Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 76 / 494

 

chen Bemühungen um Ökumene angesehen werden. Allerdings ging es auch auf diesem Feld nicht ganz ohne Probleme ab. Die Schwierigkeit lag darin, daß offensichtlich Armut und Reichtum zumindest zeitweise auf die beiden Konfessionen nicht ganz gleichmäßig verteilt waren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheinen bei den Katholiken einige Familien relativ reich und andere sehr arm gewesen zu sein, während es auf der evangelischen Seite weder besonders arme noch auffallend reiche Familien gegeben hat. So wollte der damalige evangelische Pfarrer Oberkochens, Wilhelm Friedrich Dürr, die Armenfürsorge konfessionell trennen. Denn er war der Meinung, daß die reichen katholischen Familien ihre bedürftigen Konfessionsbrüder selbst unterstützen sollten. In einem Pfarrbericht, der aus der Mitte des 19.Jahrhunderts stammt, formulierte Dürr seine Forderung folgendermaßen: »Die Katholiken sollen ihre Armen, und wir wollen unsere erhalten«. Eine konfessionelle Trennung der Armenfürsorge konnte Dürr jedoch nicht durchsetzen.

 

Verfügung der Obrigkeit

Die gemeinsame Armenkasse verfügte nie über große Reserven. Das Geld reichte meist kaum aus, um die Ortsarmen auch nur am Leben zu erhalten. Deshalb war das Betteln für die Bedürftigen eine wichtige und notwendige Beschäftigung. Doch Arme, die der Unterstützung bedurften, gab es nicht nur in Oberkochen. Ganze Scharen von heimat- und mittellosen Bettlern und Landfahrern zogen einzeln oder in kleinen Gruppen durchs Land. Sie bettelten sich von Ort zu Ort durch, oft konnten sie das Überleben nur durch einen kleinen Diebstahl sichern. In Oberkochen wurde — wie in den meisten anderen Orten — jedoch streng zwischen ortsansäßigen und fremden Bettlern unterschieden. Das kommt z. B. im Aalener Protokoll von 1749 zum Ausdruck. In diesem Vertragswerk regelten die beiden Ortsherren Oberkochens unzählige Details des täglichen Lebens in dem herrschaftlich geteilten Ort. Vertragspartner waren das Stift Ellwangen, das die beiden katholischen Drittel Oberkochens innehatte, und das Herzogtum Württemberg, zu dessen Eigentum das einstmals zum Zisterzienserkloster Königsbronn gehörende evangelische Drittel zählte. Auch das Bettelwesen fand in diesem Vertragswerk seinen Platz. Dabei verfügten die Ortsherren einerseits, daß für die einheimischen Bettler gewissenhaft zu sorgen sei; andererseits verhängte die Obrigkeit jedoch scharfe Strafmaßnahmen gegen auswärtige Bettler und Landfahrer: Die örtlichen Dorf- und Bettelwachen wurden angewiesen, »dergleichen liederliches Gesindel« am Betteln im Ort zu hindern und zu vertreiben, nötigenfalls mit Gewalt.

In einem kleinen Ort wie Oberkochen gab es für entwurzelte und heimatlose Menschen keine Möglichkeit, auf legale Weise zu überleben. Sie wurden sofort als Fremde identifiziert und vertrieben, da sich im Ort alle Dorfgenos-


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