Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 375 / 494

 

8.) Der POLIZEIDIENER (Gold) schellte 1914 in Oberkochen die Mobilmachung aus. Bei der Öschprozession, beim jährlichen Bittgang am Markustag nach Unterkochen, bei der Fronleichnamsprozession führte er die Spitze in Festuniform mit umgeschnalltem Säbel und dem Helm auf dem Kopf an. Er war eine stattliche, beleibte, schnurrbartbewehrte, würdige Amtsperson.

9.) Der PETER PAUL war Kirchenordner. Bei der Prozession zum Balles-Kreuz drohte über den Lindenfirst ein Gewitter hereinzubrechen. Wolkenschwärze, Blitz und Donner wirkten auf die Kreuz und Fahnen vorantragenden Ministranten und Kinder. Während die Erwachsenen am Kreuz noch zum Stationsgebet versammelt blieben, marschierten Kreuz, Fahnen und die Kinderschar flott dorfwärts — die Prozession drohte auseinanderzubrechen. Da jammerte der brave Ordner: Sapperament , sapperament, iatz gangat dia mit'm Kreuz zom Teifl!

10.) SAPPER, Landwirt und Schmied, war damals ein angesehener Gemeinderat; seine Meinung war geschätzt. Bei einer Gemeinderatssitzung war einer der Herren eingenickt. Über den behandelten Tagesordnungspunkt mußte abgestimmt werden. Der Eingenickte wachte jäh auf, wurde unmittelbar um sein Votum befragt. »I stimm wie Sapper!« war sein Bescheid. Dieser kluge Spruch lebte in Oberkochen bei passender Veranlassung noch viele Jahre fort.

11.) Der STOI-HANS wohnte im Katzenbach. Sein Broterwerb war das Steineklopfen. Längs des ganzen Tiefentalsträßles wurden in Zeitabständen vom Gäul-Bauer Gentner Kalkbruchsteine auf die Schotterplätze angefahren und etwa als Meterwürfel schön aufgeschichtet. Dann kam der Stoi-Hans mit Schlägel und Hammer und einem alten Polstersack zum Draufsitzen und hieb das ganze Zeug klein. So saß er viele Stunden klopfend auf dem langsam wachsenden Schotterhaufen und, wenn es endlich Feierabend war, ging er mit steifen Beinen heimwärts. Gerade die steife Gangart beeindruckte die Bauernkinder. STOI-HANS!

12.) Den SPETHEN-KARL weiß ich noch, wie er im Kies draußen auf seinem Hofe (Heidenheimerstr. 78) mit einer Spannsäge auf dem Sägbock Schlagholz kleinsägte. Ein langer weißer Vollbart markierte den alten Oberkochener Kleinlandwirt, ein blauer Schurz hob den Bauch zusammen und der alte vergilbte Strohhut schützte den kräftigen Kopf. Meine Schwester Ida erzählt, daß man bei der Feldarbeit im Tiefental oder im Langert oder im Gunderstal so manches Mal den Spethenkarl aus seinem Reisigschlag im drober stehenden Wald laut kräftig singen hörte. Das Lied vom Hohenzollern war seine Liebe. Und so läßt unsere Ida heute noch bei guter Laune zur Freude aller Mithörer den Spethenkarl herein.


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