Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 456 / 494

 

einem kleinen Fest. In der Mitte des Zimmers wurde ein mit farbigen Tüchern und sonstigem Beiwerk geschmücktes Tännlein aufgestellt. Waren alle Schnitter versammelt, so begann das Essen: Nudelsuppe, Rindfleisch mit Beilagen, Sauerkraut und Schweinefleisch. Dampfnudeln und Bier durften nie fehlen. Auch fröhliche Gesänge wurden angestimmt, und wenn die Ernte besonders reichlich war, ließ der Hausvater noch einen Musikanten kommen, der zum Tanz aufspielte. Bis spät in die Nacht hinein dauerte oft dieses Vergnügen. Zuletzt wurden die Schnitter ausbezahlt, und dann ging jeder, nachdem er sich noch ein Taschen- bzw. Kopftuch vom Baume genommen hatte, freudig nach Hause. Der Sichelhenket entsprach die Flegelhenket, zu der der Bauer die Drescher beim Ausdrusch des Eingeheimsten einlud.

b) Austreiben des Viehes auf die Weide. Früher wurde das Vieh auf die Weide getrieben, wo es von Mitte Mai bis Ende Oktober hinein den ganzen Tag über blieb. Selbst bei Nacht wurde manchmal geweidet, allerdings nur das Arbeitsvieh, das dann am Morgen wieder eingetrieben wurde. Die Zeit des Austriebs wurde von den dazu bestellten drei Hirten jeden Morgen durch Blasen bekanntgegeben. Jedem Stück Vieh wurde eine Schelle angehängt. Die Hirten waren meist arme Leute, welche von der Gemeinde im Armenhaus untergebracht wurden, weshalb dasselbe auch manchmal »Hirtenhaus« genannt wurde. Ihre Belohnung richtete sich nach der Stückzahl des ausgetriebenen Viehes. Von Zeit zu Zeit wurden sie von den Eigentümern des Viehes mit einem Geschenk bedacht. Am Pfingstmontag erhielten sie den sog. Pfingsttrunk (Bier und Schnaps). An diesem Tag wurde auch das Vieh besonders ausgezeichnet und mit Kränzen geschmückt zur Weide getrieben. Abends wurde es samt den Hirten von den ledigen Mädchen, welche alle weiße Schürzen trugen, abgeholt und unter Gesang in das Dorf geleitet. Die zwei reichsten Mädchen führten dabei die Hirten am Arm.

c) Kauf und Verkauf. Wurde irgend ein Kauf oder Verkauf abgeschlossen, über den ein gerichtliches Erkenntnis erforderlich war, so fand in der Regel auf Kosten des Käufers bzw. des Verkäufers oder beider Teile ein sog. Leihtrunk statt. An diesem Leihtrunk nahmen außer den beteiligten Parteien auch die beim Abschluß des Kaufvertrages anwesenden Gemeinderatsmitglieder teil.

d) Knecht und Magd. Wer sich als Knecht oder Magd verdingte, erhielt ein »Haftgeld« in Höhe von zwei bis fünf Mark. Wurde aber aus irgend einem Grund der Dienst nicht angetreten, so mußte der doppelte Betrag des erhaltenen Haftgeldes an die Dienstherrschaft zurückerstattet werden.

e) Ausding. Die »Alten« bekamen ihren »Ausding«, der meistens in einem eigenen heizbaren Stübchen bestand. Zuweilen behielten sich die alten Bauern auch noch einige Äcker vor, welche der Sohn unentgeltlich anbauen und einheimsen mußte. In den meisten Fällen hatten die »Jungen« verschiedene Lebensmittel wie Milch, Schmalz, Mehl, Eier, Fleisch usw. an die »Alten« zu


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