Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 63 / 494

 

tik kirchlicher Simultanverhältnisse (»paritätische Gemeinden«) behandelt. Das Vorhandensein verschiedener Konfessionen in ein- und demselben Ort war nach diesem Vertrag nur in Frei- und Reichsstädten erlaubt. Dabei wurden nur Konfessionen zugelassen, die in der entsprechenden Stadt schon zum Stichdatum 1552 (Passauer Vertrag) existiert hatten. Das bekannteste Schlagwort des Augsburger Religionsfriedens lautet: »cuius regio, eius religio«. Frei übersetzt: »Wer regiert, bestimmt die Religion der Untertanen«. Allerdings wurde nicht genau definiert, was »regio« bedeutet, oder anders gesagt, wer in einem Territorium »regiert«, in welchem die Herrschaftsrechte gespalten sind. Für die Klärung dieser Frage wurde Oberkochen zu einem Präzedenzfall. Die hohe Gerichtsbarkeit über das gesamte Dorf hatte Ellwangen inne, die niedere Gerichtsbarkeit dagegen lag im jeweiligen Ortsteil bei Ellwangen bzw. bei Königsbronn.

Kurz nach 1580 wurde die Absicht bekannt, Königsbronns evangelische Filialgemeinde in Oberkochen zu einer eigenständigen Pfarrei zu erheben, eine Kirche zu bauen und gleichzeitig eine evangelische Schule zu errichten. Dem Inhalt des Augsburger Religionsfriedens zufolge hätte der Propst von Ellwangen seine Zustimmung zu diesem Vorhaben geben müssen, was jedoch nicht geschah; möglicherweise wurde er überhaupt nicht gefragt. So kam es zum Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht, dem damals höchsten deutschen Gericht, das sich zu dieser Zeit in Speyer befand.

In diesem Reichskammergerichtsprozeß stand zunächst ein spezielles Oberkochener Problem zur Klärung an. Es ging um die Frage des Standortes der Kirche. Der katholische Propst von Ellwangen behauptete, daß ein Teil des Kirchbaugrundstücks zum katholischen Ortsteil gehöre. Damit hätte er sehr einfach die Unrechtmäßigkeit des Kirchbaus beweisen können. Der Königsbronner Abt versicherte dagegen, daß das Bauland rein evangelisch sei. Es stand Aussage gegen Aussage, und es fand sich kein rechtskräftiger schriftlicher Beweis, der Licht in diese Angelegenheit hätte bringen können. Erst nach 18 Verhandlungsjahren mit verschiedenen Lokalterminen und Zeugenbefragungen in Oberkochen gelangte das Gericht zu der Überzeugung, daß das Bauland doch ganz evangelisch gewesen sei. Danach verlagerte sich der Rechtsstreit auf eine wesentlich abstraktere Ebene: Nun wurden Grundsatzfragen des Augsburger Religionsfriedens diskutiert.

Der katholische Propst von Ellwangen vertrat dabei vor Gericht folgenden Standpunkt:

  1. Verschiedene Konfessionen dürfen, wenn überhaupt, nur in Frei- oder Reichsstädten vorhanden sein. Man müsse sich deshalb im kleinen Oberkochen für eine der beiden Konfessionen entscheiden.
     
  2. Da er als Propst die hohe Gerichtsbarkeit über den ganzen Ort innehabe, stehe ihm auch das Recht zu, die katholische Konfession im gesamten Dorf durchzusetzen.

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