Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 222 / 494

 

wohnern) noch 73 Notwohnungen gezählt; nach dem Stand v. 1.3.1953 waren in einer Vormerkliste für Wohnungssuchende rd. 600 Personen verzeichnet, 280 Personen wohnten in sogen. Elendsquartieren. Die Massenflucht aus der »Ostzone« überrollte gleichsam den Ort; andererseits bot »die bodenständige Industrie und die Firma Zeiss-Opton Arbeitsplätze, Anlern- und Aufstiegsmöglichkeiten, um die uns viele Schicksalsgefährten in anderen Teilen der Bundesrepublik beneiden« (so der damalige Gemeinderat Josef Menzl, dessen nüchterne Analyse der Rückkehrchancen in die frühere Heimat auch heute noch beeindruckt, im April 1953). Ebenfalls 1954/55 stand die Erfassung der Elendsquartiere (»weniger als vier qm je Person, keine Küche oder Kochnische bei Zweipersonenhaushalt«) immer wieder zur Beratung an. Nach Gustav Boschs Beobachtungen hatten »viele Vermieter ihre Häuser vom Keller bis zur Bühne mit Menschen vollgestopft«, widerwärtige Streitigkeiten in den überbelegten Häusern waren an der Tagesordnung. Die schließlich zum 1.7.1962 von außen her verfügte Aufhebung der Wohnraumbewirtschaftung kam zumindest für Oberkochen zu früh. 1956 waren seit der Währungsreform (1948) 930 Wohnungen bezugsfertig erstellt worden; nur vier Jahre später waren es bereits 1487, davon allein 336 im Jahre 1957. Über 2061 (1967) und 2539 (1974) ging es in verlangsamtem Tempo weiter. 1992 schließlich waren seit 1948 rd. 3 400 Wohnungen bezugsfertig geworden — eine gewaltige Leistung!

Die trotz aller Schwierigkeiten stürmische Entwicklung Oberkochens nach 1945 vom Dorf zur stattlichen Kleinstadt erregte naturgemäß nicht nur bei den unmittelbaren Nachbarn einiges Aufsehen, wenn nicht gar mit ein bißchen Neid gepaarte Bewunderung. Mit Blick auf die Entwicklung der Einwohnerzahlen, die nicht zu übersehende enorme Bautätigkeit, vor allem aber auch unter Hinweis auf die Schaffung von mehreren tausend Arbeitsplätzen in der ortsansässigen Industrie (deren Entwicklung ist Thema eines anderen Beitrages) war allenthalben zu hören, Oberkochen sei eine wohlhabende, ja reiche Stadt — ein Vorurteil, das bis heute nicht auszurotten ist!

Vorweg ein paar »interne« Beispiele aus jüngerer Zeit, welche diese Meinung vielleicht verständlicher werden lassen:

Bei der Verabschiedung des Haushaltsplanes 1985 stellte ein Stadtrat, was die Finanzlage angeht, fest: »Für Oberkochen besteht noch ein sehr großer Spielraum ... (Es) ist in seiner Größenordnung die gesündeste Stadt in Baden-Württemberg, und dies bei einer intakten Infrastruktur!« Beim Einbringen des Haushaltsplanes 1986 sprach der Stadtkämmerer mit Blick auf die Finanzausgleichsumlage an das Land und den Anteil Oberkochens an der Kreisumlage von dessen Rolle als »Zahlmeister beim Finanzausgleich«. Dabei hat sich inzwischen durch unaufschiebbare Aufgaben vielfältiger Art auch im »reichen« Oberkochen die Verschuldung pro Kopf deutlich erhöht!


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