Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 64 / 494

 

Der Abt von Königsbronn argumentierte entgegengesetzt:

Auffällig ist, daß die Existenz verschiedener Konfessionen in Oberkochen nicht schon direkt nach der Reformation (also spätestens im Jahre 1553) zu Auseinandersetzungen geführt hat, sondern erst einige Jahrzehnte später im Zusammenhang mit der Selbständigkeit der evangelischen Filialgemeinde und dem damit verbundenen Kirchenbau. Das Reichskammergericht mußte sich zwischen den eben skizzierten Positionen des katholischen Propstes und des evangelischen Abtes entscheiden. In der Frage der Existenz verschiedener Konfessionen in einem Ort neigte es eher der Argumentation Ellwangens zu, also der Auffassung, daß es in Oberkochen nur eine Konfession geben dürfe. Das Problem, ob das »ius reformandi« an der hohen oder an der niederen Gerichtsbarkeit hänge, wurde im Verlauf des Rechtsstreites jedoch nicht geklärt, und damit blieb auch die Frage offen, ob die evangelische Konfession in Oberkochen rechtsmäßig sei. Nach über vierzigjähriger Dauer verlief sich der Prozeß im Sande, ohne entschieden worden zu sein. Beide Seiten hatten jegliches Interesse an der Sache verloren, weil die Existenz einer eigenständigen evangelischen Pfarrei in Oberkochen, in der bereits der neunte Geistliche wirkte, schon jahrzehntelang Realität geworden war.

Trotz des schwebenden Gerichtsverfahrens wurde ab 1580/81 der Bau der ersten evangelischen Kirche in Oberkochen vorangetreiben und abgeschlossen; auf diese Weise stellte man das Gericht vor vollendete Tatsachen. Es ist in den Quellen überliefert, daß zu Ostern 1583 Oberkochens erster Pfarrer, der aus Stuttgart stammende Ulrich Nicolai, in der neuen Kirche predigte. Der Pfarrer war zugleich Mesner und Lehrer. Bis 1936 lassen sich in Oberkochen Kirchengeschichte und Schulgeschichte kaum voneinander trennen, weil der Unterricht in Pfarr- bzw. Bekenntnisschulen stattfand. Darüber wird in der »Geschichte der Oberkochener Schulen« (V. SCHRENK) näher berichtet. Wie sah das neue Gotteshaus aus, um das im 16. und 17. Jahrhundert so lange gestritten wurde? Es ist eine Zeichnung aus dem Jahre 1857 erhalten, das die zu diesem Zeitpunkt 275 Jahre alte Kirche zeigt. Sie stand genau auf dem Platz, auf welchem sich heute die alte evangelische Kirche von 1875 befindet.

Sie war ziemlich klein, und der Kirchenraum lag etwa einen Meter unter dem Straßenniveau. Das hatte zur Folge, daß Wasser in das Gotteshaus eindrang. Deshalb befand sich die Kirche von Anfang an in baulich schlechtem Zustand. Es ist ein Grundelement der vierhundertjährigen Geschichte der evangeli-


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