Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 226 / 494

 

Anhänglichkeit zur Gemeinde« die ihm angebotene Stelle als Zirkusdirektor aus. Im März desselben Jahres wurde unter der Rubrik »Fremdenverkehr« mit Stolz vermerkt, daß unter den 92 Übernachtungen nicht weniger als fünf von Ausländern stammten. Ach ja, in der Dreißentalstraße mußte wegen Raserei eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 km/h ausgesprochen werden. Zum Jahreswechsel nahm das »Klauen des Christbaumes« wieder überhand. Wie sich doch die Zeiten gleichen ... Da der Inhalt der Abortgruben häufig kurzerhand in die Kanalisation entleert wurde, drohte der Bürgermeister höchstpersönlich »genaue Überwachung auch zur Nachtzeit und zu früher Morgenstunde« an.

Als der Gemeinderat 1957 endlich »Auslandsluft« schnuppern konnte (Besuch in der Schweiz bei der Appenzeller Landsgemeinde), wurde der aufmerksamen Bürgerschaft offiziell mitgeteilt, alle Kosten seien »aus dem eigenen Beutel« bezahlt worden. Überhaupt herrschte damals offensichtlich eine hohe Zahlungsmoral: drei übermütige junge Burschen, die zwei Lampen zertrümmert hatten, überwiesen sogleich von sich aus 30 DM an die Gemeindepflege. Weil 1959 »gewisse liebe Mitbürger« die Mär hörten, die Beamten hätten eine Weihnachtsgratifikation erhalten, wurde dies postwendend mit dem Kommentar: »Wie werden sich jetzt unsere verhinderten Neidhammel freuen!« als irrig korrigiert — erneut ein vergnüglicher Beweis, wie volksnah Demokratie sein kann.

Man sah sich damals im »Wirtschaftswunderland« und offensichtlich in besonderem Maße auch in Oberkochen indes vor ähnliche Sorgen wie heute gestellt: zum 1. Mai 1961 formulierte Fritz Fröhlich im Amtsblatt die bange Frage, ob angesichts der Tatsache, daß nur 60% der erwachsenen Bevölkerung Bücher lesen würden (wieviele sind es heute?), nicht doch wenigstens »die Spur eines Zusammenhangs zwischen dieser Tatsache und der Modekrankheit unserer modernen Gesellschaft, der permanenten Langeweile, besteht?«

Schon damals wurde alles schneller, moderner, hektischer: im Jahr darauf wurde der bisher von vier bis sechs Pferden gezogene Bahnschlitten durch ein Motorfahrzeug ersetzt (und gleichzeitig ein Stück Romantik aufgegeben). Doch mit der Einführung der staubfreien Müllabfuhr, der Eröffnung des weit und breit modernsten Hallenbades sowie der Einweihung eines später zur Vollanstalt ausgebauten Progymnasiums wurden keineswegs selbstverständliche Schritte in die Zukunft getan.

Das gilt vor allem auch für den Ausbau des Straßennetzes: nach mehr als zwei Jahrzehnten häufig geänderter Planung konnte die Umgehungsstraße Oberkochens (die heutige B 19) im Dezember 1959 endlich dem Verkehr übergeben werden. Als im Jahre 1967 die Gefahr bestand, daß die Trassierung der Bundesautobahn A 7 (Würzburg — Ulm) weiter von Aalen und Heidenheim entfernt, als geplant, verlaufen sollte, protestierte die Planungsgemeinschaft Württemberg-Ost von Oberkochen aus mit Nachdruck und mit Erfolg gegen


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