Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 74 / 494

 

Christhard Schrenk

Armenfürsorge in Oberkochen

Das Armenhaus

Für die Menschen des 19. Jahrhunderts und in der Zeit davor hatte das Wort »Armut« einen ganz anderen Klang als für die heutigen Zeitgenossen. Jeder wußte, was bittere Armut war, und jeden konnte dieses Schicksal treffen. Eine schlechte Ernte, eine Feuersbrunst, ein Unwetter, ein Unfall, eine Verletzung im Krieg, eine Seuche — in einer Zeit ohne Versicherungsschutz konnten solche Ereignisse schlimme Auswirkungen haben.

Die unmittelbare Folge war der Hunger. Die Verdienstausfälle führten bei den Bauern aber auch rasch zu Zahlungsschwierigkeiten beim Begleichen der Abgabenschuld; denn oft waren die einstmals ertragsorientierten Abgaben in standardisierte Geldverpflichtungen umgewandelt worden, und mit Bargeld war die bäuerliche Bevölkerung nie sehr reich gesegnet. Zwar gab es — wie auch heute — die Möglichkeit, Grundstücke zu beleihen, also mit »Hypotheken« zu belasten. Im Unterschied zu heute konnte diese einmal entstandene Schuld jedoch entgegen gesetzlicher Regelungen oft nicht mehr getilgt werden. Nur der jährliche Zins war stets pünktlich zu bezahlen. Auf diese Weise häuften sich im Laufe der Zeit u.U. immer mehr Schulden und damit immer mehr Abgabeverpflichtungen an. Am Ende einer solchen Entwicklung, die oft genug von den Betroffenen weder selbst zu verantworten noch abzuwenden war, stand in vielen Fällen das Armenhaus. Solche Art von Armut gehörte noch im 19. Jahrhundert zu den täglichen Lebenserfahrungen der Menschen. Deshalb zählte ein Armenhaus zu den wichtigen öffentlichen Einrichtungen beinahe jeder Gemeinde. Es war fast so selbstverständlich vorhanden wie z.B. ein Wirtshaus oder eine Mühle. Allerdings befand sich das Armenhaus im allgemeinen eher am Ortsrand als im Zentrum. Auch in Oberkochen war das so. Das örtliche Armenhaus lag in der heutigen Mühlstraße auf der rechten Seite des Kochers. Das Gebäude hatte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg überdauert und wich erst um 1950 einem modernen Wohnhaus. Wer in der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Armenhaus gelangen wollte, mußte den Kocher in einer Furt überqueren, da erst ab 1769 eine Brücke vorhanden war.


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