Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 32 / 494

 

Am 19. März 1980 sorgte der Zufall für eine weitere sensationelle Aufhellung der Oberkochener Ortsgeschichte: Im 14 km entfernten Hüttlingen hatten Erwachsene beobachtet, wie Kinder mit einem Totenschädel spielten.

Die umgehend verständigte Polizei argwöhnte, unterstützt von einem zu Rate gezogenen Zahnarzt, den der hervorragende Gebißzustand des Schädels auf die falsche Spur gebracht hatte, ein Verbrechen und fand bald heraus, daß der Schädel aus dem Erdaushub einer Oberkochener Baugrube stammte. Bis hierher könnte der Bericht, der durch die Tagespresse ging, beinahe im Sagenteil dieses Buchs untergebracht werden.

Noch während des Vormittagsunterrichts wurde der Verfasser über den Vorfall verständigt und stellte in den Wänden der bereits völlig ausgehobenen Baugrube des Hauses Stelzenmüller, Frühlingstrasse 3, vom Bagger in unterschiedlichen Tiefen angeschnittene Skelette fest. Kreisarchivar Hildebrand folgte seinem Hilferuf umgehend, und während sich ein Grabungsteam vom Stuttgarter LDA auf den Weg nach Oberkochen machte, hatten die beiden, die zwecks weiterer Spurensicherungen umgehend nach Hüttlingen geeilt waren, aus dem dorthin verbrachten Oberkochener Aushub noch einen »sax« (Kurzschwert) geborgen. Die Baugrube mußte nach den Feststellungen des Kreisarchivars mitten in einem alamannischen Gräberfeld des 6./7. nachchristlichen Jahrhunderts liegen.

Unter dem unermüdlichen Einsatz von Dr. Ingo Stork ließ das LDA Stuttgart nun eine mehr als sechswöchige Notgrabung durchführen, während der das gesamte Grundstück systematisch untersucht wurde. Allein auf diesem begrenzten Ausschnitt des Oberkochener Gräberfeldes, das sich, wie später gezeigt wird, bis zum Hasengässle erstreckt, wurden 94 Gräber entdeckt und untersucht, was zusammen mit den durch den Bagger zerstörten Gräbern eine Zahl von ca. 130 Bestattungen auf diesem durchschnittlich großen Baugrundstück ergibt. (Sinnigerweise war ein Teil des Baugrubenaushubs auch zum Auffüllen des zum damaligen Zeitpunkt gerade erweiterten städtischen Friedhofs verwendet worden, — d.h., eine Reihe von »Altvorderen« sind, ohne daß jemand davon wußte, quasi »umgebettet« worden.) Auch diese Tatsache liest sich wie die Geschichten im Sagenteil unseres Heimatbuchs.

Besonders markant unter den 413 Einzelfunden dieser Notgrabung sind: Zwei vorzüglich erhaltene bronzene Gürtelschnallen, tauschierte, versilberte Riemenzungen, ein silbernes Schuhschnallenpaar mit erhaltenen Lederteilen, viele Messer, »sax-« und »spatha«-Schwerter (spatha = Langschwert), Wehrgehängegarnituren, Lanzenspitzen, Ohrringe mit farbigen Perlen, Haarnadeln, Knochenkämme, — einer im Etui, — Spinnwirtel, ein Amulett, zwei römische Münzen, zwei keramische doppelkonische Gefäße als Grabbeigaben wie alles bisher Aufgezählte, und eine phantastische Vielfalt von Perlenketten aus den verschiedensten Materialien, — von einfachen Keramikperlen über zahllose einfache Glasperlen bis hin zu vergoldeten Glasperlen, Perlen


zurück
 
Inhalts-
verzeichnis

weiter

[Home]