Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 44 / 494

 

Wegerechte erforderten engste Kooperation. Zur »Allmende« mag noch erklärend hinzugefügt werden, daß es sich hier um die gemeinsame Nutzung von Wald und Waldweide, Weide, Wasser und Holz handelte, nicht als jeweils persönlicher Besitz, sondern als Nutzungsgerechtsamkeit. Und deshalb auch die drei Kassen in Oberkochen: die ellwängische, die königsbronnische und schließlich noch die gemeinsame für die Rechte aus der Allmendenutzung. Weiter gab es im Dorf auch keine religiöse Freiheit, denn in diesem kollektiven Gefüge des Dorfes vollzog sich auch das religiöse und kirchliche Leben. Angesichts der zahlreichen Fährnisse, denen sich die Menschen hilflos ausgesetzt sahen, bot letztlich nur die Hinwendung zum ewigen und allmächtigen Gott Hoffnung und Schutz. Und Unheil gab es von vielerlei Art. Wir können kaum annehmen, daß unser Dorf verschont blieb von den zahlreichen geistlichen und weltlichen Händeln dieses unruhigen Jahrhunderts, und schon gar nicht von der großen europäischen Pest des Jahres 1348, die ein Drittel der deutschen Bevölkerung dahinraffte. Jede Plünderung, ja schon jede Mißernte brachte das Dorf an den Rand des Hungertodes; und da brauchte es wahrlich nicht viel, denn damals waren die Erträge außerordentlich gering: Vom Hektar erntete man durchschnittlich sechs - sieben dz; Aussaat und Ernte verhielten sich im Endeffekt wie 1:3. Die Bauern atmeten auf, wenn der Hagel das Kornfeld und die Seuchen den Stall verschonten und wenn sie, nachdem alles an Zinsen und Abgaben geleistet war, ihre Familien noch halbwegs satt bekamen. In dieser Bedrängnis war es die Kirche, die die Bitten um himmlichen Schutz und auch die Rechtfertigung vor Gott (angesichts der in drastischer Realität dargestellten und empfundenen Höllenpein das andere Hauptmotiv mittelalterlicher Frömmigkeit) nach Brauch und Sitte organisierte und vor allem die gebührende und gültige Form festsetzte.

Und schließlich gab es auch keine Freiheit nach außen: Da waren zwar die Schultheißen und die Pfarrer in den Dörfern, aber sie konnten keine Führer sein, die in der Lage gewesen wären, Ansprüche der Dorfgemeinschaft gegen die Obrigkeit durchzusetzen, im Grunde konnten sie auch nie die Integrationsfiguren sein, um die sich dörfliches Selbstverständnis entwickelte. Somit ist das weitere Schicksal unserer Pfarrei und der Gemeinde ausschließlich von der Entwicklung der beiden Grundherrschaften abhängig.

Das Kloster Ellwangen erwarb zwar nach und nach die Grundherrschaft über zwei Drittel des Dorfes, doch mehr und mehr zeigten sich im Gefüge des Klosters deutliche Verfallssymptome: Abt und Konvent spalteten sich auf, und schließlich verkam das Kloster zur Versorgungsanstalt für nachgeborene Mitglieder der adeligen Familien in der Umgebung. Freilich beschleunigte auch allerlei Unheil den Niedergang, so die Teuerung von 1430, die Pest der Jahre 1438 und 1439, am meisten jedoch die Brandkatastrophe von 1443, die nur die Klosterkirche verschonte. Von der einstigen religiösen und geistigen Ausstrahlung des Klosters war nichts mehr übrig geblieben. Als alle Reformversu-


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