Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 376 / 494

 

13.) Dem Schuhmacherspaul sein Opa hieß WEBER: Neben der Schuhmacherei betrieb er Fischerei und Forellenzucht, bis hin zum Kocherursprung. Dort hatte er die Fischkästen und Reußen im Quellwasser liegen. Seine Kinder mußten zur Winterszeit, so der Frost es zuließ, in den Zuchtkästen die winzigen Fischlein sortieren — das gab kalte Hände bis in die Füße hinab! Doch der Forellenfang hatte eine gute Seite. Opa Weber hatte gute Kundschaft in hohen Ellwanger Beamtenfamilien. So bekam er nebenbei einen richtigen vornehmen Gehrock (Gasthintere). Diesen hatte Weber viele Jahre lang beim täglichen Kirchgang und auch bei vielerlei Gelegenheiten angezogen. Sogar am königlichen Hof in Stuttgart waren seine Kocherforellen geschätzt (königlicher Hoflieferant). Er wurde auch mal nach Stuttgart eingeladen und bekam einen Verdienstorden. So war Opa Weber einer der best angezogenen Männer Oberkochens gewesen.

14.) 1881 war der Schmiedjörgles Karl auf diese Welt gekommen. Bald nach 1900 absolvierte er in Ellwangen die Ackerbauschule. Eine grüne Uniform mit Hut trugen stolz diese Schüler. Als »gstudierter Bauer« kam der Schmiedjörgle auf den elterlichen Hof zurück (jetzt Kreissparkasse). Er wußte nun sein Gelerntes gut anzuwenden. Sein Rat war gut vier Jahrzehnte lang gefragt, gerne in Anspruch genommen, sei es, daß ein Stück Vieh am Auflaufen war (Trokar in den Pansen!) oder hatte eine Kuh eine kleine Rübe geschluckt, die im Schlund steckenblieb (Schlundrohr!) oder auch allgemein, die Bebauung der Felder betreffend. Die Schnupftabaksdus begleitete den seine Meinung stets hartnäckig verteidigenden Bauern in der Ortsmitte bis ins hohe Alter.

15.) Drei Jahre später ist der Schmiedjörgles-Paul geboren. Es gibt ein altes Foto, worauf er als Fahnenträger des Gesellenvereins auf den Stufen des Kölner Domes steht (1906). Um 1908 ging er nach England, nach London, richtete sich eine Autoreparaturwerkstatt ein, reparierte insbesonders die Autos der Londoner Polizei, gab auch Fahrunterricht. Sein prominentester Fahrschüler war der Vater der englischen Königin. Um 1925 hatte der Engländers Paul einen Reisigschlag auf der Heide droben. Noch war er krank geschrieben, doch schon so weit gesundet, daß es ihn in den Schlag hinauftrieb. Plötzlich hört er von der Spranzenmühle herauf Motorradgeknatter. Oh herrjeh, dös ischt ja dr Krankakontrolleur!

Saust heim; mitsamt den Kleidern schmeißt er sich ins Bett, zieht die Decke zum Hals, schnauft wie ein Kranker und schon ist der Kontrolleur im Zimmer, hat Bedauern wegen der harten Schnauferei und wünscht gute Besserung — die Stiefelspitzen unten im Bett hat er gottlob nicht gesehen! 1928 baute der Engländer weit hinten im Feld des Dreißentals sein Wohnhaus (Sperberstr. 17), trieb etliche Jahre mit Erfolg Seidenraupenzucht im Untergeschoß seines


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