Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 56 / 494

 

Dies zeigt uns ein Blick in den Pfarrbericht des evangelischen Pfarrers Wider aus dem Jahr 1914: »... Spötter und Religionsverächter gibt es in der Gemeinde vereinzelt, ohne daß sie dem kirchlichen Leben der Gemeinde gefährlich werden könnten, dafür sorgt der beherrschende Einfluß der katholischen Geistlichkeit, vor der hier jeder Religionsverächter die Segel streichen müßte...« Weiter, so Pfarrer Wider, zeichne sich die katholische Mehrheit (1002:265) nicht gerade durch besonderes Wohlwollen aus; die »Römischen« pflegten zwar die Geselligkeit, doch nur unter sich, denn tauchten zufällig einmal Evangelische im »Vatikan« auf, blieben sie sich selbst überlassen. Zuneigung werde nur dem Geldbeutel der Evangelischen entgegengebracht, so durch die Einführung der Schulkostengemeinschaft, durch die sich die Evangelischen in den nächsten zwanzig Jahren mit 15000 Mark an der Abtragung der Bauschuld an der katholischen Schule im Dreißental beteiligen müßten. Am 24. Oktober 1910 übernahmen die Franziskanerinnen eine »Kleinkinderschule«, die im unteren Schulsaal des Schwesternhauses für 14316,36 Mark eingerichtet wurde. (160 Mark davon waren übrigens eine Spende des Königspaares in Stuttgart.) Zwei Jahre später waren es immerhin schon 126 Kinder, die von den Schwestern betreut wurden.

Es war eine liebenswürdige Zeit, die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Wenn es auch die meisten nicht gerade üppig hatten, litt doch niemand wirkliche Not. Es war auch eine unternehmungslustige Zeit, sieht man auf die Bautätigkeit und die Geschäftsgründungen, eine festesfreudige Zeit auch: die vielen Veranstaltungen und Theateraufführungen der Vereine, wie liebte man das Gepränge geistlicher und weltlicher Feiern mit ihren vielfältigen Zeremonien. Welcher Sinn für Würde und Form spricht aus den alten Photographien! Geselligkeit prägte das Zusammenleben, jede Einweihung geriet zum wahren Volksfest, und, immerhin, auf knapp 1300 Einwohner kamen 10 Wirtschaften, die — Sündenpfühle ohnehin — nach dem Geschmack der beiden geistlichen Herrn viel zu häufig frequentiert wurden. Aufbegehren der Jungen gegen die allzufestgefügte Ordnung, ja, aber keine Entfremdung der Generationen. In der Kirchengemeinde zumal erfuhr jeder seine Identität und seine gesellschaftlichen Bezüge; Randgruppen wie Alte, Behinderte oder auch die Jugend existierten nicht, sie waren alle in die Großfamilie und in die Dorfgemeinschaft integriert. Somit, sieht man von manchen doktrinären Verhärtungen ab, war dies auch eine christliche Zeit.

All dem setzte der Krieg 1914 ein Ende. Schon nach den ersten Tagen der kollektiven Begeisterung setzte die Ernüchterung ein. 145 Männer und Frauen nahmen am 9. September 1914 an der Kriegswallfahrt auf den Schönenberg teil: Nach der Messe um 2.30 Uhr begann der sechsstündige Weg. Die immer häufiger eintreffenden Todesnachrichten von den Fronten erschütterten die Gemeinde, sicher waren auch alle von der Abschiedspredigt von Pfarrer Heilig für die Glocken berührt, die mit Befehl vom 1. März 1917 beschlagnahmt, vom Turm geholt, nun »in den Tod gehen« sollten.


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