Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 47 / 494

 

Doch bei allem Streben nach Abgrenzung hatten beide Obrigkeiten, der Herzog von Württemberg und der Fürstpropst von Ellwangen (um sie nochmals zu nennen), durchaus gemeinsame Interessen hinsichtlich der gebührenden Zucht und Ordnung und des gottesfürchtigen Wandels der Oberkochener Christen. 1562 wurde eine erste gemeinsame Dorfordnung erlassen, der dann — offensichtlich wegen allzu geringer Wirksamkeit — schon 1578 eine noch schärfere und umfassendere folgte. Bei Josef Balle findet sich eine Beschreibung ihrer Verkündigung am 13. Mai 1578:

Unter der Linde war ein Podium aufgestellt, auf dem sich ellwängischerseits Jakob von Dannenberg, der Vogt der Kocherburg, und der Königsbronner Klostervogt Christoff Rottmann niedergelassen hatten. Amtsschreiber war Veit Mühlich, der Pfarrer von Unterkochen. Die ringsum versammelte Oberkochener Bevölkerung wurde feierlich auf die 48 Artikel verpflichtet: Dem Amtmann waren anzuzeigen Fluchen, Gotteslästern, Verfehlungen der Dienstboten, aller Frevel und Verstoß gegen die Friedenspflicht, weiter Steuerhinterziehung, Ehebruch und andere sittliche Verfehlungen; zu fangen und abzuliefern waren Falschmünzer, Marksteinversetzer und solche, bei denen Maß und Gewicht nicht stimmten; untersagt wurden nun Kunkelstuben, Tanz und Glücksspiel. Die Wirte erfuhren besonders strenge Auflagen, durfte nun doch nach neun Uhr kein Wein mehr ausgeschenkt werden und mußten, man stellt sich das vor, nicht nur die Verkaufspreise, sondern auch die Einkaufspreise dem Schultheißen angezeigt werden. Anempfohlen wurde Vorsicht gegen Fremde, aber auch eine christliche Behandlung von Heimatlosen und Kranken, »damit sie nicht wie das Vieh zugrunde gehen«. Außerdem wurden »Vierleute« gewählt, Vertrauensleute, deren Hauptaufgabe aber offenbar in der Einziehung der Zinsen bestand.

Da hatten die Oberkochener einer Fülle bürgerlicher, sozialer und religiöser Anforderungen gerecht zu werden, die freilich wieder die enge Verflechtung von weltlicher und geistiger Obrigkeit anzeigen. Und es ist schon erstaunlich, daß trotz der enormen Disziplinierungsgewalt einerseits der Obrigkeit durch Androhung (und Vollstreckung) wahrlich drakonischer Strafen, und anderseits der Kirche durch die massive Drohung mit dem höllischen Feuer immer wieder solche »Ordnungen« notwendig waren, daß die Menschen sich durch sie offenbar kaum veränderten und beharrlich im »sündigen« Zustand verblieben.

Mit der Errichtung einer eigenen evangelischen Pfarrei und dem Neubau einer Kirche und eines Schulhauses wurde die Reformation 1583 in Oberkochen abgeschlossen. Im Bau der evangelischen Kirche sah der Fürstpropst freilich einen schweren Verstoß gegen sein Patronatsrecht und strengte dieserhalb einen Prozeß an, der jedoch, wie so viele in jener Zeit, nach langen Jahren im Sande verlief.

Die endgültige Teilung ihres Dorfes wird den Oberkochenern wahrscheinlich erst richtig sinnfällig geworden sein, als am Anfang des 17. Jahrhunderts am


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