern, die nirgends auch nur geduldet waren, wurde also für die Ortsarmen vergleichsweise gut gesorgt. Ein Jahrhundert später war das Oberkochener Bettelwesen erneut Gegenstand einer obrigkeitlichen Verfügung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde versucht, das Bitten um Almosen stark einzuschränken. Diesem Ziel diente das Verbot des »Kinderbettels« und die Festlegung von wöchentlich zwei »Betteltagen«. Die Maßnahmen fruchteten allerdings wenig. So gelang es kaum, die Kinder vom Betteln abzuhalten, und auch die wöchentlichen zwei Tage, an denen es noch erlaubt war, von Haus zu Haus zu ziehen und Almosen zu erbetteln, wurden nicht eingehalten.

 

Die Armut geht zurück

Ihre gesellschaftspolitische Relevanz verlor die örtliche Armenfürsorge im hier geschilderten Sinne erst Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, als die aufkommende Sozialgesetzgebung die schlimmsten Fälle von Armut aufzufangen begann. Speziell in Oberkochen verbesserte sich die ökonomische Situation vieler Familien durch die ständig zunehmenden Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten in der am Ort aufblühenden Bohrermacherindustrie. So konnte Oberkochens evangelischer Pfarrer Eugen Wider im Jahre 1914 in einem Pfarrbericht kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schreiben: »Die Erwerbsmöglichkeiten sind nicht ungünstig. Örtliche (Armen-) Unterstützung erhält nur eine evangelische Familie. Eigentlich arme Leute gibt es sonst nicht, das heißt Mangel leiden muß niemand, der nur arbeiten will«. Mit diesem Zitat endet das Kapitel der Oberkochener Geschichte, das mit »Armenfürsorge« überschrieben ist.

Quellenhinweise

  1. Hauptstaatsarchiv Stuttgart:
    Kirchenvisitationsakten des 17. bis 19. Jahrhunderts: Bestand A 281 Büschel 531 ff. Aalener Protokoll von 1749: Bestand A 249 Büschel 3297.
     
  2. Landeskirchliches Archiv Stuttgart:
    Pfarrbeschreibungen und Pfarrberichte von 1828 bis 1914: Bestand A Bd. 3318

    Quellen zur Armenfürsorge: Bestand A Bd. 3315 5
     
  3. Mühlenbuch von 1751. Aufbewahrungsort: Untere Mühle zu Oberkochen.

Literaturhinweis

Einführende Literatur zum Thema »Armut und Fürsorgewesen«:
ZEEDEN, Ernst Walter: Deutsche Kultur in der frühen Neuzeit. Frankfurt/Main 1968, S. 108-116.


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