Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 219 / 494

 

Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß damals über 200 000 Deutsche — darunter auch mehrere Einwohner Oberkochens — auswandern wollten. An der Spitze der Wünsche stand Argentinien vor den USA und Südafrika. Andererseits war die Tatsache, daß sich bereits ab 1948 schnell über 135 Oberkochener dem Heidenheimer Theaterring anschlossen, ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, daß man sich nicht unterkriegen ließ. Immerhin verkehrten zu dieser Zeit werktags zwischen Aalen und Heidenheim schon wieder zehn Personenzüge (Eilzüge oder Verbindungen am Sonntag gab es nicht). Wer allerdings gar nach Ulm wollte, brauchte für 64 km volle zwei Stunden. Ein eigener Pkw war ein unerfüllbarer Wunsch: mit lediglich 2,4 % aller in Württemberg-Baden zugelassenen Kraftfahrzeuge bildete der Kreis Aalen das Schlußlicht.

Doch kehren wir zu der Frage zurück, wie sich das zarte Pflänzchen »Demokratie« unter den wachsamen Augen der amerikanischen Militärbehörden allmählich entfaltete:

Noch im Jahre 1945 war der Aalener Landrat von diesen angewiesen worden, überall für die Gründung von Jugendorganisationen zu sorgen. Rasch bildeten sich auch in Oberkochen einige Jugend- und Sportgruppen, die aber größte Schwierigkeiten hatten, einen geeigneten Übungsplatz für den Sport (wo früher gespielt wurde, wuchs jetzt Gemüse) oder Räume für das Zusammensein zu finden.

Am 27.1.1946 wählten 1284 Stimmberechtigte 12 Gemeinderäte auf zwei Jahre (über die politische Zugehörigkeit der Gewählten ist nichts bekannt). Am 7.12.1947 waren es dann schon — bei einer seitdem nie mehr erreichten Rekordbeteiligung von 88% — 1660 Wahlberechtigte. Dabei konnte die CDU 8 Sitze erringen, die restlichen Mandate fielen an die unabhängige freie Wählervereinigung, an die SPD und an die Wählergemeinschaft für den Neuaufbau. Und gleich danach, am 1.2.1948, wurde — erstmals wieder durch die Bürger — mit Gustav Bosch der Mann gewählt, der in seiner dreißigjährigen Amtszeit zwischen 1948 und 1978 — darüber ist man sich heute wohl über alle Partei- und sonstigen Grenzen hinweg einig — Oberkochen wie kein anderer zu dem geformt hat, was es heute ist.

Noch unter seinen Vorgängern Frank und Eber hatte der Gemeinderat Ende 1946 eine Hauptsatzung beschlossen, war Oberkochen dem Württembergischen Gemeindetag beigetreten. Die Einführung einer Feuerwehrabgabe für sämtliche Männer von 18 bis 45 Jahren, Beratungen über eine geordnete Müllabfuhr, eine umfassende Bau- und Kanalisationsplanung sowie die Befürwortung des Baues einer biologischen Kläranlage waren andere zukunftsweisende Maßnahmen mit dem Ziel einer schrittweisen Normalisierung.

Aber auch noch knapp zwei Jahre nach Kriegsende war »jedes Fastnachtstreiben auf öffentlichen Straßen und Plätzen sowie das Tragen von Gesichtsmasken auch in geschlossenen Räumen« verboten, mußte die Ernte durch Strei-


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