Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 408 / 494

 

die Stadt bei den in Aussicht stehenden Planungen unter allen Umständen gebührend berücksichtigt werden solle. Ulm sei über Jahrhunderte ein bedeutsamer Handelsplatz gewesen und möchte diese Stellung auch in Württemberg wieder erlangen. Noch im Dezember 1835 konstituierte sich die »Ulmer Eisenbahn-Gesellschaft«. Am 21. Dezember wurde das Direktorium dieser Gesellschaft gewählt. Sekretär wurde Dr. Dietrich Konrad Haßler. In dieser Eigenschaft verfaßte er ein Schreiben an den Rat der Stadt, das vom 26. Dezember datierte.

Für Ulm, »die in ihrem Wohlstand tief gesunkene Stadt«, so meinte Haßler, »sei die Eisenbahnfrage in der Tat eine Lebensfrage. Nur durch einen Eisenbahnanschluß kann Ulm wieder zu seiner früheren Bedeutung gelangen.« Sein engagiertes Eintreten für die Idee führte folgerichtig zu einem Ratsbeschluß, der spontan für den Bahnbau eine Summe von fl. 100 000, gestückelt in 1000 Aktien, aus der Stadtkasse zusicherte. Daran war allerdings eine grundlegende Bedingung geknüpft. Die Bahn sollte grundsätzlich über Plochingen, Göppingen und Geislingen führen. Die Stadt und das Direktorium verstanden es trefflich, die an dieser Route gelegenen Städte und vor allem Oberschwaben für diese Ziele zu interessieren und zu gewinnen. Dieser Umstand war für die weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Sie sollte bei den nun folgenden Auseinandersetzungen immer wieder in die Waagschale geworfen werden. Das Bestreben der Stadt Ulm, die sich hier einig mit dem Rat und der ganzen Bevölkerung wußte, die Bedeutung verflossener Zeiten wieder zu gewinnen, war sogar ausschlaggebend für die zukünftige württembergische Verkehrspolitik. In Stuttgart wurden die Aktivitäten mit Aufmerksamkeit verfolgt und auch, was Anfangs- und Endpunkt betraf, unterstützt, galt es doch in erster Linie auch, die vielen immer noch offenen Ressentiments gegen Württemberg seit der Besitzergreifung im Jahre 1810 abzubauen oder mindestens zu mildern. Unabhängig davon hatte sich in Stuttgart eine Interessengemeinschaft gebildet, deren Ziel zunächst ein Bahnbau von Stuttgart an den Neckar nach Berg und anschließend nach Cannstatt war. Von diesem ursprünglichen mehr lokalen Vorhaben verfolgte dieser Kreis dann ein weitgespanntes Projekt. »Es sollte eine Eisenbahn durch Württemberg, von Heilbronn über Stuttgart nach Ulm und Friedrichshafen gebaut werden. Damit stimmte man, was die Endpunkte einer zu erbauenden Bahn betraf, mit den Vorstellungen überein, die eine in Ulm gegründete Gesellschaft entwickelt hatte. Über die Streckenführung gingen die Meinungen allerdings auseinander. Präferierten die Stuttgarter den Bau durch das Rems- und Brenztal, so wünschten die Ulmer eine Bahn in Neckar- und Fils-Tal mit der besondere bautechnische Schwierigkeiten bereitenden Albüberquerung bei Geislingen.«

Um diesen Streitpunkt eingehend zu besprechen und bei den gemeinsamen Zielen, der Eisenbahn etwas näher zu kommen, kam es nach vorangegange-


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