Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 192 / 494

 

Bereits 1939 wurden Lebensmittelmarken und Kleiderkarten eingeführt. Von einem Tag auf den anderen mußte man im »Lamm« für sein Schinkenbrot »Märkle« hergeben. Da haben ein paar Oberkochener einen solchen Zorn bekommen, daß sie unter Protest das »Lamm« verließen und in den »Hirsch« gegangen sind, wo man noch etwas »ohne Märkle« bekam.

Empfindliche Engpässe in der Versorgung hat es in Oberkochen nicht gegeben. Schwieriger war es, Kleidung und Wäsche zu bekommen.

Ab Kriegsbeginn gab es die Sondermeldungen des OKW (Oberkommando Wehrmacht) von den Fronten. In den Firmen gab es Radioanlagen mit Lautsprecheranschluß.

Über die Blitzkriege gegen Polen, Frankreich, Balkan, Norwegen 1941, und 1942 noch über den Rußlandfeldzug, wurde man laufend durch Sondermeldungen unterrichtet. In einer Firma lief in diesen Tagen und Monaten täglich das Radio gedämpft während der Arbeitszeit. Beim Ertönen der Fanfaren für die Sondermeldungen wurde aufgedreht und alle im Betrieb konnten oder mußten mithören. Das Abhören von Auslandssendern, auch privat, war streng verboten, besonders ab Stalingrad: es gab nun auch Meldungen von Niederlagen der Deutschen. Diese wurden im Deutschen Rundfunk gefärbt.

Während am Gefallenen-Denkmal des Ersten Weltkriegs, dem Lindenbrunnen, flammende Vaterlandsreden von der Partei gehalten wurden, trafen, nachdem zunächst alles soweit »friedlich« gelaufen war, die ersten traurigen und schockierenden Kriegsbotschaften in den Ort: Benachrichtigungen, daß der Vater oder der Sohn gefallen waren. Verwundete kamen zurück und berichteten von der Front, (Oberkochener kämpften an allen Fronten, — Polen, Frankreich, Balkan, Norwegen, Rußland, Afrika), und da war vieles anders als man es in den Zeitungen lesen oder im Rundfunk hören oder gar im Kino sehen konnte. Erst jetzt begann im Ansatz eine Ernüchterung auf etwas breiterer Basis zu keimen.

1941 kamen die ersten Kriegsgefangenen nach Oberkochen, — zunächst Franzosen, später Russen und andere Staatsangehörige, die in der alten TVO-Turnhalle (nach dem Krieg abgerissen, da komplett »verdreckt und verlaust«), und in vielen Baracken, die meist auf firmeneigenem Gelände (Fritz Leitz, WIGO, Bäuerle, Oppold) errichtet und mit Stacheldraht umzäunt wurden. Auch internierte Ausländer wurden hier eingewiesen, und wie die Gefangenen zu Zwangsarbeit eingesetzt.

Von WIGO wird berichtet, daß dort ca. 20 russische Frauen und zehn russische Männer Granaten drehten. Sie haben, vor allem die Frauen waren sehr geschickt, »auf Teufel komm raus« gearbeitet, von morgens sechs bis abends sechs, — überwacht, — und bekamen etwas Geld (Sondergeldscheine, mit denen sie nicht viel anfangen konnten). Versorgt wurden die Gefangenen in den Betrieben.


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