Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 215 / 494

 

Abgesehen von Augenzeugenberichten sind wir, was die ersten Monate und Jahre der Nachkriegszeit angeht, ehe 1948/49 die beiden Aalener Zeitungen erschienen, fast ausschließlich auf die Gemeinderatsprotokolle ab Sommer 1945 angewiesen (die Aufzeichnungen über die Sitzungen während der vorhergehenden Zeit waren verbrannt worden). Aus ihnen ergibt sich folgendes Bild:

Unter Leitung des damals bereits 66jährigen Alt-Schultheißen und früheren Oberkochener Bürgermeisters Richard Frank († 1966), der im Dezember 1933 zwangsweise zur Ruhe gesetzt worden war, traten am 6.6.1945, sechs Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner, acht von Frank berufene »Gemeindebeiräte« zu einer ersten Sitzung zusammen. Es galt dabei, die größte Not zu lindern und den Ausschreitungen und Einbrüchen vor allem von seiten der etwa 1000 bisherigen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in den hiesigen Rüstungsbetrieben entgegenzutreten. Bereits Anfang Juli konnte dann auch die Zahl der unbewaffneten Hilfspolizisten verringert werden, »da sich durch den Abzug der Ausländer die Sicherheitsverhältnisse gebessert haben.«

Andererseits verdient die Herzlichkeit, mit der sich damals zahlreiche französische, belgische und holländische Gefangene von ihren Quartiergebern verabschiedet haben, ausdrückliche Erwähnung. Eine interessante Einzelnotiz v. 7.11.1945 besagt übrigens, daß ein russischer Überwachungsoffizier die Pflege der Gräber von fünf verstorbenen Sowjetrussen auf dem hiesigen evangelischen Friedhof durch die Gemeinde verlangte. Sie sind noch heute in gutem Zustand.

Zumindest für die Zeit bis 1950 tauchen in den Protokollen des Gemeinderates immer wieder dieselben — kaum zu lösenden — Probleme auf: die schon im Juni 1945 berufene »Holzverteilungskommission« kam mit freiwilligen Appellen, sich an Waldarbeiten zu beteiligen, nicht weit; deshalb sollten, »um ein größeres Quantum Holz zu schlagen, vor allem (ehemalige) Parteigenossen zum öffentlichen Arbeitseinsatz« über das Arbeitsamt Aalen herangezogen werden. Als das nicht den erhofften Erfolg hatte, wurde am 19.10.1945 verfügt: »Jede männliche Person von 17-60 Jahren hat ohne jede Ausnahme sechs rm Holz zu fällen, im Weigerungsfalle werden die Lebensmittelkarten entzogen, für 1946 wird eine Holzzuweisung nicht erfolgen.« Fast gleichzeitig nahmen die Raubüberfälle und Plünderungen erneut derart zu, daß eine Nachtwache von sechs Mann gebildet werden mußte.

Mit großem Eifer ging man daran, die notwendigsten Einrichtungen zu schaffen und reinen Tisch zu machen. Vor allem wollte man »die gefährlichen und schmutzigen Wühlarbeiten bei den Nazielementen im Keime ersticken« (noch im Mai 1949 mußte der Gemeinderat in »Spruchkammernachverfahren« Auskunft über die politische Vergangenheit mehrerer Bürger geben).

Was die Wiederherstellung elementarer Einrichtungen angeht, wurde umge-


zurück
 
Inhalts-
verzeichnis

weiter

[Home]