Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 57 / 494

 

Trotz aller Umwälzungen hatte nach dem Krieg merkwürdigerweise niemand das Gefühl, daß sich Grundlegendes verändert hätte: Nichts lag in Trümmern, nichts mußte von Grund auf neu errichtet werden — selbst die, die aus dem Inferno des Stellungskrieges und der Gasangriffe zurückkamen, der äußersten Entfernung von allem Menschlichen also, fügten sich, so hört man, rasch und reibungslos in die intakte Ordnung des Dorfes ein. Die Glocken mußten ersetzt werden, ja. Die erste kam schon 1919, zwei weitere drei Jahre später. Ihre Inschriften zeigen die Nachwirkungen des Krieges: »Den Opfern des Krieges das Opfer der Heimat« und »In Not und Tod ruf ich zu Gott«.

In dem von Pfarrer Heilig 1923 initiierten »Katholischen Burschenverein« waren die Handwerksburschen die geschlossenste und aktivste Gruppe; schon drei Jahre später gründeten sie eine Gesellenabteilung innerhalb des Vereins, die sich neben Spiel und Sport gerne dem Laienspiel widmete, unvergessen ihr »Bettelstudent« bei einer Weihnachtsfeier der Pfarrgemeinde. Als sie 1927 jedoch den ganzen Burschenverein in »Katholischen Gesellenverein« umbenennen wollten, konnten sie sich nicht durchsetzen. Sie scheiterten insbesondere am neuen Pfarrer Alfons Riek (1925-1936), der die Jugendarbeit offensichtlich auf eine breitere Basis stellen wollte, er favorisierte deshalb einen »Jungmännerverein«. Innerhalb dieses, wenn man so will, Dachverbands arbeiteten die Gesellen besonders eng mit den Turnern der DJK-Abteilung zusammen. Der Höhepunkt dieser Zusammenarbeit war zweifellos 1930 die Ausrichtung des 8. Gauturn- und Sportfestes.

Offensichtlich hat auch die Industrie mit immerhin fast 200 Arbeitsplätzen, das zeigt die Entwicklung des Gesellenvereins, wenig an der sozialen Struktur des Dorfes verändert, wohl weil auch die Fabrikarbeiter zum großen Teil als Nebenerwerbslandwirte dem bäuerlich-handwerklichen Herkommen verbunden blieben. Folgerichtig konnte von allen Parteien der Weimarer Republik nur das katholisch geprägte Zentrum in Oberkochen Fuß fassen, wobei freilich das politische Interesse und die politischen Aktivitäten im Dorf nicht allzu hoch veranschlagt werden dürfen.

Ein Blick in die Akten des Krankenpflegevereins macht übrigens den Aberwitz der Inflation von 1923 besonders deutlich: Betrug der Kassenstand im Jahre 1923, dem Höhepunkt der Inflation, noch 25 1412 558 408 512,— Mark, waren dies nach der Währungsreform 1924 gerade noch 49.94 Rentenmark. Die Kirchengemeinde diskutierte im Jahre 1928 und dann nochmals 1930 den Bau eines neuen Schwesternhauses — die guten Jahre der Weimarer Republik machten sich bemerkbar. Doch dann reichte es 1934 doch nur zu einer gründlichen Renovierung des alten Gebäudes.

Inzwischen war das Leben der katholischen Kirchengemeinde durch die nationalsozialistische Machtergreifung nicht gerade leichter geworden. Nach der 1933 verfügten Auflösung des Gesellenvereins und des Jungmännervereins war sicher das Schulverbot für Pfarrer Mattäus Jans (1936-1949) der schwerste staatliche Eingriff.


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