Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 54 / 494

 

Paul zu Oberkochen die zur Geltendmachung ihres Anspruchs festgesetzte Klagefrist nunmehr um immerhin 40 Jahre überschritten habe, ein »allfallsiger« Anspruch an die Staatskasse somit verjährt und hinfällig geworden sei. Doch wolle man »in Ansehung der Notlage der Gemeinde« und ohne durch Rechtstitel gezwungen zu sein, gnadenhalber und »unter Enthebung aller künftigen Ansprüche« die Summe von 12 000 Mark erlegen. Diese harte Entscheidung wurde schließlich nach einem neuerlichen Rechtsschritt des Stiftungsrats am 7. November 1897 vom Reichsgericht in Leipzig endgültig bestätigt. Noch ehe also die alte Barockkirche abgebrochen war, hatte die neue Kirche schon ihren Namen bekommen: »Verjährungskirche«.

Im Stiftungsrat und in der katholischen Bevölkerung war man mehrheitlich der Meinung, die neue Kirche sollte im Garten der Witwe Aloisia Grupp hinter dem Schmiedemeister Maier stehen, also westlich der Hauptstraße. Doch die finanziellen Verhandlungen zerschlugen sich, so war man auf den bisherigen Platz zurückgeworfen mit all seinen Nachteilen: Um die Kirche groß genug gestalten zu können, mußten im Osten umfangreiche Fundamentierungsarbeiten durchgeführt werden, ohne daß dadurch eine genaue Ostausrichtung möglich gewesen wäre. Und einen ausreichenden Kirchplatz konnte es so auch nicht geben.

Die Architekten Beisbarth und Früh aus Stuttgart entschieden sich in ihrem Planentwurf aus verschiedenen Gründen für den neuromanischen Stil — in Ermanglung einer eigenen zeitgenössischen Architektur griff man um 1900 ungeniert zu historischen Stilen, die dann meist recht fühllos dem jeweiligen Zweck angepaßt wurden und vielfach zu architektonischen Monstruositäten führten. Dies blieb Oberkochen erspart, denn die Architekten richteten sich, folgt man Mager, in Form und Maßgebung nach dem romanischen Dom in Monza. Dieser, eine kreuzförmige und dreischiffige Basilika aus dem 13. und 14. Jahrhundert, besticht trotz mancher Zu- und Umbauten vor allem durch die Harmonie der Maßverhältnisse und des Dekors. Und dies konnten die Architekten tatsächlich auf die Oberkochener Kirche übertragen, was uns allen nach der überaus geglückten Renovierung 1980/81 sinnfällig wurde.

Die Kosten von insgesamt 130 000 Mark erschreckten seinerzeit die ganze Kirchengemeinde. Eine schwere Verantwortung hatten sich da Stiftungsrat, Pfarrer und Schultheiß (zunächst Maurermeister Wingert, der in hohem Ansehen stand, dann sein Nachfolger Betzler) aufgeladen. Pfarrer Bucher, seit 1897 in Oberkochen, gelang es dennoch, durch unermüdliche und offenbar höchst erfolgreiche Bettelpredigten und Bettelreisen in die nähere und weitere Umgebung, ja in ganz Schwaben, und auch durch eine unglaubliche Motivierung der eigenen Pfarrgemeinde doch noch eine tragbare finanzielle Grundlage zu finden — bei der Grundsteinlegung am 11. September 1899 wurde jedenfalls vom Zauberstab des Herrn Pfarrverwesers gesprochen, der mit großer Wirkung Geld herbeizaubere. Dieser unermüdliche Einsatz forderte frei-


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