Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 212 / 494

 

Zusammenhänge herausgestellt hat, sollten wir gerade beim Betrachten der jüngsten Vergangenheit in diesem Beitrag nicht aus den Augen lassen: »Auf solche Weise die eigene Sache darstellen zu können, kann zweifellos Gefahren mit sich bringen: die lokalpatriotische, betriebsblinde Überschätzung, die lobrednerische Verzeichnung von Sachverhalten, die Herausstellung von Kleinigkeiten usw. Jedem sitzt nun mal das eigene Hemd am nächsten, das eigene Heim ist ihm das liebste, und die eigenen Aufgaben überblickt er am genauesten.« Andererseits brauchen jedoch gerade an ein (lesbares) Heimatbuch nicht durchgängig unpersönlich-distanzierte Maßstäbe angelegt werden, denn — um nochmals Baumhauer zu zitieren — »das Fluidum des persönlichen Engagements, das einem Thema den Glanz verleiht; dieses Fluidum möchten wir bei allem Streben nach sachgemäßer Information und Objektivität ... gerade auch in solchen Selbstdarstellungen nicht vermissen.«

Dieser Beitrag strebt keine lückenlose Auflistung aller Ereignisse und Daten seit 1945 an; vielmehr sollen — in bewußt subjektiver Auswahl — Hauptlinien nachgezeichnet und die sich daraus ergebenden möglichen Zukunftsperspektiven angedeutet werden. Weil jedoch, abgesehen von zwei kurzen Berichten über das unmittelbare Kriegsende, die Entwicklung Oberkochens von 1945-1953 (in diesem Jahr erschien erstmals das auch das Zeitgeschehen berücksichtigende Amtsblatt »Bürger und Gemeinde«) noch nirgends dargestellt worden ist, werden diese entscheidenden Jahre ausführlicher abgehandelt.

 

Zusammenbruch und Neuanfang

»Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein. Dieses Schicksal ist unabwendbar. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu einem primitiven Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen ... Was nach dem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen.« (Adolf Hitler am 15.3.1945). Welch unvorstellbares Leid der Zweite Weltkrieg bis heute über die ganze Welt gebracht hat, ist bekannt und braucht hier nicht wiederholt zu werden.

Das vom Bauerndorf allmählich zu einer Industriegemeinde gewordene Oberkochen war am Beginn des Jahres 1945 durch Evakuierungen aus den größeren Städten Württembergs und aus Westdeutschland wie auch durch die ersten Flüchtlinge aus dem Osten mit mehr als 2500 Menschen überbelegt. Aber erst ab Frühjahr gerieten die hier Lebenden durch häufige Tieffliegerangriffe vor allem auf die Bahnanlagen in akute Gefahr. Der schlimmste Monat war der April 1945.

Martha Gold erinnert sich:
»Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, gegen elf Uhr, war auf dem Bahnhof ein 60 Wagen zählender Zug mit KZ-Häftlingen eingefahren, als auch schon


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