Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 225 / 494

 

Schritt in diese Richtung getan: die Gemeinde sollte am Eugen-Bolz-Platz ein neues Rathaus erhalten.

Die Einwohnerzahl betrug rd. 8000, im Vergleich zu 1939 hatte sie um 300% zugenommen. Wo gab es etwas Vergleichbares zumindest außerhalb des Ballungsraumes Stuttgart?

Nicht zuletzt, um Überschneidungen mit anderen Beiträgen zu vermeiden, sollen an dieser Stelle die Betrachtungen und Zahlenangaben über Einwohnerstand und Wirtschaftskraft Oberkochens abgebrochen werden. Stattdessen können einige — auf den ersten Blick unwichtige — Streiflichter aus den letzten Jahrzehnten, die möglicherweise mehr als bloße Fakten die Entwicklung hin zur Stadterhebung 1968 erhellen, die damalige Grundstimmung veranschaulichen. Als Ausgangspunkt dienen die ersten Ausgaben des Amtsblattes vor knapp vier Jahrzehnten.

Neun Vorstellungen allein zwischen Freitag und Sonntag — und das Woche für Woche: welch herrliche Kinozeiten waren das doch noch anno 1953! Der »Aufruhr in Marokko — ein spannungsreicher Nordafrika-Film« lief jeweils um 22.15 Uhr, merkwürdigerweise gleichzeitig aber auch als Jugendsondervorstellung am Sonntag um 13 Uhr. »Schneewittchen und die sieben Zwerge« fanden über Ostern großen Zuspruch, aber auch die »erotisch-lüsterne und die fraulich-mütterliche Eva aus Schweden« begegnete »einem Jüngling auf seinem Weg ins Leben« — selbstverständlich waren Jugendliche bei diesem Film nicht zugelassen. Ein wichtiges Problem: nicht nur in der Dreißentalstraße, wo sich das Kino befand, sondern vor allem im eigentlichen Ortskern sollten »der Hofraum, die Güllenfässer und Dungkarren zum Sonntag hin sauber aufgeräumt werden«. Weiterhin lamentierte man über den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalt beim Bahnhof sowie über leere Zuhörerplätze bei den Gemeinderatssitzungen, über nächtlichen Unfug am Lindenbrunnen, rücksichtslose Motorrad- und Radfahrer. Von Amts wegen wurde darauf hingewiesen, daß die »Abgabe von geistigen Getränken an Betrunkene« verboten sei. Und der Sportverein jammerte über »unerwünschte Zaungäste auf der (alten) Bundesstraße oder dem Grasrain zwischen Straße und Bahnkörper«. Ob der laufend gesuchte Tulpendieb dann doch noch erwischt worden ist, ist nicht bekannt.

Zunächst vereinzelt, dann recht häufig wurde aber auch die »große weite Welt« in Oberkochen sichtbar: zwar gaben sich Bundespräsidenten (neben Theodor Heuss war 1981 auch Carl Carstens hier) oder Bundeskanzler (Professor Ludwig Erhard) nicht gerade am Kocherursprung die Türklinke in die Hand; aber wer kennt all die Namen der vielen Minister, Botschafter, Gelehrten, Künstler und Sportler, die seitdem Oberkochen besucht haben?

Auch der Humor kam nach langen Jahren, in denen es wirklich nichts zu lachen gegeben hatte, endlich wieder zu seinem Recht: Gustav Bosch konnte an den tollen Tagen des Jahres 1954 den Narren versichern, er schlage »aus


zurück
 
Inhalts-
verzeichnis

weiter

[Home]