Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 193 / 494

 

Es ist makaber, sich vorzustellen, daß diese Gefangenen Granaten drehten und an Flugzeugteilen arbeiteten (Dornier, Messerschmitt und Heinkel, die dazu bestimmt waren, möglicherweise den eigenen Landsleuten Verderben zu bringen. Doch erging es den deutschen Kriegsgefangenen nicht anders.

Aus einigen Kontakten zu Gefangenen sind herzliche Verbindungen zur Zivilbevölkerung entstanden, die auf sie zurückgriff, wenn es darum ging, die Arbeitskraft eines eingezogenen Vaters oder Sohns zu ersetzen. Sie wurden für Gartenarbeiten, zur Mithilfe in der Landwirtschaft oder auch nur zum Holzspalten übers Wochenende von den Firmen »ausgeliehen«, — gegen ein Vesper; — und auch hier wurden die Gefangenen oft mit herzlicher Gastfreundschaft bedacht.

Die Firma Fritz Leitz (Rüstungsbetrieb) errichtete das nach der Ehefrau des Firmenchefs benannte »Martha-Leitz-Haus«. Aus diesen zunächst nur für die Firmenangehörigen gedachten Kantinen- und Gesellschaftsräumen entwickelte sich in den Vierzigerjahren eine Art Kulturzentrum, das auch der Öffentlichkeit zugänglich war. Es gab für ein paar Pfennige Filmvorführungen und natürlich die »Wochenschau«. Viele Oberkochener erinnern sich ihrer ersten Filmerlebnisse. Zarah Leander, Marika Rökk, Heinrich George, Emil Jannings und Werner Krauss.

Man war hell begeistert vom »Tiger von Eschnapur« und sogar der Großvater war mit von der Partie. An Wochenenden waren die Kinovorstellungen total ausgebucht. Auch im »Hirsch« war jede Woche einmal Filmtag. Ein Oberkochener erinnert sich mit absoluter Sicherheit, dort im Jahr 1932, wahrscheinlicher jedoch sogar erst 1933, den Film »Im Westen nichts Neues« gesehen zu haben. Daß zu dieser Zeit eben dieser Film, der ja damals bereits auf der »Liste« stand und verboten war, — die Bücher dieses Titels wurden verbrannt, — in Oberkochen noch gezeigt werden konnte, ist bemerkenswert.

Später fanden im Martha-Leitz-Haus, das 1980 einem Neubau der Firma Carl Zeiss weichen mußte, und somit der alten Villa Fritz Leitz in die »Wanne« (städtisches Auffüllgebiet) folgte, auch öffentliche Großveranstaltungen der NSDAP statt. Auf dem First des Gebäudes stand, lange ehe eine zweite dann auch aufs Rathaus gesetzt wurde, die erste Sirene. Alle Aktivitäten auf lokaler, höherer und höchster Ebene sind von einem damaligen Mitarbeiter der Firma Fritz Leitz, bei dem alle die »hohen Herren« saßen, festgehalten, in Film und Photo, und chronistisch dokumentiert worden.

Durch den hohen Anteil von in der Industrie Tätigen gab es bis »Stalingrad« (1942) in Oberkochen relativ wenig Einberufungen. Man war UK gestellt (unabkömmlich). Wer abkömmlich war, bestimmte der Firmenchef.

Wenn in den Augusttagen 1939, zur Zeit der Mobilmachung, zehn oder mehr Soldaten Oberkochen verlassen und an die Front mußten, fanden am Bahnhof regelrechte, nicht organisierte, »Bahnhöfe« statt, die anfänglich von verhaltenem Optimismus getragen, bald jedoch mit Sorgen überschattet waren.


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