Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 55 / 494

 

lieh seinen Tribut: Er hatte seine Kräfte so sehr verbraucht, daß er schon 1902 aus dem kirchlichen Dienst ausscheiden mußte.

Nach der feierlichen Kirchweihe am 25. Oktober 1900 durch Bischof Paul Wilhelm von Keppler zogen sich die Arbeiten an der Innenausstattung der Kirche noch fast zehn Jahre hin. Die Ausmalung gestalteten Kunstmaler Reihing aus Stuttgart und der Kirchenmaler Maier aus Neuhausen: Farbenfroh die Ornamentierung der Bögen und der Apsis, in der Kalotte Christus in der Mandorla vor einem prächtigen Sternenhimmel, monumental die Apostel an den Innenwänden des Mittelschiffes und im Chor (nach romanischer Tradition erinnern sie an den apostolischen Ursprung der Kirche), und im Beuroner Stil schließlich über dem Triumphbogen die Huldigung der Heiligen vor dem Lamm Gottes. Bemerkenswert waren auch die Stiftungen: Die Kanzel, die von Moritz Schlachter aus Ravensburg geschaffenen Kreuzwegstationen (im sentimentalen Stil der Zeit, gewiß, doch von erstaunlicher Qualität!) und, sehr wichtig, der vergoldete Kronleuchter mit 36 Flammen, denn der elektrische Strom wurde schließlich erst 1910 installiert. Aus diesem Grunde hatte die Orgel von Franz Eckert, Paderborn, mit zwei Manualen und 17 klingenden Registern auch nur eine pneumatische Mechanik. Das Geläute schließlich mit vier Glocken von Kiesel, Heilbronn, war auf fis-gis-ais-cis gestimmt, dazu kam die aus der alten Kirche stammende »Mauserglocke« (von Ingenieur Mauser aus New York gestiftet), die als Betzeitglocke unzählige Kinderspiele auf der Straße abrupt beendete.

Pfarrer Heilig (1910-1925), der sich um den Innenausbau der Kirche verdient gemacht hatte, ließ 1910 auch die Wiesenkapelle renovieren und die von Bildhauer Kaiser aus Iggingen geschaffenen Kreuzwegstationen aufstellen. Denn noch immer kamen am St. Ulrichstag, dem 4. Juli, und am St. Alexistag, dem 17. Juli, jedes Jahr die Wallfahrer vom Härtsfeld herunter. Sie sollten nun, durch das Gedenken der Passion des Heilands geläutert, an den eigentlichen Sinn der Wallfahrt erinnert werden.

In diese Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fällt auch die Gründung des Krankenpflegevereins Oberkochen. Wenn auch im wesentlichen eine Selbsthilfeaktion, ist dieser Verein doch Ausfluß christlicher Caritas und somit eng mit der Kirchengemeinde verbunden. 1906 zogen die ersten beiden Franziskanerinnen aus Reute in das alte Schulhaus bei der Kirche ein, das durch den Schulhausneubau in der Dreißentalstraße freigeworden war. Die Schwestern widmeten sich der Krankenpflege, aber sie richteten auch eine »Industrieschule« ein. Ab 1907 traten immer mehr evangelische Mitglieder im Krankenpflegeverein in Erscheinung — die erste ökumenische Aktion in Oberkochen, wenn wir vielleicht absehen vom »Hagelfeiertag«, den beide Kirchen seit 1749 gemeinsam feierten und an dem die beiden Geistlichen predigten. Doch waren damals die beiden Kirchengemeinden noch weit von dem herzlichen Einvernehmen entfernt, das heute ihr Verhältnis zueinander auszeichnet.


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