Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 218 / 494

 

Schaffung von Unterkünften: genau das war es, was damals in Oberkochen alle Verantwortlichen vor praktisch unlösbare Aufgaben stellte und manchmal gegen ihren Willen zu harten Maßnahmen zwang. Schon in der 2. Sitzung am 5.7.1945 mußten die Gemeindebeiräte (die ersten Wahlen zum Gemeinderat fanden erst am 27.1.1946 statt) feststellen, daß die Zahl der wohnungssuchenden Personen jeden Tag größer wurde, »da verschiedene Soldaten in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückkehren«. Die an diesem Tage geschaffene Wohnungskommission mußte für Schlafgelegenheit für durchziehende Soldaten im Bergheim sorgen, da die Gaststätten von Dauermietern belegt waren. Die Turnhalle war »voller Unreinlichkeit und Ungeziefer«. Schließlich wurde im Oktober »ein jeder Zuzug, mit Ausnahme der zugewiesenen Flüchtlinge vom Osten« ganz gestoppt. Im Sommer 1946 wurde die Aufnahme von entlassenen nichtansässigen Soldaten auf Dauer abgelehnt; dasselbe galt »für Flüchtlinge aus den neupolnischen Gebieten, die in der englischen und russischen Zone untergebracht werden sollen.« Die Baustoffe waren bewirtschaftet, eine Dringlichkeitsliste sollte einigermaßen Übersicht schaffen. Immerhin war erstaunlicherweise schon ab Frühjahr 1946 eine größere Zahl von Baugesuchen eingegangen.

Die großen Schwierigkeiten, in Oberkochen einen Wohnraum zu finden, mußten auch die im Sommer 1945 zunächst nach Heidenheim übergesiedelten führenden Zeiss-Mitarbeiter aus Jena erkennen, denn es gelang nur unter größten Anstrengungen, allmählich in Oberkochen genügend Wohnraum zu finden.

Im Frühjahr 1947 mußte ein Mehreinschlag im Gemeindewald durchgeführt werden, um Möbel für Neubürger herstellen zu können, »da viele Neubürgerfamilien überhaupt nicht im Besitze eines Schrankes sind.« Wenige Monate später hatte sich das Wohnungsproblem nochmals derart durch erzwungene Neuzugänge und viele Eheschließungen verschärft, daß es im Gemeinderat eine harte Diskussion darüber gab, ob nicht »durch polizeilichen Zwang Umlegungen von Untermietern« erreicht werden sollten. Die Lehrer (der Unterricht hatte am 2.10.1945 wieder begonnen) beklagten sich wiederholt über Störungen im Schulhaus durch einquartierte Mitbewohner, die sich nicht an die Hausordnung hielten.

Der Zustrom hielt an; noch im Frühjahr 1950 mußte allein Nord-Württemberg 8000 Flüchtlingsfamilien aus Schleswig-Holstein aufnehmen. Auch zu diesem Zeitpunkt, als sich andernorts die Verhältnisse zu normalisieren begannen, war es für Oberkochen nur unter größten Schwierigkeiten möglich, mit Hilfe der alteingesessenen Industrie wenigstens zehn Familien ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Welche Störungen des Familienlebens insgesamt, aber auch welche Gefährdungen der Gesundheit das Zusammenpferchen vieler z.T. wildfremder Menschen mit sich brachte, wird aus zahlreichen Einzelbemerkungen der Protokolle aus dieser schlimmen Zeit deutlich.


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