Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 203 / 494

 

Daß dies in einer kleinen Gemeinde wie Oberkochen (1933: 1708 Einwohner) möglich war, zeigt, mit welcher unglaublichen Dynamik, Macht und Intoleranz das System sich durchzusetzen vermochte, — zeigt aber auch, in welch hohem Maß eben dieses System die große Mehrheit zu begeistern verstand.

Die Namen der Verantwortungsträger hier aufzuführen und mit Kommentaren zu versehen, habe ich jedoch nicht als Aufgabe eines ersten Sich-Erinnerns an das III. Reich in Oberkochen betrachtet. Es ging mir um die Darstellung des Roten Fadens anhand von Fakten, Berichten und ehrlichen Schilderungen von Oberkochenern, die diese Zeit bewußt erlebt haben und sie heute mit gesundem Menschenverstand überblicken, — dennoch aus ihrer Sicht; gelegentlich mit vehementem Engagement.

Mich hat die Frage: gab es in Oberkochen einen Widerstand gegen das III. Reich, besonders beschäftigt.

Antwort: Es hat einen gegeben — das Mosaik zeigt das; allerdings keinen spektakulären. Die Zahl der ideell und bewußt aktiven Opponenten war gering. Es waren 20 bis 30 Familien. Aber es gab sie — und sie haben viel riskiert. Schon die Tatsache, nicht in »der Partei« zu sein, bedeutete eine Herausforderung gegenüber dem örtlichen Regime. Die Äußerung: »Die eigenen kleinen Nadelstiche lassen sich nicht mit dem großen Widerstand vergleichen«, zeigt, daß man sich heute wahrhaft nichts darauf einbildet, damals dagegen gewesen zu sein.

Es gab einen passiven Widerstand im Herzen, es gab einen verstandesmäßigen, und es gab einen, der im christlichen Glauben wurzelte, — und es gab ein Resignieren. Es gab demonstrative Akte des Dagegenseins, die persönliche Nachteile bis hin zu empfindlichen Strafen nach sich zogen. Aber noch mehr konnten oder wollten die Oberkochener nicht, — je nach dem. Und das ist menschlich.

Die Zahl der stillen Gegner war ungleich größer. Es war ein innerlicher Widerstand gegen eine unchristliche Weltanschauung, hinter der eine gewaltige politische Macht stand, vor der man begründete Angst hatte und haben mußte, — auch in Oberkochen. Das war der Grund, — wie überall, — daß der Widerstand klein blieb.

Die meisten haben mitgemacht, mehr oder weniger, wohl oder übel, und es gab überzeugte Nationalsozialisten, — das ist ein Fazit. Opponiert hat ein verhältnismäßig kleiner Rest. Dieser kleine Rest hat das Regime — und auch in Oberkochen gab es ein Regime — nicht ge-, vielmehr erduldet — und auch erlitten.

Das ist die Wahrheit.

Man kann heute in Freiheit gut Kritik üben, — »das hätte man doch merken müssen« ... schauen wir doch auch über die Mauern und hinter die Vorhänge zeitgenössischer totalitärer Systeme.


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