Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 224 / 494

 

Herbst 1949 gar keinen Zweifel daran, daß Oberkochens »Klugheit, Weitsicht und Einsicht in diesem Tal der Arbeit einen bedeutenden Beitrag für unsere ganze Volkswirtschaft leisten« würden. Überregionale Aufmerksamkeit zog Oberkochen am 1.5.1954 auf sich, als Bundespräsident Professor Heuss in die Gemeinde kam (aus der Rückschau zusammen mit der Stadterhebung am 29.6.1968 wohl der strahlendste Tag der Nachkriegszeit). Er hob dabei u.a. hervor, die Verpflanzung der Carl-Zeiss-Stiftung aus Jena sei voll und ganz gelungen; es sei den Zeiss-Leuten gut bekommen, nun hier im Lande der Schwaben zu arbeiten. Ausführlich ging das Staatsoberhaupt dann auf die damals heftig umstrittene Frage der Einführung der Fünf-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Nur wenige Monate danach kamen die 3000 Werksangehörigen als erste in der gesamten feinmechanisch-optischen Industrie in den Genuß dieses »sozialpolitischen Ereignisses ersten Ranges«.

Oberkochen war damals in der Tat seinen Nachbarn um einiges voraus. Mit Schmunzeln liest man heute nach, Ende 1955 seien »die märchenhaftesten und schrecklichsten Vorstellungen von Millionengeschenken der Firma Zeiss, die mit der Entfernung der Redaktionen vom Nachrichtenort zu steigen schienen«, durch den Blätterwald gegeistert. Ein benachbarter Bürgermeister habe sich bei seinem Kollegen Bosch vergewissern wollen, »daß hier jetzt nur noch die Millionen gezählt würden«. Das »böse Oberkochen wolle den umliegenden Arbeiterwohngemeinden nun auch noch die Pendler wegziehen«. Diese heiter ironisierenden Bemerkungen stammen von dem früheren Gemeinderat Hans Schmid, der als kritischer Beobachter das Niveau von »Bürger und Gemeinde« von Anfang an weit über das vergleichbarer Amtsblätter hinausgehoben hat. Übrigens war die Sorge der Nachbarn nicht völlig unbegründet: zum Jahresende 1955 zählte Oberkochen bei 6120 Einwohnern 6089 Arbeitsplätze; 3732 oder 61% der Beschäftigten waren Einpendler.

1959 wandte sich eine süddeutsche Universitätsstadt in einem Amtshilfeersuchen an die Stadt Aalen. Die Anschrift »An die Stadt Aalen, Kreis Oberkochen/Württemberg« registrierte man am Kocherursprung mit Vergnügen. Und als schließlich im Herbst 1964 beim Finanzamt Aalen ein neuer Vorsteher eingeführt wurde, meinte der damalige Finanzminister Müller, eigentlich müsse man ja das Finanzamt aus Aalen nach Oberkochen legen. Drei Jahre zuvor waren auf einen Schlag gleich 210 Kandidaten des gehobenen Verwaltungsdienstes anläßlich eines Planspieles der Verwaltungsschule Stuttgart unter dem Leitwort »Oberkochen wächst weiter« hier eingefallen, um an Ort und Stelle hinter die angeblichen Geheimnisse des rasanten Aufschwunges Oberkochens zu kommen.

Nicht nur an Stammtischen tauchte schon damals die Idee von einer »Stadt« Oberkochen auf. Fast am selben Tag wie diese »Beamteninvasion« hat der Gemeinderat mit 15:1 Stimmen bei einer Enthaltung einen entscheidenden


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