Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 205 / 494

 

Materials für diesen Bericht, stieß ich so hin und wieder auf Äußerungen wie: In Oberkochen war's ruhig im III. Reich, oder: Vom III. Reich hat man in Oberkochen nicht viel gemerkt.

Dem widersprechen Fakten wie die Rathausbesetzung, die Auflösung des Zentrums, der politisch erzwungene Bürgermeisterwechsel, Gestapoverhaftungen, die vereinsinternen Machtkämpfe, das Schulverbot für Pfarrer Jaus, die Ablösung eines 1. Vereinsvorstands durch kommunale Erpressung und das Verhalten einiger Familien, die nicht in die NSDAP eingetreten waren, im privaten, aber auch im öffentlichen Leben, wie zum Beispiel bei der Auflösung der Konfessionsschulen, bei Zeugniserteilungen und Beurteilungen ... Selbst bei »wohlwollender« Einstellung gegenüber dem Regime am eigenen Ort wurden solche Ereignisse ja irgendwo aufgenommen und irgendwie gespeichert.

Mit 40 Jahren Abstand — das kam in einigen Gesprächen mit Vertretern »beider Seiten« zum Ausdruck — ist vieles, bewußt oder unbewußt, verdrängt. Dies ist eine Tatsache, die auch im psychologischen Bereich begründet ist.

Es war nicht Ziel und Zweck dieses Beitrags, eine »Dokumentation« des III. Reichs in Oberkochen zu erstellen. Hieran zu arbeiten, auf der Grundlage dieses Mosaiks, könnte vielleicht über Jahre dauernd, eine von vielen Aufgaben eines in naher Zukunft zu gründenden Heimatvereins sein.

Geschichte kann man nur bewältigen, wenn man darüber spricht und nachdenkt. Oberkochener haben beides getan für diesen Beitrag. Kleine Ungenauigkeiten möge man ihnen und mir nachsehen.

Gerne will ich abschließend einräumen, daß mein persönliches Bild, das ich über Jahre hinweg vom III. Reich in Oberkochen hatte — ich bin seit immerhin 24 Jahren Oberkochener Bürger — unvollständig und teilweise falsch war. Grund: Die Oberkochener hatten das III. Reich selbst weit weggeschoben und es kursierten nur oberflächliche Meinungen und Gerüchte. Viele Oberkochener haben mir immer wieder gesagt: Es war in Oberkochen auch nicht anders als anderswo. Was mit dieser allgemeinen Formulierung ausgesagt ist, habe ich versucht, herauszufinden.

Der Rote Faden, den ich aufzuweisen versucht habe, so glaube ich, stimmt im wesentlichen, — noch gibt es weiße Stellen in diesem Mosaik.

Unseren Toten und Vermißten (Zeittafel) des Zweiten Weltkriegs wurde auf dem neuen Gemeindefriedhof ein Ehrenmal errichtet. Mögen die alljährlich anläßlich des Volkstrauertags von Geistlichen und Bürgermeistern formulierten Gedanken dazu beitragen, den Frieden- aber auch den Freiheitswillen in Oberkochen zu kräftigen.


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