Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 319 / 494

 

Einige andere gewerbemäßige Nutzungen kamen dazu, weil die Oberkochener gelegentlich Holz weiterverkauften, so die Köhlerei, die die Eisenschmelzen der Umgebung, aber auch die Unterkochener Glashütte mit Holzkohle versorgte, und die Aschenbrennerei, die Pottasche aus Holz ebenfalls für die Glasherstellung erzeugte.

Ursprünglich durfte jeder, der in Oberkochen »eigenen Rauch« hatte, also einen Hof besaß, an den Waldnutzungen in gleichem Maße teilhaben. Diese Gemeindemänner bildeten auch die Gemeindeversammlung, die diese Nutzungen näher regelte.

Da sich die Bevölkerungszahl des mittelalterlichen Dorfes nur wenig veränderte, bestand zunächst kein Bedarf, die Nutzungsrechte zu beschränken. Ein Wandel dieser Verhältnisse stellte sich in Ostwürttemberg im 16. Jahrhundert ein, als die Eisenindustrie zu einer ersten Blütezeit kam. Diese benötigte in großen Mengen Holz zur Holzkohleerzeugung. Holz wurde in Ostwürttemberg zur knappen und damit gut bezahlten Ware.

Zum anderen führte der Bevölkerungsanstieg im Gefolge dieser Industrialisierung zu einer immer stärkeren Belastung der dörflichen Versorgungsquellen, deren wichtigste neben der Landwirtschaft der Wald war.

Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß aus diesen zwei Gründen — Erhaltung einer zusätzlichen Einkommensquelle und (vermutlich noch wichtiger) Schonung der dörflichen Ressourcen — im 16. Jahrhundert in Oberkochen, aber auch in vielen anderen Gemeinden Ostwürttembergs, die Nutzungsrechte an den Gemeinschaftswäldern in der Form beschränkt wurden, daß nur die Besitzer der damals im Ort vorhandenen Höfe fortan ein solches Recht genießen sollten. Da damit das Nutzungsrecht an bestimmte Liegenschaften (Realien) gebunden worden war, war die Realgemeinde entstanden, die von den jeweiligen Hausbesitzern gebildet wurde. In Oberkochen waren es allem Anschein nach bei der Begrenzung 89 Häuser, von denen jedes mit einem ganzen Nutzungsrecht, oder wie man hier sagte, einem Gemeinderecht oder einer Gemeindegerechtigkeit, ausgestattet wurde.

Wer von nun an nach Oberkochen zuzog, konnte zwar, wenn er ein ausreichendes Vermögen besaß, ins Oberkochener Bürgerrecht aufgenommen werden. Damit war er in der Gemeindeversammlung stimmberechtigt. In den Besitz eines Gemeinderechts konnte er jedoch erst durch den Erwerb eines der berechtigten Häuser gelangen, sei es durch Kauf, Einheirat, Erbschaft oder Beleihung durch die Dorfherrschaften.

Dennoch gab es bis weit ins 18. Jhdt. hinein kaum Bürger, die kein Gemeinderecht besaßen.

Der erste, von dem bekannt ist, daß er deshalb an den Allmendnutzungen nicht in vollem Umfang teilnehmen durfte, ist Oberkochens erster evangelischer Pfarrer Ulrich Nicolai, der sich 1587 bei seiner württembergischen Regierung beschwerte, daß ihm die Gemeindegerechtigkeit vorenthalten


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