Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 451 / 494

 

Sitten und Bräuche

gesammelt von Karl Günter (gest. 1934) und Alfons Mager (gest. 1946)

Durch die Industrialisierung und Bevölkerungsumschichtung vor und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in Oberkochen wurde das alte Brauchtum immer mehr verschüttet und fiel der Vergessenheit anheim. Hauptlehrer Günter hat in den Zwanzigerjahren eine ausführliche Sammlung volkstümlicher Überlieferungen in Oberkochen geschrieben, aus der die nachstehenden Aufzeichnungen aber nur solche Bräuche berücksichtigen, die für Oberkochen typisch sind und andererorts nicht in gleicher Weise gepflegt worden sind.

 

Feste und Feiertage im Jahreslauf

a) Nikolaustag. Am Abend des Nikolaustages (6. Dezember) kommt (vorwiegend in katholischen Häusern) der Nikolaus zu den Kindern. Vermummt in ein weißes Kleid oder einen langen Mantel, aus dem nur der lange weiße Bart hervorschaut, mit einem Sack oder Korb bepackt und einer Rute in der Hand, macht er mit einer Glocke die Kinder auf sein Kommen aufmerksam und bange. — In den letzten Jahren erscheint er auch in Bischofstracht mit einem Bischofsstab. In seiner Begleitung befindet sich dann der dunkel gekleidete Knecht Ruprecht. — Nachdem er vor der Türe nochmals geschellt hat, tritt er ein und sagt: »Ich bin der heilige Nikolaus und bin vom lieben Gott gesandt.« Sodann fordert er die Kinder zum Beten auf und fragt die Eltern, welche Kinder im vergangenen Jahr brav und gehorsam, welche böse und unfolgsam gewesen seien. Die Artigen beschenkt er mit Äpfeln, Nüssen und Kuchen, während die Ungehorsamen und Trägen leichte Rutenstreiche empfangen. Ist der Nikolaus wieder fort, so hört man die Kinder oft rufen: »D'r Nikolaus ist komme und hot mir Äpfel und Nüss' verehrt, und wie er mi hot g'schlaga, han i recht wütich plärrt.« Früher zogen die Kinder am Nikolaustag im Ort herum von Haus zu Haus, wünschten den Leuten Gottes Segen, indem sie denselben zuriefen: »Guts Johr, guts Johr, daß 's Korn gut g'rot bis Johr!« Dafür wurden sie mit Äpfeln, Nüssen und Backwerk beschenkt. Da diese Sitte erwünschte Gelegenheit zum Betteln gab, zogen mit der Zeit auch erwachsene Leute im Dorfe umher.

b) Klopftage. An den dem Weihnachtsfest vorausgehenden drei Donnerstagen warf man früher Erbsen an die Fenster, ohne Zweifel wohl als Warnung


zurück
 
Inhalts-
verzeichnis

weiter

[Home]