Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 204 / 494

 

Das Recht auf freie Meinungsäußerung gab es nicht. Man hatte, wenn man seine Ruhe haben wollte, »seine Gosch zu halten«. In einem Gespräch wurde geäußert »man war damals dem preußischen Gehorchstaat geschichtlich noch um einiges näher, als wir das heute sind«. Ein durchaus erwähnenswerter Gedanke. Dem wage ich entgegenzuhalten: Wir sind heute, auch wenn wir glauben, kritischer geworden zu sein, auch nicht gegen alles gefeit, — vor allem nicht dagegen, daß dereinst auch unserer Generation schwerwiegende Vorwürfe gemacht werden können, — und dies, obwohl es seit nunmehr 41 Jahren eine freie Meinungsäußerung gibt. Kehren wir lieber vor unserer eigenen Tür.

Aus sicherer Distanz über das Damals zu richten, steht uns nicht zu. Aber wir können lernen. Unter diesen Vorzeichen wurde dieser Bericht geschrieben, und unter ihnen möge er verstanden sein.

Ein weiteres Fazit:
Es ist erkennbar, daß es während dem Krieg »Rüstungsgewinnler«, wie man sie nannte, gab, — und auch solche, die daraus, daß sie sich nicht am Rüstungsgeschäft beteiligten, persönlichen und materiellen Nachteil hatten. Am Ende standen alle vor dem Chaos, — und es überrascht, daß, mit Ausnahme der Firma Fritz Leitz, die wenig später aufgelöst wurde, in allen Oberkochener Firmen, gleich ob sie in der Rüstung tätig gewesen waren oder nicht, bereits im Sommer 1945 wieder gearbeitet wurde.

Ferner zeigte sich, — und das mag für manchen überraschend sein — daß Oberkochen insgesamt, gerade durch den einen im Verhältnis überproportional großen Rüstungsbetrieb, zu dem sich weitere Betriebe gesellten, vom III. Reich mehr mit- und abbekommen hat als Gemeinden vergleichbarer Größe. Auch die gesamte Nachkriegsentwicklung hängt letzten Endes damit zusammen: In den leerstehenden Fabrikationsgebäuden der Firma Fritz Leitz begann die Weltfirma Carl Zeiss ihre Nachkriegsproduktion.

Als weiteres Ergebnis bleibt festzuhalten, daß der schnell-aufgekommene Wohlstand, wie überall in Deutschland, so auch in Oberkochen, lange Zeit über die eigentlichen Entwicklungen im III. Reich hinwegtäuschte.

Der »Autobahnhitler«, der »Arbeitsbeschaffungshitler«, der »das-hätte-esbei-Hitler-nicht-gegeben-Hitler«, — der rosarot gefärbte Hitler also, flackert hie und da verhalten. Auch das sei festgestellt. Doch auch hier sind Oberkochener wiederum nicht anders als andere Deutsche. Alles andere festzustellen wäre eine Verfälschung des Bildes. Es ist eben sehr einfach, das »Gute« von damals mit dem »Schlechten« von heute zu vergleichen.

Auch sollte man sehen, daß selbst in unserer derzeitigen etwas sensibilisierteren Gesellschaft vielerorts in der Bundesrepublik Menschen, die im Herzen Rüstungsgegner sind, in Betrieben arbeiten, die im Rüstungsgeschäft stehen. Wie konsequent sind wir heute?

Ein letztes: Schon in früheren Jahren, aber auch beim Zusammentragen des


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