Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 377 / 494

 

Hauses bis ihm die Arbeit mit den Raupen doch über den Kopf wuchs. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der OLLO (Ähnle) lange Zeit ein im Ort wohlbekannter Mopedfahrer mit einem herrlichen fliegenden weißen Vollbart. Im Langenburger Automuseum steht der englische Autoveteran von damals.

16.) Dem GRUPPA ÄHNLE, vor 150 Jahren geboren, mußte mit 28 Jahren ein Bein amputiert werden: Männer aus der Nachbarschaft wurden herbeigebeten, den kranken Mann auf dem Stubentisch daheim festzuhalten derweil der Doktor ohne Narkose (es gab sie eben nicht) am Oberschenkel den Fuß abschnitt und absägte. Ein massiver Hartholzfuß begleitete den Bauersmann fürderhin durchs Leben. Maria erzählt, daß sie als Kinder auch Fronleichnamsprozession gespielt hätten, indem sie Ähnles Holzfuß klauten und feierlich singend im Hofe vor dem Hause hoch erhoben herumtrugen. Im 82. Jahr wurde der Ähnle beim Grasabladen im Stadel in einen Zeh des gesunden Fußes gestochen; er bekam Blutvergiftung, er starb daran.

17.) Mein Vater, der GRUPPA FRANZ (1863-1925). Fortschrittlich war der Vater schon. 1904 haben italienische Maurer (Gastarbeiter!) im Viehstall eine Hurtisbetondecke eingebaut und Luggenlohbrunnenwasser ins Haus geleitet. 1916 kam der elektrische Motor in den Stadel. Futterschneiden, Rübenmahlen, Holzsägen, Dreschen wurden hiermit motorisiert. Eine Mähmaschine rationalisierte die vielen Sensenmänner (Schnitter) weg. Doch die 15 groß werdenden Kinder brauchten neben der Nahrung, die der zehn ha Hof gerade gab, auch Kleidung, bares Geld war rar! So entschloß sich der sangesfreudige Mann, Komiker, Unterhalter, Entertainer bei Vereinsveranstaltungen zu machen. Von Wasseralfingen bis Giengen hinauf hatte er seine Komikerabende, er sang seine einstudierten Lieder im Notenfrack, Notenhut, im Bauernhemd mit Zipfelmütze, brachte Spaß und Freude unters Volk; Hermann Spranz begleitete auf dem Klavier. Und so brachte der Vater in der so armen Nachkriegszeit doch etliche Märkle zu seinen Kindern heim, die mit freudigem Eifer dies Geld nachbeigten. Mutter erzählte, wie Vater 100 Reisigwellen mit dem Kuhgespann nach Aalen führte, nach dem Verkauf sich im »FUCHS« labte und stärkte — die Viecher bekamen ein Büschele Heu vor die Füße — bis er heimfahren wollte, war das Gespann weg! Die Kühe waren mit dem leeren Leiterwagen ohne irgendwo anzustoßen bis vor die Stalltüre zehn km weit heimmarschiert. Ein ander Mal kam Vater in den Wald gefahren zum Laub holen. Mutter hatte im voraus schon draußen Laubhaufen zusammengerecht. »ja Franz, wo hast denn deine Laubschild, deine Laubprügel???« Unterwegs im bergauf waren diese wichtigen Laubwagenutensilien vom Wagen gelottert. Franz hatte dies nicht bemerkt, er hatte unterwegs geschlafen, denn er hatte noch während des Zwölf-Uhr-Läutens mit dem Freund Schellmann in der Schelle einen Krug Bier ausgetrunken.


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