Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 373 / 494

 

Willibald Grupp

Oberkochener Originale

Original ist ja jeder Mensch. Dieser braucht aus der Gemeinschaft nicht unbedingt herauszuragen. Der Leser wolle mir Ungenauigkeiten da oder dort nachsehen.

1.) Im Schweizer Hof (Katzenbachstr. 3) wohnte der CHINA-MAX, ein stattlicher schnurrbärtiger Mann. Er war 1900 mit bei dem Expeditionskorps in China, das den dortigen Boxeraufstand — Ermordung des deutschen Gesandten — mit deutschen Fäusten niederschlug. Eine grüne Uniform mit einem großrandigen Schlapphut beeindruckte die Oberkochener, die großenteils von der großen Welt bestenfalls vom Schulunterricht her und da und dort aus der Zeitung etwas erfuhren. Übrigens: Sein Sohn Eugen, Fußballtorjäger beim TVO nach dem Zweiten Weltkrieg, war der »CHINA«; er verstand es, im Streitfalle sehr gut, boxend sich zu verteidigen.

2.) Vor etwa 60 Jahren lebte in dem mühlbergeleabwärts angebauten Gebäudeteil des Hohentwiel — HANS. Er war ein alter hagerer schon etwas gebrechlicher Mann mit einer dünnen Stimme. Wir Kinder kannten seinen bürgerlichen Namen nicht einmal. Eines Tages kamen zwei Dorfbuben, der Ludwig und der Hans, auf die große Idee, den Mann in seine burgartige Behausung (knarrende niedere Eingangstür, enge steile Stiege, winzige Fenster) einzusperren. Sie hatten bald einen passenden Prügel zur Hand, klemmten diesen unter die Türschnalle, gingen auf Sicherheitsabstand und hörten sich alsbald genußvoll das Zetern und Jammern und Schimpfen des Alten an. Dia Lausbuaba!

3.) Der MICHEL war ein Kleinstbauer im Brunkel drunten. Fabrikarbeit half ihm durchs Leben zu kommen. Eines Sommers Abend schlenderten etliche junge Oberkochener an Michels Minibauernhaus vorbei, schauten zur offenen Stalltür rein, und was sahen sie? Der brave Michel mühte sich beim Melken, das garnicht klappen wollte. Wahrscheinlich hatte er am warmen Abend sich ein gutes Bier genehmigt; er saß an der Rückseite der Kuh auf dem Melkschemel, versuchte so von hinten herein zwischen den Kuhfüßen die Euterstriche zu fassen, was ungemein schwierig — jedoch den paar Zuschauern ein Heidenspaß war.


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