Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 52 / 494

 

nur für den Eigenverbrauch und nicht für den Markt produzieren konnte; weniger litten indes die schon recht zahlreichen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe, bei denen die Männer in den Erzgruben und Eisenwerken arbeiteten und so doch ein bißchen Geld ins Haus brachten.

Die Hauptaufgabe der beiden Kirchen war, die schlimmste Not im Dorf zu lindern. Was jedoch in der gemeinsamen Armenkasse war, reichte bei weitem nicht für Armen des Dorfes, geschweige denn für die Scharen bettelnden Volkes aus den Städten, die vom Armenvogt oft genug mit Gewalt vertrieben werden mußten.

Ab 1730 begannen schließlich gute Jahre mit guten Ernten und auch guten Löhnen. Doch bereits ab 1770 ist eine Umkehrung dieses Trends zu verzeichnen. Wieder brachte eine verhängnisvolle Serie von Mißernten »scharfe Teuerung« und massenhafte Verarmung. Damit wir uns ein Bild machen können: Ein Simmri Korn (15 Liter) kostete sechs Gulden, das sind — bei aller Problematik der Umrechnung — an die 120,— DM. Und Brot war das Grundnahrungsmittel, weil sich die Kartoffel zum damaligen Zeitpunkt noch nicht durchgesetzt hatte.

Angesichts dieser Not und Bedrängung ist es nicht verwunderlich, wenn die Volksfrömmigkeit in allerlei zum Aberglauben tendierenden religiösen Aktionen raschere Tröstung und wirksameren Schutz suchte, als die Amtskirche selbst gewähren konnte.

Dieser Zustand der Not zog sich über die Jahrhundertwende bis in die ersten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein, ungeachtet der gewaltigen politischen Veränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluß und durch das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Als am 10. September 1802 württembergische Soldaten in Ellwangen einmarschierten, hatte das tausendjährige geistliche Fürstentum aufgehört zu bestehen. Nicht innere Gebrechen — die wohlgemeinten und zum Teil vorbildlichen Reformen begannen sich bereits auszuwirken, sondern der Machtwille Napoleons brachte das Ende: Durch die Säkularisation wurden alle geistlichen Herrschaften aufgelöst und ihre Gebiete den Napoleon willfährigen Großen zugeschlagen. Oberkochen nun also ganz württembergisch, Wiedervereinigung!

1817 wurden durch das Edikt König Wilhelms I. alle Feudallasten und die Leibeigenschaft aufgelöst, doch die an ihre Stelle tretende »Neusteuerbarkeit« brachte die Klein- und Mittelbauern in solche Verschuldungen, daß durch die immer zahlreicheren Vergantungen die ohnehin große Not noch verschärft wurde.

Mit Kreuz und Fahnen wurde in diesem Jahr der erste Fruchtwagen der neuen Ernte eingeholt, mit einem großen »Te Deum« dankte man Gott für die gute Ernte, und reichliche Spenden bei der anschließenden Opferung für die Armen ließen auch diese wieder hoffen.


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